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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-24 · Heft 25 (24.6.1898) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 25 (24.6.1898)
Date
1898-06-24
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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LS6 ebräischen Bezeichnungen für „Mensch" „adam“ und „enosch“ auf die Schwachheit der menschlichen Natur Hinweisen. Uebrigens hat der Verfafler selbst eingesehen, daß diese Anschauung keinen prinzipiellen Unterschied zu der des Heidenthums bildet; denn auch Homer vergleicht das Menschengeschlecht „mit Blättern des Waldes, die der Frühling hervorsprießen läßt, der Herbstwind aber auf den Boden streut". Einen Hauptunterschied aber zwischen antiker und christlicher Weltanschauung will Profeffor Kirschnek darin finden, daß in der heidnischen Denkweise „das Gottwerden des Menschen, im Christenthum die Menschwerdung Gottes den Gipfelpunkt des frommen Glaubens bildet". Auch dies stimmt nicht. Bei den heidnischen Völkern wurden wohl bedeutende Männer nach ihrem Tode in die Reihe der Götter versetzt, aber dies war kein Gipfelpunkt des frommen Glaubens. Nimmt man andererseits die Menschwerdung Gottes nicht buchstäblich, sondern in dem Sinne, wie es Professor Kirschnek selbst erklärt mit den Worten: „das Menschliche kann sich nicht zum Göttlichen erheben, wenn nicht das Göttliche sich zum Menschlichen herabläßt; alles Menschliche ist daher nur insofern mit dem Göttlichen eins, sofern Gott selbst in ihm sich offenbart", so ist danrit derselbe Gedanke ausgesprochen, den die Thora auf ihrem ersten Blatte lehrt, daß der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen ist und eben deshalb zum Göttlichen sich erheben kann. Der prinzipielle Unterschied zwischen antiker heidnischer Anschauung und biblischer Anschauung scheint uns vielmehr ausgesprochen zu liegen in dem einzigen Satze: „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige". (III. Buch Mos. K. 19, V. 2). Ein solcher Satz konnte unmöglich im Heidenthum ausgesprochen werden, weil Polytheismus und Heiligkeit des Lebenswandels unüberbrückbare Gegensätze sind. Wo viele Götter sind, da giebt es, wie die Ilias und die Odyffe zur Genüge zeigen. Neid, Zank, Streit, Sittenlostgkeit und Lasterhaftigkeit; ist aber das Vorbild der Götter ein schlechtes, so kann auch der Lebenswandel des Menschen kein heiliger sein. Und da im Heidenthum der Gedanke „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige" unmöglich war, so mußten auch die Griechen und Römer trotz ihrer großartigen Leistungen auf dem Gebiete der Kunst und Philosophie einer- und des Staatswesens andererseits untergehen. Leone de Sommi Nortnleone der Dramatiker und Synagogengründer von Mantua. Von Profeffor Dr. David Kaufmann. (Schluß.) eone war, obzwar er seine Bitte nicht durchsetzen konnte, damals i bereits ein Mann von litterarischer Bedeutung und unbestrittenem Ansehen. Der Ruf seines szenischen Verständniffes war über Italien hinausgedrungen. War er doch in der Kunst der Aufführung von Theaterstücken als meisterhafter Regiffeur praktisch wie theoretisch seiner Umgebung weit vorangeeilt und um viele Jahre in seinen szenischen Schriften Angelo Jngegneri zuvorgekommen, dessen einschlägiger Traktat erst 1598 ans Licht trat1 2 * 4 5). Seit 1562 war er in der durch Cesare Gonzaga, Herrn von Novellara gegründeten Accademia degli Invaghiti der Dichter der hier aufgeführten Dramen, deren er eine so große Menge zu Stande brachte, daß von den sechzehn Bänden seines litterarischen Nachlaffes, welche die J) Der Titel von Jngegneris Buch lautet: Deila poesia rappresentativa e del modo di rappresentare le favole sceniche. königliche Bibliothek zu Turin von ihm aufbewahrt1), elf seine Dramen enthalten. Aber Leone durfte der Dichter und die Seele dieser Akademie, jedoch nicht ihr Mitglied sein. Der Rang eines Ritters, der mit dem Mitgliedstitel verbunden war, konnte einem Juden nicht verliehen werden. Und doch war bereits der erste Portäleone, von dem die Geschichte erzählt, Benjamin oder Guglielmo I., der 1438 am Hofe Ferdinands I. von Neapel und später bei Galeazzo Sforza in Mailand und seit 1478 bei den Herzogen von Mantua Ludovico, Federigo und Francesco die Würde eines Leibarztes bekleidete, der erste jüdische Ritter gewesen^). Da man Leone nicht entbehren und doch wiederum auch nicht aufnehmen konnte, so machte man ih» zum Schreiber, d. h. zuni Sekretär der Gesellschaft, dem Bürde ohne Würde und die Arbeit ohne Titel zufiel. Der Thoraschreiber von Mantua, der Jude mit dem gelben Abzeichen am Gewände, hatte Jahre auf Jahre bereits in der Versammlung der Ritter geseffen, die er durch seine unermüdlichen Dienstleistungen verpflichtete, ehe er das Gesuch zu stellen wagte, daß ihm die Verpflichtung, das kränkende Abzeichen zu tragen, erlassen werde. Am 7. Mai 1580 schrieb der damalige Protektor der Akademie von Mantua, Fernando Gonzaga, der Sohn Don Cesares, an den Herzog, daß er durch genaue Kenntniß der ausgezeichneten Verdienste Leone de Sommis sich gedrängt fühle, den Herzog um die Gewährung der Gnade zu bitten, die dieser von ihm verlangen werde. Er würde dann, von dem Abzeichen befreit, das ihn jetzt von den Christen zu trennen bestimmt sei, sichtlich und seinen Verdiensten gemäß von der großen Maffe der Juden geschieden sein"). Wahrscheinlich ist diese Gnade, die am Hofe von Mantua auch jüdischen Musikern gewährt wurde1), ihm zugestanden worden. Er würde sonst 1585 kaum die wichtigere Konzession erbeten haben, ein Grundstück erwerben zu dürfen. Während aber seine Leistungen für die italienische Litteratur beim Leben so schlecht und nach dem Tode noch so wenig gelohnt wurden, daß sein Name fast drei Jahrhunderte lang vergessen war, haben seine Beziehungen zum jüdischen Gemeindeleben, zum jüdischen Schriftthum und zu hervorragenden Vertretern desselben ihm unvergänglichen Nachruhm gebracht. Auf der Ehrenerklärung, die in dem Streite wegen der Ehescheidung der Tochter des venezianischen Arztes Josef Tamari von den besten Männern der Gemeinde Mantua für deren arg angegriffene Rabbiner Mose Provencale und Pinchas Elia Melli am 25. März 1565 ausgestellt wurde, begegnen wir auch dem Namen Jehuda Sonimis b. Jsak Sommi di Portaleone8). Besonders war es aber das Freundschaftsverhältniß zu dem großen Begründer der historischen Kritik unter den Juden, zu Asarja dei Rosst, das den Namen Leone de Sommis mit bleibendem Glanze umgeben sollte. Asarja war im Jahre 1574 im Ghetto von Mantua erschienen, um sein epochemachendes Werk: Meor Enajim drucken zu lassen. Die Kunde von den Angriffen auf die jüdische Chronologie, welche in dem Buch enthalten sein sollten, hatte Aufregung und Gegnerschaft in allen jüdischen Gemeinden Italiens hervorgerufen, Verzögerung des Druckes und schwere Gemüths- 0 Bergl. Beruh. Peyron, Ncde di Storia letteraria del Sec. XVI. Turin 1884. Außer diesen elf Bänden Dramen sind noch vier Bände Gedichte und ein Band Dialoge erhalten. 2) REJ XII, 115. Bergl. Kaufmann in Monatsschrift 38,129 n. 3. 8) Die Empfehlung hat zuerst Bertolotti im Bibliofilo 1686 Nr. 4 abgedruckt, siehe Birnbaum a. a. O. 246 n. 33 4) Ib. 5) Bergl. die Sammlung Q’Ta^Tpj iääMäksü

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