Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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k*WS«!*‘rs'Ä'»»<rV'*'*V' 299 großer Theil der Sabbatianer flüchtete sich nach der Moldau; allein, da sie auch dort bedroht wurden, gingen sie größtentheils zur katholischen Religion über. Da es sich jedoch herausstellte, daß sie sich nur äußerlich zuni Christenthum bekannten, im Geheimen aber nach den Vorschriften ihrer Sekte lebten, so wurden Viele von ihnen dort gefangen genommen, es wurde ihnen zur Schmach der Bart, den sie trugen, von einer Seite abgeschoren, auf der anderen aber gelassen, als Synibol, daß sie weder Juden noch Christen seien, und Viele wurden nach Polen auf die Festungen geschickt. Unter den Getauften befand sich auch Jakob Frank, da er jedoch denunzirt wurde, daß er Christen in den Grundsätzen seiner Sekte unterrichte, wurde er nach der polnischen Festung Czenstochau gebracht, wo er mehrere Jahre in Gewahrsam blieb. Als jedoch die Russen im Verlaufe der Zeit Czenstochau eroberten, wurde er wieder frei und verschaffte sich sogleich einen sehr großen Anhang, der ihn als Propheten verehrte, ihm den Titel „heiliger Vater" beilegte und ihn mit enormen Geldsummen unterstützte. Im Jahre 1778 begab er sich mit einer großen Suite, aus getauften Juden beiderlei Geschlechts bestehend, worunter mehrere ehemalige Rabbinen, nach Wien, wo er mit einem mehr als fürstlichen Aufwande durch einige Zeit lebte, bis endlich die Polizeistelle, vor welcher er sich über den Bezug seiner ungeheueren Geldmittel nicht gehörig ausweisen konnte, ihn aus der Residenz verwies. Frank ging hierauf nach Brunn und lebte daselbst mit noch größerem Aufwand und einer fast königlichen Pracht. Er hielt eine eigene Leibgarde, welche beritten und nach Ulanenart in grünrother, von Gold strotzender Uniform und mit Lanzen bewaffnet seinen Wagen umgab, wenn er ausfuhr, während ein Leiter in orientalischer Tracht mit einem purpurnen Wafferschlauche voranritt, um nach orientalischer Sitte, wie es ehedem bei den Sultanen gebräuchlich war, durch das Besprengen des Bodens den Weg vom Staube zu befreie». Seine Revenuen kamen ihm von seinen Anhängern, meistens Polen, zu, und es wurde Gold und Silber in Fässern, von seiner eigenen Garde eskortirt, ihm allmonatlich überschickt. Frank versuchte es ein zweites Mal, sich nach Wien zu begeben, wo er neuerdings mit der Pracht und dem Luxus eines orientalischen Fürsten auftrat, wurde jedoch neuerdings verwiesen. Er kaufte vom Fürsten Isenburg, welcher dazumals Adjutant des Kaisers Josef war, das Palais Isenburg in Offenbach, wohin er mit seinem Gefolge übersiedelte und daselbst den Titel eines „Baron" Frank annahm und führte. Hier lebte er mit dem Aufwande eines kleinen Souverains; er vermehrte seine Garde, welche innerhalb der Höfe des Palastes fortwährend in den Waffen geübt wurde, vor den Thoren des Palastes und in den Gängen desselben den Wachdienst versah und bei gegebenen Anlässen, so z. B. am Frohnleichnam- Tage, in prachtvoller Uniform ausrückte, um während des Gottesdienstes in der katholischen Kirche zu Birgeln, nächst Offenbach, wohin sich Frank zum Gottesdienst feierlichst begab, die üblichen Salven zu lösen. In jener Kirche hörte Frank auch an jedem Sonntag die heilige Messe, doch nach seiner Art, indem in der Nähe des Altars ein Teppich am Boden für ihn ausgebreitet wurde, auf welchem er liegend, das Gesicht zum Boden gewandt und das Haupt mit einem scharlachrothen Käppchen bedeckt, seine Andacht verrichtete. — Seine Suite bestand aus mehr als tausend Personen beiderlei Geschlechts, die sämmtlich von ihm erhalten wurden und zu seiner Dienerschaft zählten. Er selbst lebte ganz abgeschloffen und war nur bei seinen Kirchenfahrten sichtbar, wo er gewöhnlich in scharlachrothem Talar, mit Hermelin gefüttert, erschien; alle seine Untergebenen bezeigten ihm eine fast göttliche Verehrung, und wurden Diejenigen, die dagegen verstießen, aufs Strengste bestraft. In Offenbach war er nur unter den, Namen des „polnischen Fürsten" bekannt, indem von ihm und all seinen Anhängern nur die polnische Sprache gesprochen wurde, und hat sich diese Benennung noch bis auf den heutigen Tag erhalten. Jakob Frank wurde, wie einst sein Vorgänger Sabbatai, von seine» Anhängern für unsterblich gehalten, doch mußte auch er nichtsdestoweniger wie jeder Andere der Natur seinen Tribut bezahlen; am 10. Dezember 1791 verschied er plötzlich am Schlagfluß, am zwölften desselben Monats, Nachmittags, war sein feierliches Leichenbegängniß, das mit königlichem Pomp begangen wurde. Sein ganzer Haushalt, damals aus 800 Männern und aus 200 theils verheiratheten, theils ledigen Frauenzimmern bestehend, folgte mit brennenden Wachskerzen und mit weißen Trauerflören seinem Leichnam, der in einem offenen, mit weißem Atlas überzogenen und mit weißen Fransen geschmückten Sarge, in Purpur und Hermelin gehüllt, von seinen ehemaligen Dienern getragen und auch auf diesem Gange von 70 Mann seiner glänzenden Leibgarde eskortirt wurde. Auf dem Kirchhof wurde der Sarg geschlossen, in weißes Tuch gehüllt und, anstatt an Stricken, mit weißen Tüchern in das Grab versenkt. Infolge seiner Anordnungen wurde ein Jahr lang in weißem Flor von seinen Anhängern um ihn getrauert, und durfte sein Grab durch kein Monument der Nachwelt kenntlich gemacht werden. Er hinterließ zwei Söhne, Josef und Rochus, und eine Tochter Namens Eva, welche nach des Vaters Tode, infolge seiner früher bestimmten und bekannt gemachten Anordnungen, die Rolle der Prophetin übernahm und unter dem Namen der „heiligen Mutter" nunmehr das Haupt der Sekte bildete. Lrtterarrsche Mittherlungen. Bekanntlich haben oft angesehene Männer sich bewogen gefunden merkwürdige Ereignisse aus ihrem Leben oder die Schicksale ihrer Familie niederschreiben zu lassen. Solche Schriften, man nannte sie „Familien- Megillas", hatten umsomehr geschichtliche Bedeutung, als sie ja bestimmt waren, eine Art Familienheiligthum zu bleiben, und ein Patriarch es nicht leicht wagen durfte, wissentlich die Wahrheit zu entstellen, die sich ohnehin durch die darin nothwendig angeführten Einzelheiten beurkundet. Eine solche Familienchronik in des Wortes vollstem und bestem Sinne ist soeben unter dem Titel EWftp fiJH in St. Petersburg auf Veranlassung eines Mannes erschienen, der als Mäcen der jüdischen Litteratur in eingeweihten Kreisen längst rühmlich bekannt ist, und der heute wohl der Patriarch dieser weitverzweigten und hochangesehenen Familie genannt werden darf, nämlich des Herrn A. L. Friedland in Petersburg. Es ist bekannt, daß dieser ausgezeichnete Mann eine große und sehr werthvolle Bibliothek gesammelt und unter dem Namen Bibliotheca Friedlandiana dem asiatischen Museum in Petersburg geschenkt hat. Der Katalog dieser Bibliothek von S. Wiener, der eben im Erscheinen begriffen, wird sicher eines der wichtigsten bibliographischen Hilfsmittel bleiben. Mit demselben Eifer hat Herr Friedland auch die Herausgabe der vorliegenden Familienchronik betrieben und weder die sehr großen Kosten noch die nicht geringe Mühe gescheut, um das Werk durchzuführen. Das Ziel ist nunmehr erreicht, und man darf dem verehrten Manne dazu aus vollem Herzen Glück wünschen. Das Buch selbst enthält eine vollständige Geschichte der Familien Eisenstadt, Bacharach, Ginzburg, Heilprin, Morwitz, Minz, Friedland, Katzenellenbogen, Rokeach, die. ihre Abstammung von den im Jahre 1659 in dem litthauischen Städtchen Rushani infolge einer Blutbeschuldigung gefallenen Märtyrern herleiten. Es ist aus Druckwerken und Handschriften der oben erwähnten Bibliothek von I. T. Eisenstadt gesammelt und von S. Wiener geordnet, ergänzt und mit Noten versehen. So ist dieses Buch mehr, ja viel mehr als eine Familienchronik. Es ist ein wichtiger Beitrag zur jüdischen Geschichte in Deutschland, Rußland