Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
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- 310 -- »Lebe wohl!" sagte Naomi endlich mit zitternder Stimme und suchte ihre Thränen zu unterdrücken. Dann stieg Reson rasch zu Pferde und trabte die Ufer des Sees entlang nach Süden. Der Stern von Edom verbarg sich in seiner einsamen Höhle. (Fortsetzung folgt.) Bas Grab eines Propheten in Offenbach. Von Dr. Arnold Hirsch. III. er Ursprung der Sekte der Frankisten datirt schon aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, allein Geheimhaltung ihrer wesentlichsten Prinzipien scheint von jeher und auch später ihren Bekennern als heilige Pflicht gegolten zu haben. Von ehemaligen gelehrten Anhängern derselben, meist polnischen Rabbinen, existiren zwar mannigfache Werke, welche zu Gunsten und zur Unterstützung derselben geschrieben wurden, so von Rabbi Nechemia Chajjon (Es elohim, Berlin 1715), von Rabbi Cbajim Melech und Anderen; aber abgesehen davon, daß sie in chaldäisch-hebräischer Sprache erschienen und daß niemals eine Uebersetzung davon in einer lebenden Sprache bekannt wurde, enthalten auch diese nichts Wesentliches über den eigentlichen Kern ihrer religiösen Anschauungen und Grundsätze. Niebuhr sagt in seiner »Abhandlung über verschiedene Nationen und Religionsparteien" (Deutsches Museum 1784): „Noch jetzt findet man in Salonich wohl 600 Familien, die sich zu dieser Sekte bekennen und unter dem Namen Dolmäh (d. h. Abtrünnige) bekannt sind. Sie beschneiden zwar ihre Kinder am achten Tage, bekennen sich aber zum Koran; sie schätzen das Hohe Lied Salomos höher als Thora und Koran. Ich habe zwar nie einen Dolmäh gesehen, und wenn ich auch Gelegenheit gehabt hätte, einen kennen zu lernen, so würde er mir doch wohl nichts von den Grundsätzen seiner Religion geoffenbart haben." — Auch spätere Forscher auf dem Felde der Religionsgeschichte gestehen gleichfalls das Mangelhafte ihrer Einsicht in Bezug auf das innere Wesen dieser Sekte; so sagt der gelehrte Peter Beer, der eifrige Forscher der Geschichte des Judenthums, in seinem Werke über die Sekten (Brünn 1822), daß die Grundsätze der Sohariten oder sogenannten Sabbatianer keineswegs in Bezug auf Evidenz ihres Zweckes und ihrer Grundsätze so deutlich, wie dies bei den übrigen Sekten geschehen ist, von ihm dargestellt werden können. Der Grund liegt in dem, fährt er fort, daß die Anhänger dieser Sekte von ihren wesentlichen Grundsätzen und ihrem Hauptzwecke bis jetzt nicht das Mindeste, sei es aus besorglicher Verschloffenheit oder welcher Ursache immer, öffentlich durch den Druck lautbar machten. — Wir sind in der Lage, den wahren Grund dieser Verschlossenheit richtiger und der Wahrheit getreu in dem Motive zu bezeichnen, daß es im Prinzip dieser Sekte durchaus nicht lag, Proselyten in großer Anzahl für ihre religiöse Uebcrzeugung zu gewinnen, sondern daß es vielmehr die Absicht derselben war, nur mit solchen Männern ihre Gemeinde zu vergrößern, welche, von innerem Beruf getrieben, Zeit und Muhe nicht sparen wollten, um sich durch mündliche Traditionen und Lehren der Koryphäen jener Zeit, deren es nicht wenige in allen den Ländern gab, wo besagte Sekte blühte, in ihre religiösen Grundsätze einweihen zu lassen, uin durch jene Zeit- und Geduldprobe den Lehrern im Vorhinein die Garantie zu bieten, daß der Novize auch wirklich den Willen und die Kraft besitze, der neuen Lehre ausschließlich sein ganzes Leben weihen zu wollen. Der Schüler müffe den Lehrer suchen, und nicht etwa umgekehrt, galt als ihr oberstes Prinzip, welches sie durch die Autorität eines talmudischen Satzes bekräftigten. „Jogato, umozoso, tamin“, heißt es im Talmud — „wer gesucht hat und gefunden — dem darfst du glauben", ist die gewöhnliche Uebersetzung dieser Worte, die sie jedoch psychologisch richtig auf ihre Lehre derart erklären, daß nur. wer gesucht hat und dann gefunden, wirklich und fest glaube, Jener aber, dem der Fund nur etwa gelegentlich und zufällig gelungen — die Glaubensstärke des Ersteren nie haben werde. Die Wahrheit suchen mußte der Schüler — sie ernstlich suchen — das Forschen nach ihr sich zur Lebensaufgabe machen — nur dann wurde er als Schüler ausgenommen. Daher gab es bei der Aufnahme in diese Brüderschaft keine Ceremonie, keine Gelübde, keine Eide, keine Probejahre oder Wochen, wie sie bei anderen Sekten Vorkommen. Wer die Wahrheit suchen und dieser Sekte sich anschließen zu wollen erklärte, der wurde nicht zurückgewiesen, und der gewöhnliche Vorgang bei Aufnahme der Novizen war einzig jener, daß ihnen dunkle Stellen aus der heiligen Schrift und dem Talmud nur derart mitgetheilt wurden, daß ihnen die Dunkelheit nachgewiesen, das Licht und die Erklärung aber nicht gleichzeitig gegeben wurde. An dem Ernst, mit welchem der Schüler aus dieser Finsterniß nach dem Lichte der Erkenntniß strebte, aus seinem Eifer, mit welchem er durch Studium und Nachdenken in diesen Labyrinthen nach dem Ariadnefaden strebte, erkannten die Lehrer die religiöse Willenskraft ihres Schülers und ließen ihren Geist ihm als Leuchte dienen, um ihn aus der Wüstenei der geweckten Zweifel in das gehoffte Land der geistigen Verheißung zu geleiten. — So wie nach de» physiologischen Gesetzen nicht die Speise den Körper verhältnißmäßig nährt, sondern blos jene Stoffe zu Nahrnngssäften in ihm sich verarbeite», welche der Organismus wirklich verlangt, so hielten sie es auch mit der Nahrung des Geistes, von welcher sie richtig voraussetzten, daß sie nur dann in das innerste Wesen übergehe, wenn das natürliche Verlangen dafür schon a priori vorhanden gewesen. — Nur der Eifer des Schülers in seinem Streben nach Erkenntniß, nicht seine Fähigkeit, war in solchem Falle maßgebend, und die natürliche Folge davon, daß in dieser Sekte neben den berühmtesten Gelehrten ihrer Zeit auch einfache Männer von beschränkteren Ideen und begrenztem Wiffen zur religiösen Brüderschaft sich verbanden; der Wille nach Erkenntniß des Wahren und Guten mußte Allen gemeinschaftlich sein, wenn sie in der Erreichung dieses Zieles, nach ihrer verschiedenen Fähigkeit, auch auf verschiedener Stufe der Erkenntniß standen und daher das jedesfalls merkwürdige und seltene Resultat, daß vom gelehrtesten Talmudisten bis zum einfachsten und ungebildetsten Hausirer in dieser Sekte der Trieb nach einem Höheren, und daher eine veredelte moralische Bildung und Anschauung die allgemeine Regel war, von welcher nur höchst selten eine Ausnahme sich vorfand, was bei der vernachlässigten moralischen Ausbildung der unteren Volksklassen zu jener Zeit in Ländern wie Polen. Walachei und Türkei jedenfalls eine ebenso bemerkenswerthe als rühmliche Thatsache bildet. So sagt Nieduhr von den Bekennern dieser Sekte in der Türkei, den Dolmäh, daß sie auf ihr Wort strenge halten und im Handel keinen übergroßen Vortheil nehinen, so ertheilt auch ein gelehrter Zeitgenoffe und Rabbi, der übrigens auf religiösem Gebiete zu ihren Bekämpfern und Verfolgern gehörte, in seinem Werke „Ahawas David" (Prag 1800) dem moralischen Charakter der Bekenner dieser Sekte das ehrenvolle Zeugniß, daß unter ihnen weder Stolz noch Neid noch leidenschaftliche Begierde, auch nicht Ruhm und Ehrgeiz herrsche. „Ihre Worte", fügt er hinzu, „bestehen in Gottesfurcht und Sittenlehre, um die Menschen zur Quelle der Ruhe hinzuleiten, sie zeigen sich nicht blos als fromme Menschen, sondern auch als Männer ■inii