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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-01 · Heft 26 (1.7.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 26 Berlin» 1. Juli 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner H*. LuLwig Philippjon-Oonn. Vertags-Grpedition: Berlin, Ferusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Nach den Wahlen. - Die Woche. — Der achte Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens. — Eine Anregung. Von L. Katz. — Der Zionismus und die Juden in den Kulturstaaten Europas. Von Dr. Leopold Auerbach. — Feuilleton: Die Rose von Saron. I. — Das Grab eines Propheten in Offenbach. III. Von Dr. Arnold Hirsch. -- Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Krotoschin, Aus Schlesien, Bruchsal, Freiburg, Hof (Baiern), Budapest, Bradford. Petersburg, Jaffa, New-York. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. Nach den Mahlen. f Berlin, 27. Juni. as deutsche Volk hat wieder auf fünf Jahre über die Zusammensetzung seiner Vertretung entschieden. Jeder deutsche Bürger hat das Recht gehabt, durch die Abgabe seines Stimmzettels Theil zu nehmen an der Regierung und sein Gewicht in die Waagschale zu werfen zu Gunsten derjenigen Partei, der er angehört. Stolz, mit großen Hoffnungen und mit noch größeren Worten sind die Parteien in den Wahlkampf gezogen und, das Centrum allein ausgenommen, kommen sie alle ernüchtert heim. Keine einzige Partei sonst ist zufrieden, und alle haben über schwere Verluste zu klagen, selbst die Sozialdemokratie hat nur . eineu kleinen Theil der erträumten Erfolge erreicht. Von keiner gilt aber so sehr das Wort des Dichters von dem geretteten Boot, auf dem der müde Greis aus dem Kampf des Lebens heimkehrt, als von der antisemitischen. Nach den großen Erfolgen des vorigen Wahlkampfes versprach die deutsch-soziale Reformpartei ihren Anhängern noch ganz andere Siege für die diesmalige Wahlbewegung. Mindestens 30 Mandate und 500000 Stimmen, unter dem wollten die Herren es gar nicht thun, und sie sammelten Geld für diesen Kampf bei Arm und Reich, als stände das Wohl des Vaterlandes auf dem Spiele. Aber das deutsche Volk war nicht gelaunt, diesen Verführern noch einmal zu trauen, und auch angewidert von der ewigen Judenhetze. Allmälig begann die aufklärende Thätigkeit der Abwehrbewegung zu wirken, die Millionen von Schriften und Flugblättern, die seitens des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, vor allem seitens der jüdischen Abwehr-Komitees in das Volk getragen wurden, stellten so viele antisemitische Lügen in das rechte Licht, daß selbst die eifrigsten Prediger des Judenhasses einsehen mußten, daß ihre Arbeit wirkungslos zu bleiben drohte. In dieser Noth bemühte sich die deutsch-soziale Reformpartei, sich zu häuten; die Judenhetze wurde ein wenig zurückgestellt, die Mittelstandsbewegung in den Vordergrund geschoben. Allein umsonst, die Volksmaffen waren schon politisch zu reif, als daß sie sich so plump hätten einfangen laffen, das neue Zugmittel verfehlte seine Wirkung, und die Wahlen brachten der Partei den Zusammenbruch. Nur 5 Mandate von 14 konnten am ersten Wahltag erobert werden 5 andere waren sofort verloren, und um die verbleibenden 4 mußte die Partei in der Stichwahl ringen. Hinzu kamen allerdings noch 3 weitere Kreise, in denen die Kandidaten der Antisemiten in die Stichwahl kamen, weil die Konservativen in allen drei Kreisen auf eigene Kandidaturen zu Gunsten der antisemitischen Verzicht leisteten. Auch die beiden wilden Antisemiten Ahlwardt und Förster hatten Mißerfolg, Ersterer kam in die Stichwahl, Letzterer verlor sofort sein Mandat an einen Konservativen. Die nahe verwandte christlichsoziale Partei endlich brach auch vollkommen zusammen und von 8 Kandidaten derselben gelang es Stöcker nur mühsam, in die Stichwahl zu kommen. Die Stichwahlen haben freilich manches für die antisemitischen Parteien gebessert. Wo sie mit Sozialdemokraten in der Stichwahl standen, war ihr Sieg von vornherein sicher, so behaupteten sie Meißen und Gießen und gewannen Apenrade-Flensburg mit Hilfe der Konservativen und Nationalliberalen. In Waldeck und Alsfeld siegten sie hingegen mit Hilfe der Sozialdeniokraten über die nationalliberalen Mitbewerber, und der gleichen Hilfe verdankt auch Ahlwardt sein Mandat in Arnswalde-Friedeberg. Böckel siegte in Marburg gegen einen Konservativen, indessen diesen „Beamten des Bundes der Landwirthe", wie ihn dessen offizielles Organ, die Deutsche Tageszeitung, benennt, kalln man schon gar nicht mehr zu den Antisemiten rechnen, zur Partei derselben gewiß nicht. So steht die Bilanz der antisemitischen Gruppen gegen die letzte Reichstagswahl: verloren Dresden-Altstadt, Dresden-Neustadt und Dresden-Land an die Sozialdemokraten, Bensheim an die Nationalliberalen, Eschwege an die Freikonservativen, endlich Neu- Stettin an die Konservativen. Dagegen gewonnen nur Apenrade- Flensburg von den Nationalliberalen. Man sieht, die Bilanz ist schlecht genug. Stöcker ist mit 51 Stimmen Majorität in der Stichwahl gewählt worden, es sind aber so viele Unregelmäßigkeiten vorgekommen, daß die Annullirung dieser Wahl unzweifelhaft ist. Er ist aber, selbst wenn sein Sieg bestätigt werden sollte, nicht mehr die alte einflußreiche Persönlichkeit. Ohne Partei hinter sich, mit den Konservativen zerfallen und von oben bekämpft, wird er keine große Rolle spielen können trotz seiner unleugbar großen Rednergabe. Der Einfluß der deutsch-sozialen Partei war im Reichstag nie sehr stark, nach den letzten Schlappen ist er wohl auf Null gesunken. Zimmermann, der in Dresden durchgefallen ist, war unzweifelhaft die bedeutendste Intelligenz, über die die Antisemiten verfügen, Professor Förster, dem die Neustettiner ihr Vertrauen entzogen, einer der wenigen Männer unter den Antisemiten, gegen die nichts Ehren-

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