Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Persien und die Juden. Bon Thomas Gordon.') in vor Kurzem erschienener Artikel über Europa und die Juden hat es mir nahe gelegt, daß jetzt die Zeit gekommen ist, von der bemitleidenswerthen Lage der Juden in Persien zu sprechen. Abgeschlossenheit und Entfernung dieses Landes von den Centren, wo eine „Judenfrage" existirt, hat dazu geführt, daß die Juden in Persien von ihren glücklicheren Brüdern im Westen fast ganz vergessen sind. Und doch sollte der große jährliche Festtag, den sie voll Freude und Wonne in Erinnerung an die endliche Befreiung des jüdischen Volkes in den Tagen Hamans und Mordechais feiern — sie sanft an die Ueberbleibsel ihrer Rasse erinnern, die mit einem Leben von Elend, Jsolirung und Verfolgung kämpfen. ' In Milmans „Geschichte der Juden" findet sich folgender Auszug aus Wolffs Buch: „Ich bin weit gereist (sagt ein persischer Jude); überall sind die Juden Fürsten im Vergleich zu denen im Lande Persien. Schwer ist unsere Bürde; schwer ist unsere Sklaverei; angstvoll warten wir auf unsere Erlösung." Die schweren Erpressungen und demüthigenden Beschränkungen, die ihnen seit langen Jahren auferlegt worden, haben sie in einen Zustand tiefer Armuth und Unwissenheit herabgezogen und eine allgemeine Degradirung ihres moralischen und religiösen Charakters hervorgebracht. Dies verursacht Verzweiflung in den Gemüthern der bekümmerten Mitglieder der Gemeinden, weil es zeigt, wie groß die Gefahr ist, daß sie von ihrem alten Glauben ablaffen durch die sich vermehrende Veranlassung, ihre separirte Stellung aufzugeben und in der sie umgebenden Bevölkerung aufzugehen, das gewöhnliche Schicksal kleiner Massen von Fremdlingen, die in entfernten und unbekannten Regionen sich niedergelassen haben. Die Versuchung, sich von der unerträglichen Knechtschaft der Armuth und sozialen Degradirung durch angeblichen Uebertritt zum Mohamedismus zu emanzipiren, tritt offen heran, und Viele fallen so vom Judenthum ab. Die Denker unter ihnen sehen in dem Wechsel einen rationellen Weg, ihrer niedrigen Lebenslage und ernsten Religion zu entschlüpfen; diese nehmen den Islam an, um sich der Baby-Sekte anzuschließen, die die weitgehendsten Ideen über religiöse Freiheit und Gleichheit hat. Aber viele der sogenannten Konvertiten sind unwürdige und ausschweifende Söhne Israels, welche durch Kameradschaft mit der „gemeineren Klasse" niedriger Mohamedaner in dem Glaubenswechsel nur den zukünftigen weltlichen Vortheil sehen, die Erbschaft ihrer jüdischen Eltern und Verwandten, die Juden geblieben sind, zu erhalten. Dies ist Gebrauch, wenn auch nicht erklärtermaßen Gesetz. Von Zeit zu Zeit — in Fällen von verwegener Räuberei und Plünderung durch von Mullahs geleitete Haufen, die dieser Praxis in wüthendster Weise Ausdruck geben — wird in Teheran, mit der philanthropischen Unterstützung der englischen Regierung, appellirt. Dann kommt ein Kompromiß zu Stande, wobei die jüdische Familie nicht alles verliert; die Thatsache jedoch besteht, daß der Gebrauch in Kraft ist. und daß nach ihm bei der nächsten Gelegenheit ebenso rasch wieder gehandelt wird. Die Zahl der Juden in Persien wird auf 16000 geschätzt, welche fast alle in den Städten leben und mit den armseligsten Obliegenheiten beschäftigt sind. Sie sind den niederdrückendsten Maß- *) Angesichts der neuerdings aus Persien kommenden Nachrichten über Judenverfolgungen dürfte die obige Uebertragung eines Aufsatzes, den der General Sir Thomas Gordon für die „Pall Mall Gazette" vor einiger Zeit über dieses Thema geschrieben, für unsere Leser sicher von besonderem Interesse sein. Die Red. regeln unterworfen, die sie wirksam daran verhindern, reich zu werden. Ihre Lage in Teheran, der Hauptstadt, ist nicht so schlimm, denn dort haben sie in gewissem Maße die Wohlthat der Toleranz, die die Regierung auszuüben vorgiebt, die aber in der That nur die Gegenwart des Schah zü geben scheint; dagegen wird in den Provinzen dem ewig bereiten verrückten Mullah freier Lauf gelassen, dem freundlosen Ungläubigen Leiden zu schaffen. Das Prestige-der christlichen Nationen schuf schon vor Langem die Rechte der Armenier in Persien auf menschliche und gute Behandlung und sie werden zu den höchsten Posten in der Regierung des Schahs zugelaffen. Während der letzten 35 Jahre hat die reiche Parsengemeinde in Indien von Zeit zu Zeit spezielle Missionen an den Hof des Schahs gesandt, um sein königliches Wohlwollen für ihre zoroastrischen Brüder in Persien zu erhalten, und die Wirkung war immer günstig. Auch hielten sie während einer langen Zeit einen anerkannten Agenten in Teheran für repräsentative Angelegenheiten, um Petitionen zu überreichen und Protektion und Hilfe zu verlangen. Die Parsen in Persien unterliegen in den Provinzen noch manchen unangenehmen Maßregeln, besonders in Aezd, dem Mittelpunkt der zoroastrischen Ueberbleibsel in Persien; aber als Gemeinschaft werden sie in viel besserer Weise wie die Juden behandelt. Ihnen werden Geschäftserleichterungen gestattet, welche den Juden versagt sind, und es sind unter ihnen reiche und prosperirende Kaufleute, die nahe persönliche und geschäftliche Beziehungen mit den parsischen Geschäftshäusern in Bombay haben, und denen ein großer Theil des beträchtlichen Import- und Exporthandels von Iezd gehört. So waren die nicht öffentlichen Anstrengungen ihrer volksbegeisterten Glaubensgenossen in Indien die Mittel, ihnen Erleichterungen und Vortheile und Schutz zu verschaffen, welche die Enlwickelung ihrer industriellen Gewohnheiten ermuthigte und sie auf ein höheres Lebensniveau erhob im Vergleich zu ihren mohamedanischen Nachbarn. Währenddessen, da keine helfende Hand sich den unglücklichen Juden entgegenstreckt, fährt die Armuth und Sklaverei fort, ihre Körper zu unterjochen und ihre Seelen zu erniedrigen. Sie werden wie Ausgestoßene behandelt, deren Berührung selbst den Todten entweiht. Ein alter traditioneller Gebrauch giebt die Macht, Juden zu ergreifen und sie zu zwingen, bei den Körpern Hingerichteter Verbrecher oder offiziell gemordeter Opfer zu sitzen, während sie den Blicken des Publikums ausgesetzt sind, um ein Beispiel gehässiger Genugthuung zu geben. Falls die Körper nicht an Verwandte oder Andere zum Zwecke des Begräbnisses ausgeliefert werden, liegt den Juden die unangenehme, widerwärtige Pflicht ob, die blutenden Leichname durch die Bazare und Straßen zu zerren, nach einem Platze außerhalb der Stadt, um dort den Hunden als Aas vorgeworfen zu werden. Dies geschah zuletzt in Dezd im April 1891, bei Gelegenheit einer grausamen Niedermetzelung von Babys; aber es ist Grund zu der Annahme vorhanden, dank der raschen Aktion von Teheran, daß solche grausame Dinge nicht wieder passiren werden. All diese Ausbrüche von Wuth und Raserei sind durch die turbulenten Mullahs der niedrigen Klaffe verursacht, die sich bestreben, Pöbelführer zu sein, fähig sind, die Gutgesinnten zu terroristren und die Regierung in ihren Anstrengungen, all ihren Unterthanen parteilose Behandlung angedeihen zu lassen, zu verwirren. Glücklicherweise sind jetzt Anzeichen vorhanden, daß das Volk sich von den wirklich einflußreichen und liberal gesinnten Mullahs beeinflussen lassen will und sich von den Verfolgungspriestern abwendet. Daß noch etwas von dem alten nationalen Geiste in den Gemüthern der persischen Juden lebt, erwies sich im Jahre 1891 bei