Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
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- 306 —— wollen wir uns ein eigenes Heim in dem Lande unserer Väter wieder gründen. '* Die Juden haben im Alterthum bis zur Vernichtung ihres Reiches durch die Babylonier eine besondere Nation gebildet, ausgezeichnet durch eine Nationalreligion, welche die Keime einer Weltreligion in sich trug. Nach der babylonischen Eroberung Palästinaswurden zahlreiche und angesehene Juden nach Babylonien abgeführt, und andere Juden flohen nach Aegypten, woselbst sie sich dauernd niederließen. Nur ein geringer Theil dieser Ausgewanderten kehrte unter den persischen Königen nach Palästina zurück, welcher in Gemeinschaft mit den in Palästina zurückgebliebenen Juden ein neuesjüdisches Staatswesen gründete. Die in Babylonien, Persien und Aegypten zurückgebliebenen Juden und ihre Nachkommen betrachteten sich niemals während des sechshundertjährigen Bestehens des zweiten jüdischen Staates als Mitbürger dieses Staates, sondern als Angehörige der Länder, in denen sie wohnten, und nur dem Tempel in Jerusalem, als dem religiösen Centralheiligthum, zollten sie Ver-> ehrung und gewährten ihm eine religiöse Abgabe. Diese außerpalästinensischen Juden wurden von den palästinensischen Juden als Mitbürger nicht erachtet und galten in der griechisch-heidnischen Welt als Angehörige der Staaten, in welchen sie wohnten. Neben dem jüdischen Staat bestand Jahrhunderte lang vor der Vernichtung desselben durch die Römer das Judenthum, in Palästina verbunden mit dem Staatsprinzip, außerhalb dieses Landes aber als eine reine, dem Nationalitätsprinzip entzogene Religion. Nach der Zerstörung des Tempels durch Titus und nach der völligen Vernichtung des jüdischen Staatswesens durch Hadrian haben die Rabbinen auch für die palästinensischen Juden und die von Palästina nach allen Theilen des Römerreichs zerstreuten Juden das Judenthum entnationalisirt und entsprechend den Einrichtungen des in außerpalästinensischen Staaten längst bestehenden Judenthums reorganisirt. Das sogenannte talmudische Judenthum ist von der Existenz eines jüdischen Staates abgelöst, es ist die Religion alle« Juden, sowohl der ehemaligen palästinensischen als auch der ehemaligen babylonischen, persischen und ägyptischen Juden und ihrer Nachkommen. Dieses Judenthum mit seinen im Talmud fixirten Einrichtungen würde als die Religion eines politischen Staatswesens nicht passen, überall würde an diesen Einrichtungen geändert werden müssen, wenn der Staat existenzfähig werden soll. Auch haben die einflußreichsten Rabbinen nach der Unterdrückung des jüdischen Aufstandes unter dem Kaiser Hadrian jede jüdisch-nationale Bewegung bekämpft, weit innerhalb des mächtigen Römerreiches ein Erfolg gänzlich ausgeschlossen war, und im Laufe der Jahre haben die römischen Juden eine Wiederherstellung des jüdischen Staates völlig aufgegeben; sie wollten, ebenso wie fast alle übrigen von Rom unterjochten Völkerschaften Europas, Asiens und Afrikas, politisch nichts anderes als römische Unterthanen sein und ihre eigene Religion üben. Der Gedanke einer Wiederherstellung des jüdischen Staatswesens verknüpfte sich nun innigst mit dem religiösen Ideal der Verbreitung des jüdischen Gottesglaubens über die ganze Welt und der Wiederherstellung des heiligen Jerusalems und seines Gotteshauses als Centralheiligthum für alle Völker der Erde, was ohne eine Initiative der Juden durch einen von Gott gesandten Messias zu der von Gott bestimmten Zeit ohne Kampf, ohne diplomatische Bemühungen, allein durch die ihm von Gott ertheilte und von der ganzen Welt anerkannte Autorität verwirklicht werden soll. Hierdurch wurde der erwähnte Gedanke zu einem religiösen Mysterium; ein Streben der Juden, durch eigene Kraft für dieses Ideal einzutreten, hörte völlig auf. Dieser Zustand hielt sich durch das ganze Mittelalter und die neue Zeit bis zum heutigen Tage. Die Juden betrachteten sich stets als Angehörige derjenigen Staaten, in welchen sie wohnten, sie haben stets, wo die Landesgesetze und die Regierungen es zuließen, Liegenschaften erworben und für die dauernde Ansässigkeit ihrer Nachkommen gesorgt. Aber trotzdem das Judenthum sich stets von jüdisch-nationalen Bestrebungen fern hielt, ist doch der jüdische Stamm erhalten geblieben, abgesondert von allen den Stämmen, unter welchen er seit mehr als zweitausend Jahren gelebt hat. In ihrem Familienleben durch die religiösen Einrichtungen von ihren sonstigen Mitbürgern getrennt, bilden die Juden bis zum heutigen Tage in jedem Staatswesen eine besondere Volksklasse, welche mehr als jede andere Klaffe der Bevölkerung von den übrigen Klassen geschieden ist. Die Verschiedenheit der Festu»d Feiertage, die Unmöglichkeit einer religiösen Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden und auch die jüdischen Speisegesetze haben diese Scheidung durch Jahrtausende bis heute aufrecht erhalten. Und so sind die Juden, welche seit fast zweitausend Jahren religiös nichts anderes sein wollten als Bekenner der jüdischen Religion und politisch nichts anderes als Angehörige der Staaten, in denen sie wohnten, trotzdem in den Augen vieler ihrer Mitbürger ein besonderes, vaterlandsloses, über die ganze civilisirte Welt zerstreutes Volk geblieben und von den Regierungen bis zum 19. Jahrhundert als ein solches behandelt worden. Wenn nun jetzt unter den Juden eine Strömung sich geltend macht zur Stärkung des jüdischen Volksbewußtseins, so erklärt sich diese Bewegung aus der erwähnten Stammessonderung der Juden, aber sie ist in der Geschichte des Judenthums nicht begründet. Ein jüdisches Volksbewußtsein hat bei den während des zweiten jüdischen Reiches in Babylonien und in dem großen Römerreich zerstreuten Juden überhaupt nicht bestanden und nach der Zerstörung des jüdischen Staates durch die Römer auch bei den palästinensischen Juden zu existiren aufgehört. Die Juden betrachteten sich als eine Religionsgemeinschaft gegenüber den anderen Religionsgemeinschaften und nicht als ein politisches Volk, welches eine staatliche Vereinigung erstrebt. Die Urheber des Zionismus können daher nicht von einer Stärkung des jüdischen Volksbewußtseins sprechen, sondern nur von einer Erweckung dieses Bewußtseins unter den Bekennern des Judenthums, die wegen ihrer religiösen Einrichtungen noch immer eine besondere Volksklasse im Staate bilden. Ist aber eine Erweckung dieses Voltsbewußtseins für die Juden von Nutzen? Diese Frage läßt sich nicht gleichmäßig für alle Juden entscheiden, sondern ist getrennt zu erwägen für die Juden in den Kulturstaaten und für die in den minder civilisirten Staaten lebenden Juden. In den minder civilisirten Ländern — wir haben hierbei in Europa vornehmlich Rußland und Rumänien im Auge —, in welchen die Juden nicht nur keine staatsbürgerliche, sondern auch keine bürgerliche Gleichstellung genießen und mehr oder weniger der willkürlichen Bedrückung durch die Behörden schutzlos ausgesetzt sind, hat die zionistische Bewegung zweifellos gleich jeder anderen Bewegung für die Befreiung der Juden aus dem Elend eine Berechtigung. Die Juden gelten in diesen Ländern als Fremde, als Angehörige eines fremden, verachteten Stammes, und die Meisten dort lebenden Juden selbst, deren Leben in dem Suchen nach Nahrung und in der sklavischen Beobachtung religiöser Ceremonien und sonstiger äußerlicher Religions-Einrichtungen aufgeht, haben unter einander keine höheren sittlich-religiösen Berührungspunkte, so daß die Erweckung eines jüdischen Volksbewußtseins in ihnen dem