Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 — Der auch im Ausland bekannte Baron Albert Wodianer in Budapest, Mitglied des ungarischen Magnatenhauses, ist, 80 Jahre alt, gestorben. — Der Präses der jüdischen Kultusgemeinde zu Karlstadt, Sanitätsrath Dr. Friedrich Stern, hat das Ritterkreuz des Franz-Josefs-Ordens erhalten. N. Baja (Süd-Ungarn), 15. Juni. Am 31. v. M. wurde hier unter Theilnahme der ganzen Gemeinde und der Vertretung derselben der sel. emerit. Oberkantor Jeremias Mandl mit hohen Ehren bestattet. Wort und Lied verherrlichten im Haufe des Verklärten und in der Vorhalle der Hauptsynagoge die erhebende Todtenfeier. Der Verblichene hatte das 74. Lebensjahr erreicht, drei Jahrzehnte hindurch in hiesiger Gemeinde mit bestem Erfolg des Borsingeramtes gewaltet und durch Einführung des geregelten Gottesdienstes und durch Werke der Wohlthätigkeit sich in hohem Maße verdient gemacht. Der Verewigte erfreute sich großer Beliebtheit durch Intelligenz und gottesfürchtigen Wandel und besaß den Vorzug, durch redliche Arbeit zu ehrbarem Wohlstände sich aufgeschwungen zu haben. Ehre seinem Angedenken. Nußland. w. Petersburg, im Juni. Der neue russische Unterrichtsmini st er Bogoljepow hat durch ein Cirkular an die Kuratoren aller Lehrbezirke das Gesetz in Erinnerung gebracht, wonach den jüdischen Lehrern der israelitischen Volks- und Gemeindeschulen sowie auch den Dozenten höherer jüdischer Lehranstalten und Rabbiner-Seminare alle Rechte des Staats-und Kommunaldienstes sowie die Pensionsberechtigung nicht zutheil werden, so daß auch die jüngst von der Regierung gestiftete Verdienstmedaille für Lehrer, welche eine 25 jährige Dienstzeit hinter sich haben, den jüdischen Lehrern nicht verliehen werden darf. Ueber dieses Letztere werden sich die armen jüdischen Lehrer wohl zu trösten wissen! Schlimmer ist es, daß sie aus der ganzen Verfügung die Richtung des neuen Ministers erkennen, die sich dem reaktionären Geist Pobedonoszews eng anschließt. — Die Juden, die in Unterrichts - anstalten eintreten wollen, werden von der Regierung bald repressiv, bald wohlwollend behandelt. Alexander III. setzte für alle Lehranstalten ein nach der Zahl der christlichen Zöglinge sich richtendes prozentuales Maß für die Aufnahme der jüdischen Zöglinge fest, welches unter dem gegenwärtigen Herrscher Rußlands vielfach nicht eingehalten wird. Gewisse niedere Schulen sind jüdischen Kindern überhaupt bedingungslos zulässig. Soeben veröffentlicht der Kultusminister jedoch wiederum eine Repressivmaßregel. Die Moskauer Universität ist dieser Maßregel zufolge für die Juden so gut wie versperrt. In jeder Fakultät dürfen nicht mehr als 3 Prozent der Aufgenommenen Juden sein, und auch beim Uebertreten aus einer Fakultät in die andere ist dieses Berhältniß maßgebend. In diesem Herbst können in die Moskauer Universität nur 30 Juden ausgenommen werden. Das ist eine nichtssagende, verschwindende Ziffer im Berhältniß zu der Größe dieses Lehrinstituts und fast gleichbedeutend mit einem Verbot der Aufnahme der Juden, das zu erlassen der Regierung denn doch nicht angängig erscheint. Amerika. 6.8. New-Aork, im Juni. Am 22. Mai fand in Philadelphia die zehnte Jahresversammlung derjüdischenLitteraturgesellschaft, Jewish Publication Society of America, statt. Die Gesellschaft zählt nahezu 8000 Mitglieder, hatte ein Jahreseinkommen von 19 398 und Ausgaben in der Höhe von 17 625 Dollars. Der eiserne Fonds der Gesellschaft beträgt 17 000 Dollars. Die letzte Publikation der Gesellschaft war ein Jndexband zu Grätz' Geschichte mit einer Biographie des Verfassers aus der Feder von Dr. Philipp Bloch in Posen. — Am 19. Mai starb hier Herr Louis Rosen stiel, geboren in Königsberg 1818, der während des Bürgerkrieges als Lieutenant gedient hatte und hier an den religiösen Interessen thätigen Antheil nahm. — Unter den Verwundeten, die vor San Juan auf Portorico von svanischen Kugeln getroffen wurden, befindet fich noch ein zweiter Jude, John David aus New-Iork. — In New-Orleans haben zwei Redakteure jüdischer Blätter, Lehmann und Philipps, ihre journalistischen Differenzen nach der Sitte der Südstaaten mit Messern auf der Straße ausgefochten, worauf die Polizei das gesammte Redaktionspersonal der gesammten jüdischen Presse von New-Orleans verhaftete. — Oscar S. Straus aus New-Iork, unter Clevelands erster Administration amerikanischer Gesandter in der Türkei, ist, 'wie Sie wohl schon wissen, von dem Präfidenten Mc. Kinley von Neuem zu diesem Posten ernannt worden. Diese Ernennung ist eine um so größere Ehre, als Oscar Straus zur demokratischen Partei, also zu den politischen Gegnern Mc. Kinleys gehört. Von Nah und Fern. Dr. phil. Fritz Arnheim ist zum korrespondirenden Mitglied der Stockholmer „Königl. Akademie für Schönlitteratur, Geschichte und Alterthumskunde" (^eademie Royale des heiles lettres d’histoire et d’archdologie) erwählt worden, und es sind ihm die Insignien des Ritterkreuzes des königl. schwedischen Nordsternordens verliehen worden. — Frau Franziska Ginsberg hat der Armenkommission der jüdischen Gemeinde 10 000 Mk. überwiesen. — In Kalkberge-Rüdersdorf starb am 16. d. Mts. nach schweren Leiden der Amtsrichter Dr. Eugen Jaeoby. — Der frühere Redakteur der „Kreuzzeitung" Kammerrath a. D. Philipp von Nathusius-Ludom wurde am Mittwoch von der Potsdamer Strafkammer zu 600 Mk. Geldstrafe wegen Hinterziehung von Wechselstempelsteuer verurtheilt. Er hatte die Stempelung eines Wechsels in Höhe von 20 000 Mark unterlassen, den er ausgestellt und sein Sohn acceptirt hatte. — Nach amtlichen Nachrichten sind im vergangenen Jahre hier 136 Juden zur christlichen Religion übergetreten. Bon der Judenmisstonsgefellschaft wurden in der evangelisch-lutherischen Bethlehemskirche nur acht Personen getauft. Die übrigen Gemeinden sind mit ganz geringen Zahlen, etwa 1—3 Taufen, an der Gesammtzahl betheiligt. Merkwürdigerweise machen aber drei Gemeinden: „Jerusalem", „Neue Kirche" und „Johannes-Moabit" eine Ausnahme; hier sind 25 bezw. 20 und 21 Juden im Laufe des Jahres getauft worden. — Den Titel eines Rathes 4. Klasse erhielten die Professoren am Johannes-Gymnasium in Breslau Dr. Badt und Dr. Harezyk. — In Dessau ist am 19. d. Mts. der Geheime Kommisfionsrath Julius Elkan im 71. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehörte Jahre lang dem Borstande der jüdischen Gemeinde an. — Lehrer Eckmann- Nienburg a. d. Weser feierte am 23. d. Mts. das Jubiläum seiner 25 jährigen Amtsthätigkeit in seiner jetzigen Gemeinde. — Einer der Führer und eifrigsten Agitatoren der antisemitischen Partei in Hagen, der Berwaltungsbeamte St. von dort, wurde kurz vor der Wahl wegen Sittlichkeitsverbrechens und Unterschlagung verhaftet und in das Untersuchungsgefängniß eingeliefert. — Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Worms hat das alte Frauenbad nächst der Synagoge aus dem 11. Jahrhundert nach den Vorschlägen des Bauraths Profeffor Hofmann-Darmstadt wieder Herstellen lassen, und wird dasselbe von Interessenten sehr besucht. — Dem im Verlage der Buchhandlung Jakob B. Brandeis in Prag erscheinenden „Vollständiges israelitisches Kochbuch" von Wittwe Marie Kauders ist auf der Internationalen Ausstellung in Triest 1898 die höchste Auszeichnung (Ehrendiplom nebst goldener Medaille) zuerkannt worden. Desgleichen wurde genanntes Kochbuch auf der internationalen Gewerbe- und Nahrungsmittel-Ausstellung in Prag 1898 mit der silbernen Medaille prämiirt. — In Lausanne wurde ein israelitisches internationales Waisenhaus für Knaben und Mädchen unter der Aufsicht des Großrabbiners Wertheimer-Genf gegründet. Frau Baronin Hirsch hat dem Waisenhaus den ersten Schützling anvertraut. — Rabbiner Raphael Ldvy in Paris, Generalalmosenier der Fremdenhospitäler, Asyle und Gefängnisse, ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. — Der Ingenieur der Jwangorod-Dombrowaer Eisenbahn Moritz G otth ainer in Warschau hat den Stanislaus-Orden 3. Klasse erhalten. — In Trikkala bei Athen fand eine regelrechte Judenhetze bei dem Wiedereinzug der griechischen Truppen statt. Der Pöbel, der . den Juden Schuld gab, mit den Türken fraternisirt zu haben, warf sich gleich nach dein Abzüge der Türken auf die Juden und mißhandelte und beraubte viele derselben. Mit großer Mühe stellte General Bassos die Ruhe wieder her, denn die lokalen Behörden sind gegen die Juden immer noch gehässig. — Der neue Minister des Auswärtigen in Italien, Marquis Cappelli, hat den jüdischen Unterstaatssekretär Senator Malvano gebeten, auch unter seiner Verwaltung den wichtigen Posten zu behalten. Druck und Verlag von Ruvolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.