Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
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305 Als Vorort für den nächstjährigen Gemeindetag wird auf Grund der herzlichen Einladung des anwesenden Vorstandsmitgliedes Herrn D. Kleestadt, Gelsenkirchen bestimmt. Bei dem letzten Punkte der Tagesordnung „Freie Besprechungen" weist Herr Steinberg-Münster auf die segensreiche Wirksamkeit der Marks-Haindorf'schen Stiftung hin und empfiehlt dieselbe in warmen Worten dem Interesse der Gemeinden. Ferner bringt Herr Westfeld- Herford die außerordentlich wichtige Frage über den Modus der Bertheilung der Synagogenplätze zur Erörterung, über welche ein sehr lebhafter Meinungsaustausch stattstndet. Nachdem die Versammlung ihrem Vorsitzenden für die vortreffliche Leitung der Verhandlungen durch Erheben von den Plätzen gedankt hatte, schloß derselbe um 3^ Uhr Nachmittags die Versammlung. Begrüßungstelegramme waren eingelaufen vom D.-J. G.-B. in Berlin, von Herrn Dr. Bogelstein-Stettin, von der Neuen israelitischen Gemeinde in Lippstadt und von Herrn Mendel-Bochum. — An die Verhandlungen reihte sich ein gemeinsames Mahl, an welchem sich 130 Personen betheiligten. Eröffnet wurde dieser zweite Theil des Festtages durch einen stimmungsvollen, von Frl. Hulisch-Herford sehr wirkungsvoll vorgetragenen Prolog. Derselbe fand rauschenden Beifall. Besonders sprach die Strophe des Gedichtes an, welche von dem Asyle handelt; sie möge hier eine Stelle finden: Ihr wollt noch mehr — ein Heim schafft Ihr gemeinsam Für die, die hilflos, alt und schwach und krank. Die von der Welt verlassen sind und einsam, — O habt, Ihr Hilfsbereiten, innig Dank! Euch und dem Meister dank' ich, der Euch leitet Mit edlem Herzen und mit stcherm Blick; In all' dem Glück, das Andern Ihr bereitet. Empfindet Ihr das eigne, höchste Glück! Den Kaisertoast brächte Herr Dr. Hulisch-Herford in zündenden Worten und in formvollendeter Rede aus. Er wandte sich dabei scharf gegen den Zionismus, dessen Vertretern zwar ganz gewiß edle Motive nicht abzusprechen seien, der aber mit dem innersten Wesen des Judenthums im Widerspruch stehe. Sodann führt Redner gegenüber den Angriffen der Judenfeinde auf unseren Patriotismus zahlreiche Stellen aus dem biblischen und nachbiblischen Schriftthum an, die alle nur den einen Gedanken zum Ausdruck bringen: hingebende Liebe zu Thron und Vaterland. Begeistert stimmte die Versammlung in das Kaiserhoch ein, mit welchem Redner seine zündende Ansprache schloß. Noch manche treffliche Rede wurde bei Tisch gehalten, manches schöne Wort gesprochen. An das Mahl reihten sich noch verschiedene Aufführungen, die von Mitgliedern der Herforder Gemeinde arrangirt worden waren und in den anwesenden Gästen ein sehr dankbares Publikum fanden. Alles in allem muß auch der diesjährige Gemeindetag als ein in seinem ganzen Verlause vorzüglich gelungener bezeichnet werden. c Eine Anregung. Bon L. Katz, Waisenhausdirigent in Rybnik. ko oft in irgend einem Kreise unserer Glaubensbrüder das aktuelle Thema „Innere Kolonisation" oder eingeschränkt: „Gartenbau", „Ackerbau", „Gärtnerei" besprochen wird, taucht eine Fluth von Einwürfen auf, die begreiflicherweise an dieser Stelle weder annoch abgeführt werden kann. Ich will mich nur mit einer Gegenfrage beschäftigen, die in dem oft mit leidenschaftlicher Zähigkeit geführten Meinungskampf von fast besiegten Widersachern als letzte Kraftprobe versucht wird und gewöhnlich so lautet: „Und wenn Sie, einnial zugegeben, in allem Recht behielten, welche Aussichten bieten sich dem jüdischen Gärtner, besonders dem, der treu dem Religionsgesetz leben will?" Da bemühe ich mich, zunächst alle früheren Einwendungen ihres Mantels zu entkleiden, sie als Scheingründe zu enthüllen, die dem Wissensmangel und dem Vorurtheil entspringen, gegen das man erfahrungsgemäß recht schwer kämpft. Doch selbst wenn ich ihnen sage, daß wir eine — natürlich verhältnißmäßig — stattliche Zahl jüdischer Landwirthe treffen, die trotz Sabbathheiligung gut fortkommen, thut nichts: mit einem viel- oder nichtssagenden Achselzucken und Kopsschütteln stellt man sich ungläubig und hält die Sache für abgethan. Da will es mir angezeigt scheinen — die Fragen (sind ja in Fluß — eine Meinung der Oeffentlichkeit zur gütigen Erwägung anheimzustellen, die vielleicht in absehbarer Zeit in die Praxis umgesetzt werden und Nutzen stiften kann. Wir haben eine ganze Reihe großer Gemeinden, deren Mitglieder auf die Pflege und Ausschmückung der Gräber mehr Werth legen, als eS ehedem B-auch war. Der gegenwärtige Brauch aber, der zweifellos erhalten wird, sofern er nicht einer Steigerung fähig ist, bedingt fast allerorten die Anstellung eines Friedhofgärtners. ■ Gäbe es jüdische Gärtner zur Deckung des Bedarfs, ich vermöchte nicht einzusehcn, welche stichhaltigen Gründe auch nur eine Gemeinde anzuführen wüßte, diese mit der Pflege des Friedhofes rc. nicht zu betrauen. Andererseits wäre es mir unverständlich, was die jüdischen Gärtner bewegen könnte, eine derartige lohnverheißende Stellung abzuweisen. Gerade sie dürften mit der Wandlung der Dinge zufrieden sein. Soweit ich mich von einer großen Gemeinde, die einen jüdischen Gärtner sofort mit Freuden annähme, habe belehren lassen, stände ihm in Gemeinden von nur 200 Familien eine Einnahme von 1800 bis 2000 Mk. — und darüber — in Aussicht. Sie ergiebt sich aus freier Wohnung, Nutznießung eines Stückes Gartenland, bestimmtem Gehalt, des Betrages für Pflege der Gräber (etwa 4 Mk. für ein Grab), für Grabwerfen (ungefähr 2 Mk.) und Gebühren anläßlich des Steinsetzens sowie der Jahrzeiten. Möchten nur einige Gemeinden beziehungsweise Synagogen- Gemeinde-Berbände diese Frage der Erörterung werth halten oder zuständigen Stellen zu erkennen geben, daß sie meinem Vorschläge zuneigten, so würden sie, um mich eines kaufmännischen Fachausdruckes zu bedienen, da Nachfrage das Angebot ändert, in diesem Falle eine neue Erwerbsquelle öffnen, gar manchem jungen Mann die immer schwieriger werdende Berufswahl erleichtern. Auch dem Strenggläubigen böte sich eine willkommene Aussicht. da an Sabbath¬ und Feiertagen die Arbeit ohne den geringsten Nachtheil für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer ruhen kann. Meiner festen Ueberzeugung nach stehen hier die Gemeinden vor einem idealen Werke, mit dessen Verwirklichung sie sich ein nach mannigfachen Richtungen hin unschätzbares Verdienst erwerben. Der Zionismus «nd die Inden in den Kulturfloaten Europas. Bon Dr. Leopold Auerbach. f ie Bewegung, welche zunächst eine dichte Besiedelung Palästinas mit Juden jeden Berufs und die Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksbewußtseins erstrebt, als Endzweck aber die Errichtung eines jüdischen Staatswesens in Palästina im Auge hat, der Zionismus, ist ohne Zweifel durch den Antisemitismus hervorgerufen; sie geht von der bestechend stolzen Meinung aus: Da die Christen uns nicht in ihrer Mitte haben wollen, so