Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 von großer Gelehrsamkeit, die ihren Nacken unter das Joch der Gottesfurcht beugen." Uebrigens gesteht auch er, von ihren eigentlichen religiösen Grundsätzen nichts zu wissen. Der gelehrte Peter Beer sagt, daß er viele Sabbatianer persönlich kenne, und daß er nichts als Gutes und Lobenswürdiges von ihnen sagen könne, was alle Jene bestätigen müssen, welche nicht ungerecht und parteiisch sein wollen, und so kann schließlich auch Referent als Augenzeuge hinzufügen, daß die letzten Reste dieser Sekte, welche als Greise heutigen Tages (in den fünfziger Jahren) noch treu den religiösen Grundsätzen ihrer Jugendzeit in Offenbach unter dem Namen der „polnischen Katholiken" leben, von ihren Mitbürgern nicht blos geachtet, sondern selbst mit einer großen Pietät behandelt werden und von Seiten der Landesregierung sich nicht blos eines vollkommenen Schutzes in ihrer Religionsübung, sondern auch einer sie auszeichnenden Achtung erfreuen. An einem anderen Ort sagt Peter Beer, daß diese Sekte ihre Grundsätze für Profane so geheim als möglich halte, und es auch scheint, daß selbst nicht alle Mitglieder gleich eingeweiht sind, sondern daß die Mysterien nach gewissen Groden mitgetheilt werden. Auch hierin müssen wir jenem Gelehrten widersprechen, indem es bei dieser Sekte durchaus nicht jene Grade und Rangstufen gab, wie selbe bei den Freimaurern und anderen religiösen Gesellschaften zu Zeiten üblich waren, und die Stufenleiter des Ranges, welcher sich in der äußeren Erscheinung offenbaren mochte, war nur eine nothwendige Folge der natürlichen Unterordnung kleinerer Geister unter größere und gelehrtere. Ebenso wenig kann von eigentlichen Mysterien die Rede sein, die nur nach gewissen Graden sollten mitgetheilt worden sein, denn da ihre Lehren und ihre Ueberzeugungen Früchte waren, welche aus der Blüthe biblischer und talmudistischer Gelehrsamkeit, durch die Wärme spekulativer Forschung zur Reife kamen, so konnten natürlich nur Jene reiferer und vollkommenerer Früchte sich erfreuen, in deren Geist ein größeres biblisches und talmudisches Wissen eine größere Anzahl von Blüthen und Fruchtkeimen zur künftigen Reife vorräthig hielt; darum waren die Angesehensten dieser Sekte auch immer die Gelehrtesten, und Jene, welchen diese Vorbildung oder der zur Forschung nothwendige Geist fehlte, fühlten und erklärten sich selbst für untergeordnet, wenn auch nach dem Geiste dieser Sekte zwischen Menschen, und zumal Glaubensbrüdern, durchaus keine Rangordnung denkbar war. Erst mehrere Jahre nach Jakob Franks Tode, beiläufig uin das Jahr 1798, wurde die Sekte durch Emiffäre auch in Böhmen und namentlich in Prag verbreitet, wo einige der angesehensten und gelehrtesten jüdischen Familien sich nicht blos öffentlich zu ihr bekannten, sondern auch ihre Söhne, meist Jünglinge im blühendsten Lebensalter, nach Offenbach sandten, wo sie theils der Garde eingereiht, theils zu Missionen und anderen Dienste» verwendet wurden. Im Jahre 1800 erschien von Offenbach aus ein Sendschreiben in Tausenden mit rother Tinte geschriebenen Exemplaren, welches an viele Gemeinden Böhmens, Mährens, Polens und der Türkei gerichtet war und die allgemeine Aufforderung an sämmtliche Israeliten enthielt, zur christlichen Kirche überzugehen. Dies Dokument, welches unter dem Namen des „rothen Briefes" bekannt ist,') existirt in 0 Das Original des rothen Briefes, von dem bis zum Jahre 1894 nur eine deutsche Uebersetzung bekannt war, die Peter Beer in seiner Geschichte aller religiösen Sekten der Juden, II, 329—39 veröffentlicht hatte, liegt jetzt, von Dr. Nathan Porges aus dem Nachlasse seines Großvaters Joseph Hirsch in Prag herausgegeben, in Revue des stuäss juives XXIX, 283- 86 vor. D. K. einzelnen Exemplaren noch heute. Es war in chaldäisch-rabbinischer Sprache abgefaßt und begann mit den Worten: „Der Herr des Friedens gebe Euch und dem ganzen Hause Israel Segen und Frieden," hierauf enthielt es Prophezeiungen von allgemeinem Unglück und Wehe und die Aufforderung, daß dieses auf keine andere Art beschworen werden könne, „als bis das Gesetz Mosis erfüllt und Ihr alle in die heilige Religion der Edomiten eingehet. — Befolget alles," hieß es am Schluffe, „was Er (Jakob Frank) in seinen heiligen Briefen vorgeschrieben hat, so wird der Gott Jakobs in Euerer Hilfe sein, Ihr werdet vor allem Unglück und Leiden bewahrt, das Erbtheil Jakobs, ein Besitz ohne Grenze, Euch zutheil werden, und es wird Euch wohl ergehen alle Tage der Welt!" Unterschrieben war das Dokument von: „Franzischek Wolowsky, vorher genannt Salomon, Sohn des Elischa Schor aus Rohatim." „Michael Wolowsky, vorher genannt Nathan, Sohn des Elischa Schor aus Rohatin." „Jemmersky Dembowsky, vormals genannt Jerucham, Sohn des Lipman aus Czortkow." Es scheint nicht, daß die rothen Briefe von irgend einem Erfolge begleitet gewesen wären, denn es ist nicht bekannt, daß zu jener Zeit Israeliten in größerer Anzahl zur christlichen Religion übergegangen wären oder auch nur der Sekte der Sabbatianer sich zuwandten; im Gegentheil war jenes Sendschreiben ganz dazu geeignet, den Haß der Rabbinen gegen jene Sekte zu vermehren, der endlich selbst in Prag dahin gelangte, daß von Seiten des damaligen Oberrabbiners eine förmliche Exkommunikation der Mitglieder derselben .erfolgte, welche von der politischen Behörde zwar nicht anerkannt wurde, dennoch aber die Folge hatte, daß die Bekenner jener Sekte Verfolgungen und Beschimpfungen von der Bevölkerung der Judenstadt zu ertragen hatten. Auch in Offenbach, am Hofe der „heiligen Mutter", nahm jener Glanz lind jenes Wohlleben ab, welches zu Zeiten ihres Vaters dort blühte. Derselbe hatte trotz seiner ungeheuren Revenuen eine Schuldenlast von mehr als einer Million Gulden hinterlassen, und die Gläubiger, welche bemerkten, daß die Zuflüsse nicht mehr so reichlich wie früher erschienen, mochten um ihre Kapitalien wohl besorgt geworden sein und drängten die Erbin des väterlichen Ansehens. Bald war Eva Frank gezwungen, das Palais Isenburg wieder an die früheren Besitzer zurück zu verkaufen und sich in ein kleines Haus zurückzuziehen, das damals schon hinreichend war, sie und ihren sehr zusammengeschmolzenen Hofstaat in sich aufzunehmen. Ihre beiden Brüder Joseph und Rochus waren schon ihrem Vater ins Grab gefolgt, und viele der jungen und älteren Männer, die dort lebten, kehrten zu ihren Familien zurück, theilweise überzeugt, daß sie einen schönen Theil ihres Lebens einem Irrwahn geopfert hatten; doch von dem Reste der ihr treu gebliebenen Anhänger wurde sie mit um so größerer Verehrung behandelt, als sie zu jeder Zeit, und namentlich in ihrem Unglück, jene Seelengröße, jene Ruhe und Güte bewährte, die nur edleren Naturen eigen ist. Von ihren Gläubigern immer mehr und mehr gedrängt, wurde endlich im Monat März des Jahres 1816 der Schuldenarrest über sie verhängt, aber in Berücksichtigung ihres leidenden Zustandes ihr die Begünstigung zugestanden, daß sie in ihrem eigenen Hause konsinirt blieb; doch währte diese traurige Gefangenschaft nicht lange, denn am 13. September deffelben Jahres starb sie eines plötzlichen Todes infolge eines Nervenanfalles, dem sie in letzterer Zeit oftmals ausgesetzt war. Daß es dabei an Wundermärchen nicht fehlte, welche von ihrer fanatischen Umgebung damals geglaubt und erzählt wurden, ist natürlich, und es scheint fast, daß durch eben diesen fanatischen Glauben der unglücklichen Frau das schreckliche Loos des Scheintodtbegrabenwerdens zutheil geworden. t ||