Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
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SÖ2 rühriges vorliegt. Hirsche!, Dich, der für Klemm kandidirte, und Jskraut waren dii minorum gentium in der Judenhetze. Die einzige stolze Säule, die der Reformpartei von ihrer einstigen Pracht bleibt, ist der redegewaltige Liebermann von Sonnenberg, der Verehrer Hammersteins. Viel schwerer aber als der Verlust an Mandaten wiegt für die Partei der arge Rückgang au Stimmen, den sie in allen Theilen des deutschen Vaterlandes erlitten hat, wo sie ihr verderbliches Spiel schon länger treibt. So verloren die Antisemiten in Berlin von 9700 Stimmen 2700, in der Mark ca. 16 000 Stimmen, im Königreich Sachsen ca. 27 000 Stimmen, in Schlesien ca. 3000 Stimmen, in Hessen-Nassau ca. 5000 Stimmen, im Großherzogthum Hessen ca. 6000 Stimmen und auch in den anderen Provinzen entsprechend. Eine Ausnahme machen nur die Provinzen Sachsen und Schleswig- Holstein. In diesen Distrikten sind sie gewachsen, und zwar in der Provinz Sachsen um ca. 1700 und in Schleswig-Holstein um 8600, wie man sieht, viel zu wenig, um jene Verluste auszugleichen; und man schätzt diesen Verlust an Stimmen sicher sehr niedrig, wenn man ihn mit 60 000 Stimmen beinißt. Das heißt, der vierte Theil aller antisemitischen Wähler haben sich von der Partei abgewendet. Nun entsteht freilich die Frage, welcher Partei haben sich diese Abtrünnigen zugewendet, aber die vorliegenden Ziffern gestatten schon jetzt, den Nachweis zu erbringen, daß fast alle diese ehemals antisemitischen Wähler jetzt für die Sozialdemokratie gestimmt haben. Hier nur einige Beispiele: In Meißen verloren die Antisemiten 1200 Stimmen, während die Sozialdemokraten 1700 gewannen, die Konservativen ihren alten Stand behaupteten. JnBensheim-Erbach verloren die Antisemiten 2600 Stimmen, während die Sozialdemokraten 1700 gewannen, die anderen Parteien ungefähr gleich stark blieben wie 1893. In Friedberg-Büdingen verloren die Antisemiten 1632 Stimmen, während die Sozialdemokraten 1500 gewannen. In Eschwege-Schmalkaldeu verloren die Antisemiten 1400 Stimmen, während die Sozialdeniokraten 1500 gewannen. Die Reihe der Beispiele könnte sehr lang werden, die vorhandenen dürften aber genügen, um zu zeigen, wie Recht Caprivi hatte, den Antisemitismus als die Vorfrucht der Sozialdemokratie hinzustellen. Bestätigt wird dies durch den Ausfall der Stichwahlen, denn überall, wo die Antisemiten den Ausschlag geben mußten, thaten sie es zu Gunsten der Sozialdemokraten, die so Dresden-Altstadt und -Neustadt und Zschopau-Marienberg gegen die Konservativen, Darmstadt gegen die Naiionalliberalen gewannen. In allen Fällen hatte die Parteileitung gegen die Stichwahlhilfe in anderen Wahlkreisen versprochen, in diesen Bezirken den bürgerlichen Parteien Hilfe zu leisten. Die antisemitischen Wähler haben aber nicht Ordre parirt, sondern sind sofort zu den Sozialdemokraten ganz oder theilweise übergegangen. Wir Juden dürfen mit der Niederlage der Antisemiten zufrieden sein; es ist vielleicht auch nicht allzu optimistisch gedacht, wenn wir der Hoffnung Raum geben, daß auch innerhalb der konservativen Partei die judenfeindliche Richtung durch diesen Erfolg kräftig zurückgedrängt werden wird. Wenn es noch eines Beweises für die Nothwendigkeit der Organisationen bedurft hätte, welche sich die Aufgabe gestellt haben, den Antisemitismus zu bekämpfen, so hätten ihn diese Wahlresultate gebracht. Wir sind nicht etwa der Meinung, daß der ganze Erfolg den Gegenmaßregeln zu verdanken ist, die seitens dieser Organisationen gegen die Jndenhetze getroffen wurden, wer aber die Einzelheiten kennt, wird bestätigen, welch großer Antheil an der Niederlage der Judenhetzer neben der allgemeinen politischen Konstellation gerade der aufklärenden Thätigkeit der Abwehrvereine gebührt. Die immer wieder sich der mühseligen Arbeit der Berichtigung antisemitischer Lügen unterziehenden Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, die grundlegenden Arbeiten der Komitees zur Bekämpfung antisemitischer Angriffe gemeinsam mit der Verbreitung von Millionen von Volksschriften und Flugblättern haben denn doch Hunderttausende darüber aufgeklärt, wie wenig Wahrheit die antisemitischen Anschuldigungen gegen die Juden in sich bergen. Seit der Gutachtensammlung über das Schächten, seit den Werken des Komitees über die Juden als Verbrecher und über die militärischen Leistungen der Juden sind die aus diesen Punkten gegen uns erhobenen Anklagen aus der großen Diskussion ausgeschieden. Ehrliche Leute erheben nicht mehr, wie früher, die Vorwürfe gegen uns, als seien die Juden Thicrquäler, Verbrecher oder Feiglinge. Hat doch erst jüngst der Fall Blümke in Danzig bewiesen, wie auf Grund dieser Arbeiten ein enragirter Judenfresser öffentlich gezwungen war, sich zu berichtigen. Auch die energische Verfolgung aller strafbaren Beschimpfungen des Judenthums seitens des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat nicht wenig Gutes erreicht. Nur Eins soll man nicht außer Acht lassen: setzt man diese Thätigkeit nicht energisch fort, so werden ihre Früchte bald wieder verloren gehen und der Antisemitismus in 5 Jahren die diesmal verlorene Position zurückerobern. Einen bösen Tropfen Wermuths hat aber die gegenwärtige Wahl doch für uns Juden gehabt: die Thatsache, daß man sich auch innerhalb der liberalen Partei geweigert hat, Juden auf andere als ganz verlorene Posten zu stellen, ist eine höchst traurige Erscheinung und verdient eingehendere Besprechung, die wir auf ein anderes Mal verschieben wollen. Aus der diesmaligen Wahl und ihren Resultaten aber wollen wir die Lehre ziehen, energisch fortzuarbeiten, damit die nächste Wahl den völligen Bankerott der Judenhetze bringe. ^Kgjj^ Pit Woche. f Berlin, 28. Juni. er Zorn ist ein schlechter Gesetzgeber. Das zeigt sich wieder einmal recht deutlich bei den deutschen Antisemiten, die in der Erbitterung über ihre eklatante Niederlage bei den Wahlen jetzt schon alle möglichen Vorschläge und Gesetzentwürfe ausbrüten, um an den Juden ihr Müthchen zu kühlen, während es doch eigentlich die Deutschen sind, die nichts oder nichts mehr von ihnen wissen wollen. So wirken diese Vorschläge eigentlich nur noch komisch. Auf den Gesetzentwurf über eine Judenmatrikel, in dem Viele schon den Gipfel der Komik erblickten, ist jetzt nach den Wahlen ein zweiter, nicht weniger komischer Gesetzesvorschlag gefolgt, der also lautet: „Wer durch Schrift oder Wort oder durch Hergabe von Geld auf den sozialdemokratischen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung hinarbeitet, kann auf Lebensdauer des Landes verwiesen werden, wenn er oder seine Vorfahren erst durch Gesetz oder Naturalisation die deutschen Staatsbürgerrechte erlangt haben." Die Antisemiten hoffen, daß auch die Konservativen sich diesen Vorschlag zu eigen machen werden, und begründen ihn folgendermaßen: „Wird er Gesetz, so ist die erste kräftige Handhabe gegeben, vermittelst welcher man der Sozialdemokratie endlich Herr werden kann; dann wird das deutsche Volk seine Quälgeister, die Singer, Schoenlank, Wurm, Stadthagen, Arons und viele Andere im Handumdrehen los-