Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
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309 Eine tiefe, traurige Einsamkeit war über dem tobten Meere und seiner Umgebung ausgebreitet. Kein Luftzug rührte sich, kein Vogel zwitscherte, nur der Jordan schlug leise an die grünen Ufer. Von Osten her kam ein Mann zu Pferde an dem Flusse an. Nachdem er mit prüfenden Blicken eine Furth gesucht hatte, ließ er sein Pferd mit langsamen Schritten hindurchtraben. Bald befand er sich diesseits des Ufers, wo er heruntersprang, seinem Pferde die Zügel über den Kopf warf und das Gebirge hinaufzusteigen begann. Das Pferd aber blieb geduldig am Ufer des Jordans stehen. Es war der Mann, welcher langsam die - Felsen erstieg, eine hohe, trotzige Gestalt, nach Kriegerweise gekleidet und bewaffnet. Um sein Haupt hatte er ein farbiges Tuch gewunden, welches vorn mit einer wallenden Feder geschmückt war. Ein kurzes Oberkleid reichte bis oberhalb der Kniee herab. Die Schenkel waren nackt, die Füße aber von ledernen Sohlen bedeckt und umschlungen. Gegürtet war der Mann mit einem prächtigen krummen Schwerte, und Bogen und Köcher sammt Pfeilen ragten über seine mächtigen Achseln. Sein Angesicht wies scharfe, jedoch schöne und jugendliche Züge auf, eine gebogene Nase und schwarze, glänzende Augen. Ein krauser, kurzer Bart von gleicher Farbe bedeckte sein Kinn und seine Wangen, die tief gebräunt schienen, so weit das Mondlicht die Betrachtung derselben zuließ. Dieser stattliche Mann stieg die Felsen hinauf, blieb jedoch bald stehen, richtete seine Augen auf eine höher gelegene Kluft, zu welcher halsbrecherische Klippen hinaufragten, und rief mit lauter Stimme: „Stern von Edom! Stern von Edom! Die Männer zu Damaskus warten Deines Befehles!" Auf diesen Ruf erschien der Jüngling am Eingang der Kluft, klomm die gefährlichen Klippen hinab und rief dem Untenstehenden zu: „Ich komme, tapferer Reson, ich komme!" Hierauf, nachdem er neben dem Krieger angelangt war, stieg er au seiner Seite das Gebirge hernieder, bis sie an den flachen Ufern des Jordan angekominen waren. Der Jüngling war in ein langes, härenes Gewand gekleidet, wie es die Einsiedler tragen. Er war ganz unbewaffnet und seine Gestalt weit unter der Größe seines kriegerischen Begleiters. Auch gab sich in seinem bartlosen Gesicht ein sanfter, schüchterner Ausdruck kund, obwohl seine Augen schwarz und glänzend waren, „Welche Kunde bringst Du von Damaskus, tapferer Krieger?" begann der Jüngling, als sie am Ufer des Jordans standen. „Stern von Edom," versetzte der Krieger, „die vertriebenen Männer aus Edom und muthige Abenteurer aus Syrien und aus den Städten der Sidonier sind unter meinen Befehlen versammelt und warten Deines Kriegsrufes, um in Edom einzufallen und den Thron Deiner Väter dem König Israels zu entreißen. Der Jüngling seufzte hörbar. „Tapferer Reson," sprach er, „die Kraft Deiner Männer ist groß, und Ihr werdet siegen. Aber ehe der mächtige Pharao von Aegypten sich nicht für unsere Sache erklärt und seine Schiffe mit Bewaffneten an die Küsten Israels sendet, wage ich nicht, den Kriegsruf ertönen zu laffen." „Darum," versetzte der Krieger, „habe ich neue Boten nach Thebais gesandt und will die Antwort des Pharao in den Küstenstädten Edoms erwarten. Und ich kam hierher, Stern von Edom, um Abschied von Dir zu nehmen." „Du verlässest mich?" rief der zarte Jüngling mit Bestürzung und legte seine Hand auf den Arm Resons. In den Zügen desselben arbeitete eine leise Empfindung. „Nie, Stern von Edom!" rief er hastig, „nie komnie der Tag, wo ich Dich für immer verlaffe. Siehe, als Salomos Feldherren den Thron von Edom stürzten und Hadad-Eser, Dein ruhmvoller Vater, erlag, da warst Du kaum vier Jahr alt, und ich war ein Knabe noch. Aber ich faßte Dich in meine Arme, und durch die Wüsten fliehend, mit wenigen Treuen, brachte f'.ich Dich an denZ Hof 'des Pharao, wo Du gesichert warst vor den Mördern aus Israel. Danach zog ich abenteuerlich von Land zu Land, und weit von hier in dem glücklichen Lande der Sabäer liebte mich eine mächtige Königin. Aber es drang die Kunde in meine Ohren, Edoms Erbin sei mit wenigen Treuen aus Aegypten gezogen, um die Kinder Edoms zum Kampfe gegen Israel zu entflammen. Da eilte ich fort von Saba und kam zu Dir, die ich herangewachsen fand zur zarten, blühenden Jungfrau. Ich aber, Stern von Edom, schwöre bei der großen Isis, Dich nie zu verlassen." Das zarte Wesen hatte Thränen in den dunklen Augen und hielt wie hilfesuchend den Arm des Kriegers fest. „Zwar bin ich kein Fürst," fuhr dieser mit düsterer Stimme fort, „ich bin der Niedrigsten Einer, und meine Erzeuger bauten die Weinrebe und den Oelbaum. Aber mein Arm ist stark, und meine Anhänger sind viele. Siehe, Du verachtest mich vielleicht um meiner niedrigen Geburt, aber verachte mich nicht, um meiner Treue willen!" „Bei der großen Mutter Isis," rief das Mädchen mit leidenschaftlichem Schmerze, „ich thue weder das Eine noch das Andere und liebe Dich mehr als alle anderen Diener." Der Krieger heftete einen stolzen, glücklichen Blick auf den Stern von Edom, den er liebte, und den er auf den Thron von Edom setzen wollte. „Siehe, Nasmi," fuhr er in leidenschaftlichen Tönen fort, „Du bist lieblich wie Blumen im Thale, Du bist glänzend wie die Sonne Edoms, Du bist mild wie der Mond über den Wellen des Meeres. Heilige Mutter Isis, und so lange schon schweift diese zarte Gestalt heimathlos über die Felsen des tödtlichen Meeres!" „Die große Mutter wird sich erbarmen!" flüsterte Ramm und faltete unwillkürlich die Hände. „Ihre Macht ist unermeßlich, und ihre Liebe gehört den Menschen," sagte der Krieger. „Aber ich will hinab gegen Edom ziehen und mit den Männern sprechen, denn es ist der Frühling gekommen und die Zeit der That. Auch warte ich dort der Boten Pharaos." Das Mädchen erschrak von Neuem und blickte seinen Beschützer flehend an. „Zittere nicht, Stern von Edom!" sagte der Krieger mit weicher Stimme. „In wenigen Wochen kehre ich wieder zurück. Harre Du unterdeffen in diesen einsamen Höhlen. Zwei meiner Treuesten werden immerwährend diese Gegenden bewachen, selbst versteckt in dunkle Schluchten. Sie bewachen den Gang Deiner Schritte und schützen Deinen Schlummer. Unterdessen wirbt Reson für die Erbin Edoms. — Horch, mein Pferd wiehert, und ich will die kühle Nacht zur Reise benutzen. Lebe wohl, Stern von Edom!" Der Krieger wandte sich bereits, um zu gehen, aber der ängstliche Allsdruck in Naemis Zügen hielt ihn wieder zurück. „Zittere nicht, Stern von Edom!" wiederholte der Krieger in seiner bilderreichen Sprache, indem er fast schüchtern den zarten Arm Naemis faßte. „Es kommt die Zeit, wo Edoms Glück blühen wird. Vertraue Reson und seinen Treuen!" Der Krieger blickte das Mädchen mit einem fast rührenden Ausdruck von Schüchternheit und Leidenschaft an. Das Kind des Volkes, dieser abenteuernde, tapfere Krieger fühlte für die junge, schutzlose Fürstin eine Demuth und eine Leidenschaft zugleich, wie aber nur ein Kind des Volkes sie fühlen konnte.