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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-24 · Heft 25 (24.6.1898) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 25 (24.6.1898)
Date
1898-06-24
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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- 295 —- einer freiwilligen, selbst geleiteten Bewegung von Schiras gegen Jerusalem. Der Gouverneur der Stadt sagte mir bei meinem Besuche dort 1892, daß ungefähr 400 Familien das Jahr vorher über Bushie Busrah und Bagdad nach Palästina gezogen wären. Er sagte, sie wären arm fortgezogen und wären, wahrscheinlich nicht weiter wie Türkisch-Arabien gegangen. Im Kontrast zu dieser Emigration von einem Lande, wo sie durch Verfolgung schwer gelitten haben, hören wir jetzt von russischen Juden, die Persien unter Umständen betreten, die dazu dienen mögen, den verfolgten Juden in Persien höher im Ansehen zu bringen. Ein bekannter reicher russischer Bankier von ziemlichem Einfluß in St. Petersburg, der in fremden Unternehmungen in und um Teheran stark interessirt ist, soll gute Fortschritte mit dem neuen Fahrweg vom Kaspischen See zu der Hauptstadt machen mit Hilfe von jüdischen Unternehmern, die er für die Konstruktionsarbeit angestellt hat. Als der russische Kreuzzug gegen die Juden begann, fand man es unausführbar, seine Prinzipien in den mittelasiatischen Provinzen rigoros anzuwenden, ohne einige wirksame Departements, welche jüdische Unternehmer beschäftigten, zu gefährden. Die verantwortlichen Beamten sollen rapportirt haben, daß weder Ruflen noch Andere mit dem erforderlichen Kapital und den nothwendigen Fähigkeiten in den neu erworbenen östlichen Provinzen vorhanden wären, den Platz der Juden einzunehmen. Demgemäß wurden die bestehenden Konditionen nicht geändert, das Engagement von jüdischen Unternehmern bei dem Schienenweg in Nordpersien ist daher nur eine Ausdehnung des Systems, das in den transkaspischen Provinzen herrscht, wo aus exzeptionellen Gründen den Juden günstigere Behandlung als im heiligen Rußland zutheil wird. Die Aussicht, die sich ihnen dadurch in Persien eröffnet hat, kann zu ihrer aktiven Betheiligung in neuen Unternehmungszweigen führen, und wenn es so sein sollte, so kann die Anwesenheit von respektabeln Juden, die als russische Unterthanen gut gesicherten Schutz genießen, kraft des Beispiels als der Beginn eines befleren Zustandes für die persischen Juden dienen. Es giebt viel Gemeinsames zwischen dem Judenthum und Jslani, und wenn die Missionen der von den Mohamedanern mehr oder weniger als Heiden betrachteten Parsen in dem, was sie bezweckten, reussirten, so kann recht wohl auch eine jüdische Mission ebenso viel und mehr erwarten. Ich glaube, die Zeit ist für die reichen Juden von Europa gekommen, den Ueberbleibseln ihrer Rasse in Persien, die noch dem Glauben ihrer Väter treu geblieben sind, zu Hilfe zu kommen. Den beiden jüdisch-englischen Herren, die voriges Jahr nach Teheran gefahren sind, um für sich selbst die Lage ihrer Glaubensgenoffen in Persien zu beurtheilen, wurde von dem Premierminister gesagt, daß die Lage der Juden sich viel verbeffern würde, wenn sie bester erzogen würden; und der Gouverneur von Teheran warf ihnen bei der ihnen gewährten Audienz vor, „daß die reichen Juden von Europa ihre Brüder vollständig vernachlässigten, daß Schulen unbedingt nöthig seien, und daß sein kaiserlicher Herr sowohl wie die öffentliche Meinung jede Anstrengung in dieser Richtung herzlich willkommen heißen und unterstützen würden". Eine jüdische Mission reiste 1840 unter Sir Moses Montefiore nach Konstantinopel und vermittelte erfolgreich mit dem Sultan, daß er seinen jüdischen Unterthanen ebensolchen Schutz angedeihen lasse wie seinen mohamedanischen Unterthanen. Die Juden in der Türkei leiden jetzt unter keiner Zurücksetzung und werden zu den öffentlichen Aemtern zugelassen. Eine ähnliche Mission an den Hof von Persien würde wahrscheinlich ebenso erfolgreich sein, den guten Willen des Schahs und seines Volkes zu erhalten. Denn unabhängig von des Souveräns persönlichem ernsten Wunsche, das Glück und Wohlgedeihen aller seiner Unterthanen ohne Unterschied der Rassen und des Glaubens zu schaffen, verbirgt sich im Lande noch eine romantische Ehrerbietung für die großen jüdischen Namen und Propheten aus den frühesten Zeiten der persischen Geschichte. Während meiner Reisen 1890 in Persisch-Arabistän, als ich mit dem Distrikt-Gouverneur in Dizful einritt, das den Anspruch erhebt, die Stadt Daniels zu sein, sagte er mir in einem Ton des größten Respekts : „Sie betreten jetzt die Stadt des Propheten Daniel, Ehre seinem Andenken!" Antike und christliche Weltanschauung. Bon Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. tie Christen nennen alles, was sie Gutes am Judenthum und den Juden finden, christlich." An diese Worte B. Auerbachs werden wir täglich und stündlich erinnert. Man spricht immer von christlicher Liebe, als ob das jüdische Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (HI. B. Mose K. 19, V. 18) gar nicht existirte, von christlicher Humanität, von christlicher Weltanschauung, als ob kein altes Testament, keine jüdischen Propheten Vorhänden wären. Schon vor 33 Jahren bemerkte A. Geiger in einem offenen Sendschreiben an Profeffor Dr. H. I. Holtzmann sehr treffend: „Weil nun seit drei Jahrhunderten die Völker, deren offiziell herrschende Religion das Christenthum ist, an der Spitze der Bildung stehen, gerade wie in früheren Jahrhunderten die Völker, welche sich zum Islam bekannten, hält sich das Christenthum für berechtigt, alle moderne Kultur als sein Werk zu proklamiren, ohne die früheren wie die gleichzeitigen Faktoren in Anschlag zu bringen." Diese Worte Geigers traten mir lebhaft vor die Seele, als ich vor Kurzem eine Gymnasialprogrammarbeit, betitelt: „Antike und christliche Weltanschauung", eine Parallele von Profeffor Dr. A. Kirschnek in Aussig, las. Der Verfasser geht von dem berühmten Chorgesang in der Sophokleischen Antigone aus (1. Stafimon), in welchem die Erhabenheit des Menschengeistes, die Macht, Größe und Würde des Menschen gepriesen wird, geht dann auf das zweite Stasimon über, in welchem Sophokles die Ohnmacht des Menschen gegenüber der unbesiegbaren Macht des olympischen Zeus schildert. Im Gegensatz zu dieser Erhabenheit des menschlichen Geistes, meint nun Professor Kirschnek, sei die Grundanschauung im Christenthum die Niedrigkeit und Schwäche der menschlichen Natur. Ec führt alsdann als Belege mit Ausnahme der Stelle I. Joh. 2, 17 „die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes thut, der bleibt in Ewigkeit" (er hätte ebenso gut und noch treffender anführen können Jes. 40, 6: „Alles Fleisch ist Gras und alle Anmuth wie die Blume des Feldes .... es dorrt das Gras, es welkt die Blume, das Gotteswort aber besteht ewiglich" lauter Stellen aus dem alten Testament an, bemerkt aber unmittelbar danach: „So sehen wir in der christlichen Weltanschauung immer und überall die Schwachheit der menschlichen Natur und die Abhängigkeit des Menschen von Gott hervorgehoben." Wir wollen gern zugeben, daß die Gedanken, welche Profeffor Kirschnek aus den Psalmen, Hiob, Kohelet u. s. w. citirt, von der Tochter des Judenthums angenommen wurden, allein nur der Tochter zu gedenken, den Namen der Mutter aber zu verleugnen, rundweg christlich zu nennen, was denn doch jüdisch ist, — das geht zu weit. Erwähnt ja Kirschnek selbst an einer weiteren Stelle, daß die

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