Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
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SOS werden; und dann werden auch die Gradnauer und Goldstein die Dreistigkeit, mit der sie heute ein revolutionäres Mandat erstreben, mit einer dauernden Landesverweisung entgelten. Also sei die Parole für den kommenden Tag der Stichwahl: „Laßt keinen revolutionären Juden in den Reichstag hinein" — und gelingt es ihm doch, hineinzukommen, dann, Reformer und Konservative, schasst ihn durch ein dringliches Gesetz schleunigst und dauernd wieder hinaus!" Man darf darauf gespannt sein, was die Konservativen zu diesem Gesetzesvorschlag sagen werden, bei dem die Antisemiten die Juden treffen wollen, thatsächlich aber — und das ist der Humor der Sache — fast nur noch Getaufte oder Dissidenten treffen würden. * Eine der gefährlichsten Sumpfpflanzen ist der Antisemitismus in der Schule. Umsomehr begrüßen wir den nachstehenden Erlaß einer Schulbehörde mit aufrichtiger Genugthuung: „Die judenfeindlichen Ausschreitungen, welche sich in der letzten Zeit an einigen Orten ereigneten und zum großen Theil bis zur Beschädigung des Eigenthums dem jüdischen Bekenntnisse angehörender Personen gediehen stnd, machen es nothwendig, daß der antisemitischen Bewegung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werde. In dieser Beziehung muß die Schule dahin wirken, daß die Heranwachsende Jugend von allem abgewendet werde, was sich nicht mit der Humanität verträgt, welche die Schule zu pflegen hat. (§21 der Schul- und Unterrichtsordnung vom 20. August 1870.) Indem ich auf den Erlaß vom 8. März 1895. der von der Ermunterung zur Verträglichkeit in nationaler und religiöser Hinsicht an den Schulen handelt, verweise, trage ich den Leitungen der öffentlichen und privaten Volks- und Bürgerschulen auf, den ihnen unterstehenden Lehrkräften diesen Erlaß in Erinnerung zu bringen und fie nachdrücklich aufmerksam zu machen, daß es ihre Erzieherpflicht ist, die Schüler zur Verträglichkeit auch gegen die Angehörigen des israelitischen Bekenntnisses anzuleiten, und daß jede einzelne Lehrkraft in dieser Beziehung der Schuljugend nicht nur selbst mit gutem Beispiele voranzugehen, sondern auch über das Verhalten der Schüler in und außer der Schule auf das Eifrigste zu wachen hat. Den Bezirks-Schulinspektoren wird aufgetragen, dieser Angelegenheit ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen und insbesondere bei den Schulinspektionen in dieser Richtung strenge Aufmerksamkeit zu üben. Sollten sich bei den Schülern Erscheinungen von Haß gegenüber den Israeliten zeigen, oder sollte irgend eine Lehrperson der oben erwähnten Pflicht nicht völlig Nachkommen oder vielleicht gar die Schule zur Förderung von gegen die Bekenner des jüdischen Glaubens feindlichen Anschauungen mißbrauchen, so ist sofort mit aller Strenge nach den geltenden Disziplinar-Vorschriften einzuschreiten." Aber dieser Erlaß ist — in Klattau in Böhmen vom dortigen Bezirksschulrath erfolgt, was freilich der Genugthuung darüber keinen Eintrag thut. * In Galizien wird „unentwegt" fortgeplündert. Die Regierung findet aber keinen Anlaß zu ernsteren Maßregeln. Oder sie hat auch nicht die Energie dazu. Freilich leuchtet es nachgerade selbst den konservativen Kreisen, die zu einer kleinen Judenhetze behaglich schmunzelten, ein, daß die Bewegung in Westgalizien einen bedrohlichen Charakter angenommen habe, und das „Gespenst der wiedererwachten Volksbewegung", wie sich der „Czas" ausdrückt, erregt bei der Szlachta nichts weniger als gemüthliche Empfindungen. Die Unruhen in Westgalizien bilden, wie offiziös berichtet wird, „den Gegenstand der ernstesten Erwägung seitens der Regierung, und diese ist zu dem energischsten Eingreifen entschloffen." Allein sie dauern schon über zehn Tage fort, und was ist inzwischen geschehen? Aus Neu-Sandec, Gorlice, Jaslo, Strzyzow werden immer schlimmere Hiobsposten gemeldet. In den polnischen Blättern wird ein schauerliches Bild der Zerstörung durch die Bauernbande» in den Bezirken Jaslo und Neli-Sandec entworfen. Dem „Czas" zufolge wurden wegen der Unruhen in Westgalizien mehr als 300 Personen verhaftet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ganze Bewegung durch Agitationen veranlaßt worden sei. Unbekannte Individuen hatten Zeichen gegeben, wo Gewalt verübt und geplündert werden sollte, worauf sie selbst sich aus dem Staube machten. Es wurden rothe Zettel des Inhalts vertheilt, daß es gestattet sei, eine Woche hindurch die Juden zu schlagen. Das Landvolk glaubte wirklich, daß eine solche Bewilligung ertheilt worden sei. Man behauptete auch, daß es den Gendarmen nicht erlaubt wäre, mit scharfen Patronen auf die Menge zu schießen, und daß sie nur, um abzuschrecken, blind schießen dürften. Jntereffant ist es, daß kürzlich im Aufträge des Ministerpräsidenten Grafen Thun der frühere Minister Dr. Rittner bei dem Fürstbischof Puzyna in Krakau vorgesprochen hat, um diesen p veranlassen, er möge die Geistlichkeit seiner Diözese energisch auffordern, in den Kirchen gegen die Judenexzesse zu predigen. Also weder die Kirche noch die Gendarmerie und das Militär können mit den Exzedenten fertig werden. * Die Großthaten der modernen Bibelkritik werden von den liberalen Blättern gewöhnlich so laut wie möglich ausposaunt. Es läßt sich gar nicht verkennen, daß auch darin ein Hauch jenes latenten Antisemitismus liegt, der gefährlicher ist als der radikale und offene. Wir waren daher nicht wenig verwundert, in einem entschieden freisinnigen Blatte den folgenden Scherz zu lesen, der die Himmelstürmer unter den deutschen Bibelkritikern dem verdienten Spott weiterer Kreise preisgiebt: „Ein deutscher Theologe hat (I. 272) in seinen „Alttestamentlichen Studien" herausgebracht, daß Moses die Genesis aus etwa zwölf Denkschriften zusammensetzte, die von Augenzeugen herrührten; es waren nämlich Auszeichnungen von Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, ja selbst von Adam, Methusalem, Noah und anderen älteren Herren vorhanden, und die fand Moses im Sarkophag Josephs, wo sie nach ägyptischer Sitte niedergclegt worden waren. Wir möchten unsere auf hochherzige Förderung der Forschung allezeit bedachte Akademie der Wissenschaften geziemend auf diese Entdeckung aufmerksam machen und ihr vorschlagen, den Entdecker durch ein Stipendium zu einer Reise nach Aegypten auszumuntern. Aegypten ist das große Konservirhaus der historischen Wissenschaften. Ist besagter Entdecker verwegen und glücklich — und das wagen wir zu hoffen —, so findet er etwa in der Umhüllung der Mumie eines heiligen Katers aus der ältesten Dynastie ein Palimpsest, welches das vor und nach der Austreibung aus dem Paradiese verfaßte Tagebuch Adams und das Schiffsjournal Noahs enthält. So würde dann einerseits der Wissenschaft ein erklecklicher Dienst geleistet, andererseits aber der wankende Glaube mächtig gestützt werden. Im Uebrigen zweifeln wir nicht, daß man den Entdecker schon jetzt in eine Professur für alttestamentliche Exegese berufen wird." * Die vereinigten Nationalisten der französischen Deputirtenkammer. d. h. die Antisemiten, haben einen Gesetzentwurf eingebracht, in dem sie verlangen: Allgemeine Amnestie für alle Bestrafungen wegen Vergehen durch die Preffe, Aufstände, Landfriedensbruch, politische Vergehen und Verbrechen rc. Ausgenommen sollen nur oiejenigen Strafen sein, die im Zusammenhang mit der Dreyfussache zuerkannt worden sind. Es ist charakteristisch für die Verblendung der französischen Nation, daß diese Affäre jetzt die ganze innere Politik beherrscht. Prüft man doch bereits die Ministerkandidaten darauf, ob sie Freunde oder Feinde der Revision im Dreyfusprozeß sind. Auch dieser Zustand ist eine Strafe für die antisemitische Verseuchung des öffentlichen Lebens in Frankreich. * Als die türkischen Truppen aus Larissa abzogen, bot ihr Führer Edhem Pascha der jüdischen Gemeinde an, ihr die Auswanderung nach der Türkei zu ermöglichen. Die Juden dort und