Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 312 - Denn von eben dieser Umgebung wurde es damals als ein augenscheinliches Wunder gerühmt, daß die Leiche, welche M offenen Sarge inmitten ihres Salons lag. während ihre Umgebung in tiefem Schmerze rings herum knieend Trauerlieder sang, plötzlich nochmals die Augen geöffnet und ihre Diener rings im Kreise angesehen habe, worauf diese, durch dieses Wunder ebenso überrascht als befriedigt, augenblicklich den Sarg zuschraubten und vor der Beerdigung nicht mehr zu öffnen wagten. Mit dem Tode der „heiligen Mutter" hatte die Sekte nicht blos die Prophetin, sondern auch den eigentlichen Stützpunkt verloren; denn sowohl ihr Vater als auch sie sollten unsterblich sein, und wenn auch die weniger denkenden Anhänger derselben dieses Sterben Beider nur ein „sich Unsichtbarmachen" nannten, so konnte bei den Denkenden dennoch die Ueberzeugung nicht länger ausbleiben, daß ihr Herz und ihre Phantasie von einem Irrwahn befangen war, und der größte Theil derselben wandte sich wieder ganz dem positiven Glauben zu, welchem sie ehedem angehörten. Wohl versuchte es noch im Jahre 1822 ein polnischer Abenteurer, ein gewiffer Kahlinsky aus Warschau, sich für den Propheten auszugeben, gewann auch in Polen einen Anhang und versuchte es auf einem Kongresse der ehemaligen Anhänger dieser Sekte, welcher in Karlsbad im Jahre 1823 abgehalten wurde, auch Böhmen, Mähren und die deutschen Länder seinem Einflüsse zu unterwerfen, allein ebenso gelehrte als einflußreiche Männer traten ihm dort entgegen und entlarvten ihn als einen Betrüger. Er kehrte nach Warschau zurück und starb bald darauf am Harnsteine. Noch jetzt zählt diese Sekte in Polen, namentlich in Warschau, zahlreiche Anhänger, die dort unter dem Namen „Frankistm" bekannt sind, und welche ein kaiserlicher Mas vom 25. März 1817 „christliche Israeliten" nennt. Mehrere derselben stammen bereits seit 3—4 Generationen von christlichen Eltern ab, beobachten aber dennoch mehrere jüdische Gebräuche und heirathen sich unter einander. In Böhmen zählt die Sekte gegenwärtig keinen Bekenner mehr, und der letzte Rest der Sabbatianer in Deutschland, welcher in Offenbach noch lebt, besteht aus vier Männern und einer unverheiratheten Dame aus der Familie der gelehrten Pawlowsky, welche, allgemein geachtet und geehrt, nach einem vielbewegten Leben der stillen Grabesruhe entgegengehen. Wundert Euch nicht, wenn Ihr in regnerischer September- oder stürmischer Dezembernacht die wankenden Gestalten auf dem ehemaligen Kirchhofe Offenbachs erblickt, das Haupt entblößt, das Knie gebeugt, die Seele in tiefer Andacht versunken — sie feiern die Tage, an denen „der heilige Vater,", „die heilige Mutter," sich „unsichtbar gemacht", und beten knieend an den Gräbern von Jakob und Eva Frank. Fitterarische Mittheilrmgen. ---- Dr. A. Berliner: Aus meiner Bibliothek. Beiträge zur hebräischen Bibliographie und Typographie. Frankfurt a. M. 1896. I. Kauffmann. Eine sehr interessante Gabe, die der gelehrte Litterarhistoriker den Feinschmeckern auf diesem Gebiete darbietet. Das Material ist für eine übersichtliche Darstellung dieser Materie bisher sehr spärlich geflossen; um so dankbarer werden diese Beiträge von Sachkennern ausgenommen werden. Mit wahrem Bienenfleiß hat Dr. Berliner in den großen Bibliotheken Italiens seit Jahrzehnten gesucht und dort höchst interessante Handschriften und Drucke, letztere aus der Zeit des ersten halben Jahrhunderts nach Beginn des hebräischen Buchdruckes, gesammelt. Es sind darunter Unica, z. B. Gebetbücher, die für die Geschichte des Ritus sehr wichtig sind, Midrasch-Ausgaben, philosophische Werke und Erzählungen, ferner sehr werthvolle Jncunabeln und andere Seltenheiten von Bedeutung. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, wie wünschenswerth es wäre, wenn diese reichhaltige Sammlung, die in Wahrheit als eine Seltenheit unter Seltenheiten bezeichnet werden darf, zusammen erhalten bliebe, als kostbarer Anhang zu einer großen öffentlichen Bibliothek. Hoffentlich bleibt uns diesmal die beschämende Erfahrung erspart, daß eine solche Sammlung wieder nach dem Auslande gehen müßte. — Von dem rühmlichst bekannten Hebraisten Leon Liebermann in Warschau liegt uns ein vor einiger Zeit daselbst erschienenes Buch „Kol Jehuda" vor, welches auch den in Deutschland Hebräisch Lernenden aufs Wärmste zu empfehlen ist. Dieses Buch, welches den ersten Band einer großen Arbeit bildet, enthält die täglichen Gebete in tadelloser deutscher Uebersetzung und ist mit sehr werthvollen grammatikalischen, geschichtlichen und didaktischen Anmerkungen versehen, welche alle bis ins kleinste Detail reichen und aufs Sorgfältigste gearbeitet sind. Somit ist das Werk als Nachschlagebuch wie auch zum Selbstunterricht ausgezeichnet zu verwenden. Der unermüdliche Verfasser arbeitet jetzt an einer gleichen Ausgabe der Festgebete und der Bibel. Kpvechfcral. Herr Redakteurs Nr. 6 dieses Blattes hat Dr. Hammerschlag einige recht intereffante Notizen zu Holdheims Biographie gegeben. Diese Notizen veranlassen mich zu der Bemerkung, daß unsere biographische Litteratur im Rückgänge ist. Jellinek und Grätz, zwei so prominente Erscheinungen unserer jüngsten Geschichte, haben noch keinen Biographen gefunden. Und dazu wäre es höchste Zeit, ehe die persönlichen Reminiscenzen ihrer Jugendfreunde unwiederbringlich verloren sein werden. Auch Aron Kornfeld verdient eine Biographie, und zwar eher noch als Grätz und Jellinek, denn er war eine eigenartige Persönlichkeit, ein erratischer Block aus einer längst entschwundenen Vergangenheit in eine ganz fremde Umgebung gerathen. Auch seine religiöse Stellung war höchst originell. Ich erinnere mich, ein kleines Schriftchen Zyjunim le-dibre-Kabalah gesehen zu haben, in welchem er allen Ernstes behauptete, daß man durch den Zahlenwerth jedes biblischen Gesetzes die Berechtigung der rabbinischen Exegese beweisen könne. Er ging darin sogar so weit, die numerische Identität von nWK^D mit KW als Beweis für die Berechtigung dieses Zahlenspieles heranzuziehen, denn Gott habe das so gefügt, wie er (Deut. 13, 4) auch das Zeichen des falschen Propheten einmal eintreffen lasse, um unsere Glaubensstärke zu prüfen. Eine solche Traditionsgläubigkeit können wohl die tief gekränkten Kritiker meiner Theory of oral tradition nicht mehr aufweisen. Ebenso wenig dürfte ein Rabbiner in Nachod heutzutage als „Kerl" gelten, wenn er am Pessachfeste sich ein Medikament aus der Apotheke holt. Das sind also durchaus historische Momente, die festgehalten werden müssen, ehe sie ganz entschwinden. Ebenso die Thatsache, daß ein Branntweinbrenner, wie Aron Kornfeld, nicht nur ein bedeutender Talmudist sein, sondern seine Zeit dem Unterrichte der Jugend widmen konnte. Das klingt ja heute wie eine Fabel, obwohl Aron Kornfeld noch nicht zwanzig Jahre todt ist. Ganz neu war es mir, daß Nachkommen des „Jud und kais. Hoffaktor" Samson Wertheimber noch um die Mitte dieses Jahrhunderts gesetzestreue und gelehrte Juden gewesen seien. Ich hatte den Eindruck empfangen, daß die getaufte Familie Wertheimber in Wien die ganze Deszendenz des gelehrten Mäcen repräsentire. Darum wäre es von großer Wichtigkeit, Erinnerungen dieser Art zu sammeln, und manchen Lesern jüdischer Zeitschriften, wie dem ergebenst Gefertigten, wären sie eine interessantere Lektüre als fachwiffenschaftliche Aufsätze oder Berichte aus fachlichen Vereinen, die in solcher Ausführlichkeit nur die engsten Kreise interesstren können. Es sei mir gestattet, aus meinen eigenen Erinnerungen die Thatsache anzuführen, daß ich den verstorbenen Krakauer Rabbiner und Reichsrathsabgeordneten Simon Schreiber, einen sehr beleibten Herrn, bei dem Banket einer D'W während einer kabbalistischen Derascha fest entschlummert sah. Zum „Benschen" aufgeweckt, sagte er zu dem Sprecher: „Reb Joffes Löb, Ihr müßt ein andermal etwas sagen, was der gemeiner Oilem auch versieht." Ergebenst Cincinnati, 28. März. Prof. Dr. G. Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.