Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Lesung wird nicht beantragt und somit die ganze Vorlage unbeschadet einiger redaktioneller Aenderungen von der Versammlung einstimmig angenommen. W. Berlin, 21. Juni. Der Militär-Verein „Deutsches Vaterland" beging die Feier des 10jährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers Wilhelm II. am 15. d. Mts. in erhebender Weife. Nachdem am Vormittag bereits eine Deputation des Vereins einen kostbaren Kranz auf den Sarg des hochseligen Kaisers Friedrich zu Potsdam niedergelegt, versammelten sich die Mitglieder, deren Angehörige und Freunde Nachmittags zur Festvorstellnng im Schweizergarten, woselbst durch eine erhebende Rede des Vorsitzenden, welche in ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Se. Majestät ausklang, erst die rechte Festesstimmung sich Bahn brach und die zahlreich erschienenen Festtheilnehmer bis nach Mitternacht fesselte. 22 Berlin, 19.,Juni. Der „Israelitische Fortbildungsverein Montefiore" trat mit Beginn des Sommers in sein 28. Semester ein. Begründet von den Herren Rabbinern Dr. Mannheimer, Oldenburg, Dr. Ed. Biberfeld, Dr. Deutschländer s. A. und Herrn Dr. Berliner, steht der Verein auf dem Boden des überlieferten Judenthums und hat den Zweck, das Studium der Bibel, der jüdischen Geschichte und der rabbinisch-talmudischen Litteratur zu pflegen. Zur Erreichung dieser Zwecke finden im Vereinslokal, Rofenstraße 2, part., Lehrvorträge statt, und zwar unterrichtet: Dr. Ed. Biberfeld Montags „Gemarah" und Kand. phil. Galliner Donnerstags „Thora". Von Zeit zu Zeit werden auch Vorträge über ausgewählte Themata gehalten, und erfreuen sich diese regen Besuchs. Im letzten Semester sprachen u. A. Dr. M. Hildesheimer über „Massora und Massoreten", Rabbiner Dr. Stier über „Die Ehre des Gelehrten in der Bibel", Dr. Brody über „Saadja Gaon" und Redakteur Klausner über den Zionismus. Für die nächste Zeit haben bereits die Herren Dr. Mannheimer, Dr. Löwe und Dr. H. Hildesheimer Vorträge zugesagt. Zur Verfügung der Mitglieder und auch anderer Leser steht außerdem eine ausgewählte jüdische Bibliothek, welche etwa 300 Bände umfaßt und von den Mitgliedern lebhaft frequentirt wird. Aber nicht nur für jüdisches Wissen, sondern auch für jüdisches Leben wird im Verein „Montefiore" gesorgt. Nach den Vorträgen findet regelmäßig Abendgottesdienst statt. An den hohen Festtagen veranstaltet der Verein für seine Mitglieder und Gäste in eigenen Räumen Festgottesdienst, bei welchem die Mitglieder die ritualen Funktionen übernehmen. Gesellige Veranstaltungen, wie Ausflüge, Winter-Vergnügen rc., sorgen für persönlichen resp. freundschaftlichen Verkehr unter den Mitgliedern, so daß es jedem jungen Manne, speziell aber jedem Kaufmann empfohlen werden kann, sich diesem in der That segensreichen Verein anzuschkießen. Der Vorstand besteht aus den Herren: Akiba R. Hartmann, Schönhauser Allee 186, Arthur Marcus, Louis Lewy, Leopold Struck, Raphael Gradenwitz. Jede gewünschte Auskunft ertheilt bereitwilligst der Vorstand. L2 Berlin, 20. Juni. Eine ehrwürdige Pflegestätte des alten Talmudstudiums ist noch immer die Jeschiba zu L omza in Russisch-Polen, die von Zeit zu Zeit einen Sendboten nach Deutschland schickt, der für die Erhaltung dieser Anstalt milde Gaben bei Freunden des Thorastudiums sammelt. Es ist dies Rabbi ChaimCharyn, der sich mit seltenem Eifer dieser schwierigen Aufgabe unterzieht. Die Anstalt hat mit der Zeit sich derart vergrößert, daß der Ort selbst die zahlreichen Schüler — es sind deren gegenwärtig nahezu 1000 — gar nicht mehr alle beherbergen kann, und man sich genöthigt sah, Filialen der Anstalt in den umliegenden Ortschaften zu errichten. Sie alle aber erhalten von der Mutteranstalt ihren vollen Unterhalt. Ein hervorragender Kenner der jüdisch-russischen Verhältnisse, Herr Rabbiner Dr. Rülf, schreibt über diese Angelegenheit: „Es ergeht hierdurch meine Bitte an alle Glaubensgenossen an jedem Orte, wohin der Sendbote, Herr Charyn gelangt, ihn zu fördern und zu unterstützen, und zwar in so reichem Maße, als es die Bedeutsamkeit der Anstalt und die Zahl ihrer Lehrer und Schüler verlangt und verdient. Ich ertheile diese Empfehlung um so lieber, als mir der Rosch Jeschibah, das ehrwürdige Haupt dieser talmudischrabbinischen Hochschule, Herr Rabbiner L. Schulawitz, als einer der größten Talmudisten der Welt und als ein streng religiöser Mann gut bekannt ist." — Auch zahlreiche andere Männer von hervorragendem Namen in Deutschland und Frankreich empfehlen die Talmudschule zu Lomza und ihren Sendboten, Herrn Ch. Charyn, angelegentlichst. Wir schließen uns diesen Stimmen gern an, indem wir allen edlen Glaubensgenossen die Förderung und Unterstützung dieser Hochschule des Talmudstudiums empfehlen. 2 Schrimm, 17. Juni. Dev Bericht über die rituelle Verpflegung der jüdischen Insassen des Landarmenhauses Hierselbst in der Zeit vom 1. Mai 1897 bis zum 30. April l. Js. ist erschienen. Es wurden verpflegt: 6 Monate je 5 Personen (einschließlich eines jüdischen Soldaten) und 7 Monate je 4 Personen. Die Einnahmen ergaben 1041,65 Mark, die Ausgaben 1032,64 Mark. Dr. Bamberger Hierselbst übernimmt Spenden und Jahresbeiträge für dieses echt humanitäre Liebeswerk. E. Jnowrazlaw, 17 Juni. Am letzten Sonntag fand hier im Jünglingsverein — eigentlich antisemitischer Verein — eine Versammlung behufs Gründung eines Vereins zum „blauen Kreuz" statt. Schreiber dieses wär auch dort. Zuerst hielt der Superintendent Hildt ein Gebet und eine Betrachtung über die Trunksucht. Dann hielt der vereidete Dolmetscher Streich aus Thorn einen Vortrag, dem er den 100. Psalm zu Grunde legte. Nachdem er die Schrecknisse der Trunksucht, das zerrüttete Familienleben, welches durch den Alkohol entstehe, in beredten Worten schilderre, und nachdem er durch eine eigens zufammengestellte Statistik nachgewiesen, wie viel Opfer der Alkohol jährlich fordere, rief er begeistert aus: „Wir müssen uns vor den Juden schämen, denn diese leben nüchtern, sittlich und moralisch; bei uns Christen wird aber ohne Maß und ohne Ziel getrunken! Wenn wir am Sonnabend Abend und Sonntags einen Rundgang durch die Stadt machen, finden wir die Kneipen und Gasthäuser gefüllt von johlenden Trinkern. Dort finden wir aber keinen einzigen Juden, nur Christen, die ihren Wochenverdienst dort vergeuden und die Familie zu Hause darben lassen!" Dann kam er auf die Verhältnisse in Deutschland zu sprechen und meinte, daß in Rußland die Verhältnisse besser liegen als bei uns. „Dort darf bei hoher Strafe nur ein gewisses kleines Maß Spiritus verabfolgt werden, hier aber bleibt die Trunksucht ohne Schranken. Dort, in Rußland, regiert nur Einer, hier aber sitzen im Reichstage die meisten Landwirthe, die, anstatt dem Nebel der Trunksucht zu steuern, diese noch fördern, damit ihre Landprodukte in Spiritus und Bier verwandelt werden, und sie reichen Profit haben!" — Der Verein wurde gegründet. F. S. L. Detmold, 17. Juni. Der verdienstvolle Lehrer und Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Abraham Plaut, der im Januar vorigen Jahres unter wärmster Theilnahme der Gemeinde, der Kollegen und der zahlreichen Verehrer seine silberne Hochzeit feierte, hat nun auch von hoher Stelle ein seltenes Zeichen der Anerkennung erhalten. Herrn Plaut ist anläßlich des Geburtstages unseres Regenten, des Grafen Ernst von Lippe-Biesterfeld, das Lippesche silberne Verdienstkreuz verliehen worden. — Als ein Zeichen des guten Einvernehmens zwischen den Mitgliedern der religiösen Bekenntnisse theile ich Ihnen ferner mit, daß bei dem letzten Schützenfest im Flecken Schwalenberg im Fürstenthum der Sohn des dortigen Kaufmanns S. Bachrach, Herr Gustav Bach rach, die Königswürde über die jüngeren Schützen erworben hat. Ich war zufällig am Tage der Feier anwesend und war freudig überrascht über die herzliche Stimmung und über die allgemeine Befriedigung, welche aus diesem Anlasse sich überall kundgaben. Von dem dunklen Hintergründe unserer an Hetzereien, Intoleranz und Lieblosigkeit so reichen Zeit hebt sich solch brüderliches Verhalten verschiedener Konfessionen vortheilhaft ab. o. Frankfurt a. M., 19. Juni. Der vierte Bericht des Vereins „Kindergarten für Israeliten in Frankfurt a. M." für 1896 und 1897 konstatirt mit Genugthuung, daß die Thätigkeit des „Kindergartens" eine stetige gewesen und nicht hinter den Anforderungen seiner Aufgabe zurückgeblieben ist. 1896 betrugen die Einnahmen 9183,12 Mark, die Ausgaben 8216 Mark. Die Anzahl der Zöglinge belief sich auf 65, der durchschnittliche Besuch betrug ungefähr 56 Zöglinge, ein sehr günstiges Resultat mit Rücksicht darauf, daß bei Kindern in einem solch zarten Alter die Eltern besonders ängstlich sind, und ihnen das kleinste Unwohlsein Veranlassung giebt, die Kleinen zu Hause zu behalten. Die statutengemäß aus dem Vorstande auszuscheidenden Herren Eduard Cohen, Leo Holzmann, S. Löwenick, Dr. med. H. Mayer und Jacob Schwarzschild wurden