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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-01 · Heft 26 (1.7.1898) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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304 I in den anderen thessalischen Gemeinden weigerten sich indessen, aus ihrem Vaterlande fortzuziehen und verblieben im Vertrauen auf ihre gerechte Sache. Leider haben die zurückkehrenden Griechen dies Vertrauen arg enttäuscht, und kaum, dass sie wieder das Heft in Händen haben, belästigen sie die Juden, ja gehen sogar Mit Mißhandlungen gegen sie vor. In allen Orten behaupten die znrückkehrenden griechischen Flüchtlinge, daß sich die Juden widerrechtlich in den Besitz der Habseligkeiten der Flüchtlinge gesetzt hätten, und viele Klagen sind deshalb anhängig gemacht worden. Die niederen Beamten, ja auch die niederen gerichtlichen Instanzen nehmen wider Recht und Gerechtigkeit gegen die Jude» Partei, während man den höheren Instanzen und besonders dem von General Vassos geleiteten Offizierkorps der einrückenden griechischen Armee nachrühmen muß, daß sie wenigstens bis jetzt die Gerechtigkeit bewahren. Nachts sind die jüdischen Quartiere schon wiederholentlich überfallen worden. Ein Jude Namens Matalon, der den Muth gehabt hat, seinen Droguenladen offen zu halten, wurde von einer Rotte von Griechen überfallen, geschlagen und sein Laden geplündert. Uebrigens leidet auch die mohamedanische Bevölkerung unter denselben Ausschreitungen des griechischen Pöbels, so daß schon die athenische Presse die Regierung auffordert, durch ernstes Einschreiten diesem Zustande ein Ende zu machen. Ner achte Gemeindetag des Uerbandes der Synagogengemeinden Westfalens. Herford, im Juni 1898. m 12. d. Mts. wurde hier der achte Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens abgehalten, welcher von Delegirten aus allen Theilen unserer Provinz sehr stark besucht war und einen in jeder Beziehung vortrefflichen Verlauf genommen hat. Eröffnet wurden die Verhandlungen durch den ersten Verbandsvorsitzenden, Herrn M. Katzenstein-Bielefeld, welcher zunächst dem ersten Bürgermeister der Stadt Herford, Herrn Quentin,, das Wort ertheilte, der in herzlicher Begrüßungsrede die Versammlung seiner wärmsten Sympathien versicherte und für die Berathungen über die wichtigsten Punkte der Tagesordnung: Asyl und Pensionskasse segensreiche Erfolge wünschte. Lebhaftes Bravo folgte seinen Ausführungen. Das Erscheinen des Herrn Quentin verdient um so größere Anerkennung, als er an demselben Tage noch verschiedene Wahlreden zu halten hatte, da er als national-liberaler Reichstagskandidat — Herr Quentin war bis jetzt Vertreter des Wahlkreises Halle-Herford im Reichstage — in einem sehr heftigen Wahlkampfe gegenüber den Konservativen und Sozialdemokraten stand. Er ist inzwischen in die Stichwahl gelangt und wird aller Voraussicht nach auch dieses Mal den Sieg erringen. Nach Herrn Quentin sprach im Namen der Synagogengemeinde Herford deren erster Vorsteher, Herr Jonas Meyer, der ebenfalls die Versammlung mit herzlichen Worten willkommen hieß und mit Recht das große Interesse hervorheben durfte, das seine Gemeinde nicht nur dem Gemeindetage, sondern dem westfälischen Verbände überhaupt entgegenbringe. Auch seinen Ausführungen folgte lebhafter Beifall. Beiden Herren dankte Namens der Versammlung Herr Katzenstein, welcher bei der nun folgenden Büreaubildung einstimmig zum Leiter des Gemeindetages gewählt wurde. Als Schriftführer fungirten die Herren Kaufmann-Gelsenkirchen und Cohen-Dortmund, als Beisitzer die Herren I. Meyer-Herford und Rechtsanwalt Dr. Cohn- Münster, während Herr Steinberg-Münster, zum stellvertretenden Vorsitzenden berufen wurde. Den ersten und wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Berathung über die Errichtung eines Asyls für jüdische Kranke und Altersschwache in Westfalen. Aus den seitens des Ausschusses gegebenen Daten ist zu ersehen, daß bereits 73 000 Mark gezeichnet sind. Von besonderem Interesse war die Mittheilung des Herrn Rechtsanwalts Dr. Cohn-Münster, daß der Landdshauptmann der Provinz Westfalen ihm, gelegentlich einer Unterredung über die ganze Frage, unter gewissen Bedingungen eine namhafte materielle Unterstützung für den Bau des Asyls und für die jährlichen Unterhaltungskosten desselben in Aussicht gestellt habe. Nach längerer Debatte wurde zunächst der Beschluß gefaßt, den Baufonds aus mindestens 100000 Mark zu erhöhen, ehe mit der Ausführung des Planes begonnen werden dürfe. Sodann wählte die Versammlung ein Aktionskomitee, bestehend aus den Herren I. Steinberg- Münster, Adolf Elias-Dortmund, Siegfried Porta-Neuenkirchen, I. Ostwald-Witten und I. Mendel-Bochum, welches die Pflicht der Kooptation bis zur Mindestzahl von 12 Personen hat, und dem folgende Aufgaben obliegen: Erhöhung des Grundkapitals bis zum festgesetzten Minimalbetrag von 100 000 Mark; Ausarbeiten der Statuten; Ausarbeiten eines Voranschlags des Baues sowie der jährlichen Verwaltungs- und Unterhaltungskosten; Wahl des Ortes; Fortführung der Unterhandlungen mit dem Landeshauptmann unserer Provinz behufs Erlangung der unter gewissen Bedingungen zugestcherten Unterstützung. Diese seitens des Landeshauptmanns gestellten Bedingungen find, wie wir schon jetzt bemerken wollen, derartige, daß die unbedingte Selbstständigkeit sowie der Charakter den Anstalt als einer ausgesprochen jüdischen nicht davon berührt wird. Sobald die Minimalsumme von 100 000 Mark erreicht ist, wird der Ausschuß des Verbandes eine neue Versammlung einberufen, welche über die Vorschläge des Aktionskomitees bindende Beschlüsse fassen soll. Aus dem Kassenberichte des Rendanten, der einen weiteren Punkt der Tagesordnung bildete, heben wir hervor, daß die Einnahmen und Ausgaben des Verbandes pro 1897/98 mit 5193,71 Mark balanciren. Besonders wichtig waren die nun folgenden Verhandlungen über die Beamten-Pensionskasse des Verbandes. Die Statuten der Kasse, welche nach der Erklärung des Referenten in der jetzigen Fassung die Genehmigung des Oberpräsidenten erhalten, werden einstimmig en bloc angenommen. Zu den §§ 12i und 24 nimmt der Gemeindetag ebenfalls einstimmig, und zwar auf Antrag der Gemeinden Dortmund und Münster, eine besondere Deklaration an, welche einer späteren willkürlichen Interpretation der beiden Paragraphen Vorbeugen soll. Damit ist das Jnslebentreten der Kasse beschlossen und ein Werk geschaffen, von dem wir wohl sagen zu dürfen glauben, daß es den Beamten der westfälischen Synagogen-Gemeinden, insbesondere den kleineren, nicht minder wie den Gemeinden selbst zum großen Segen gereichen wird. Mit Genugthuung darf hier auch die Thatsache registrirt werden, daß die Behörde dem Zustandekommen der Kaffe ein ungewöhnliches Interesse entgegengebracht hat. In den Vorstand der letzteren wurden auf Vorschlag des Herrn Rechtsanwalt Burgheim-Minden vorbehaltlich der seitens des Oberpräsidenten bereits definitiv zugesagten, also nur noch formellen Genehmigung des Statuts gewählt die Herren M. Katzenstein-Bielefeld, I. Stern-Münster, C. Frankenstein und Dr. Coblenz-Bielefeld. Vorsitzender des Vorstandes ist Herr Katzenstein. In Betreff der Lesebuchfrage theilt der Ausschuß mit, daß das neue Lesebuch fertiggestellt sei und im Laufe des Herbstes im Buchhandel erscheine. Dasselbe ist von einem autoritativen Schulmann der Provinz sehr günstig beurtheilt und wird thatsächlich den weitgehendsten Erwartungen entsprechen, so daß es auch über Westfalen hinaus sicher große Verbreitung finden dürfte. Die Bearbeitung erfolgte auf Anregung des Herrn Ostwald-Witten durch Herrn Seminardirektor Dr. Gutmann unter Mitwirkung des Herrn Seminarlehrer Coblenz-Münster, denen auch namhafte Rabbiner und Lehrer Deutschlands geeignete Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Des Weiteren faßte der Gemeindetag den einstimmigen Beschluß, auf dem am 16.Oktober in Berlin stattfindenden Gemeindetag des D.-J. G.-B. folgenden Antrag einbringen und vertreten zu lassen: „Der Gemeindetag des D.-J. G.-B. wolle beschließen, daß alle diejenigen Gemeinden einer Provinz, welche seitens des D.-J. G.-B. eine Subvention erhalten, Mitglieder des betreffenden Provinzial-Gemeindeverbandes sein müssen. Ein diesbezüglicher Paragraph ist in das Statut des D.-J. G.-B. aufzunehmen." Dieser Antrag ist aus der Erwägung hervorgegangen, daß die Provinzialverbände ihren Zweck, zwischen der Berliner Centrale und den kleinen Provinzialgemeinden zu vermitteln, nur dann erfüllen können, wenn die kleinen Gemeinden ihnen organisch eingegliedert find. Als Delegirter für den Berliner Gemeindetag wird Herr Dr. Coblenz- Bielefeld gewählt.

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