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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-24 · Heft 25 (24.6.1898) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 25 (24.6.1898)
Date
1898-06-24
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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293 Herr Dr. Carlebach dadurch, daß er sich mit warmem Interesse des Religionsunterrichts angenommen, der Gemeinde sich als Mann gezeigt, der dort am Platze ist. In Insterburg soll die Stelle des verstorbenen Predigers Weinberg baldigst besetzt werden. Wie wir gehört, sind über 60 Meldungen für diesen Posten eingegangen. Von einigen Herren sind bereits Probevorträge gehalten worden, aber mit kaum merklichem Anklang. Wie wir heute in der „Ostdeutschen Volkszeitung" lesen, soll zum nächsten Sonnabend ein Herr aus dem Elsaß Probe .predigen. Es wird in der That der dortigen Gemeinde schwer werden, den vollkommenen Ersatz für einen Beamten zu finden, der in seiner 35jährigen Berufsthätigkeit sich immer die Werthschätzung der sehr einsichtsvollen Gemeinde zu erhalten verstanden hat. Anderthalb Meilen von Gumbinnen liegt das Dorf Malwischken, das zu seinen Bewohnern auch eine größere Anzahl Juden zählt, von denen nur wenige bemittelt genug sind, um sich ohne Unterstützung durch das Leben zu helfen. Das Dorf gehört nicht zu dem Gumbinner Kreis, sondern zu dem von Schirwindt, das dicht an der Grenze liegt. Nun erging jüngst von Seiten der königlichen Regierung an unseren Synagogenvorstand die Anfrage, ob die hiesige Gemeinde Willens wäre, die jüdischen Angehörigen genannten Dorfes in unseren Gemeindeverband aufzunehmen, ob vielleicht Umstände vorhanden seien, wodurch ihre eigenen Interessen bei einer solchen Aufnahme geschädigt werden könnten. Ein Theil der hiesigen Gemeinde war für dieselbe, ein anderer nicht. Bei der nun vorgenommenen Abstimmung erlag der letztere, und die Bejahung der Aufnahme kam dann zum Beschluß. Daß die hiesige Gemeinde irgend einen Gewinn, einen materiellen oder intellektuellen, durch diesen Zuwachs erhalte, kann eben nicht gesagt werden. Die in Malwischken wohnenden Juden, alle russischer Abstammung, befinden sich auf dem niedrigsten Standpunkt geistiger Bildung und haben sonst nichts mitzubringen als ihre wirthschaftliche Armseligkeit. Vor einigen Jahren kam einer dieser Bedürftigen zu mir und klagte thränenden Auges, daß ihm der Synagogenvorsteher in Schirwindt zur Erhebung der Steuern für die dortige Gemeinde den Exekutor aus den Hals schickte, mit der Drohung, daß er ihm das Letzte seines Besitzes nehmen würde, wenn er den pflichtmäßigen Beitrag nicht entrichte. Damals schrieben wir dem Herrn Vorsteher in Schirwindt, daß, wenn er nicht ablasse, den Mann mit seiner Forderung zu verfolgen, wir denselben mit seiner Familie nach Schirwindt schicken würden, wo er, der Vorsteher, dann das zweifelhafte Vergnügen haben werde, denselben in der Weise zu unterstützen, wie solches bis jetzt von uns hier geschehen sei. Hierauf war der Herr Vorsteher ruhig. Strenger als je wird jetzt von Seiten der russischen Grenzbehörde darüber gewacht, daß kein Unberufener die gesegneten Fluren des Zarenreichs betrete. Es ist den bewaffneten Aufsehern befohlen, nicht blos den Schmugglern mit der Schußwaffe zu Leibe zu gehen, sondern auch jeden Anderen, der die Grenze heimlich zu passiren versucht, ohne Erbarmen niederzuschießen. Es sind bereits mehrere solche Fälle von der Grenze berichtet worden. Wir glauben nichts Ueberflüssiges zu thun, wenn wir dieses zur Beachtung der zahlreich aus Amerika zurückkehrenden jüdischen Auswanderer an dieser Stelle Berichten. Das eben angegebene traurige Schicksal hat schon Mehrere getroffen, welche den „Kordon" in der ehrlichsten Absicht zu überschreiten unternommen hatten. Unter „Kordon" verstehen wir hier die russische Grenzbehörde, der es zur Pflicht gemacht ist, die Gesetze, welche bezüglich des Grenzverkehrs existiren, aufs Strengste aufrecht zu erhalten. — Harmloser, ja einer gewissen Komik nicht entbehrend, verlief folgender Fall, der uns in jüngster Zeit berichtet wurde. In Kowno sollte eine jüdische Hochzeit gefeiert werden. Die Eltern der Braut wohnen diesseits der Grenze, die des Bräutigams aber in Kowno, in Rußland. Es müssen nun wohl ganz besondere Umstände vorhanden gewesen sein, welche die Ersteren veranlaßten, die Hochzeit ihrer Tochter drüben im Zarenreiche zu feiern. Sie hatten dabei sichtlich die Eventualitäten der Kordonaufsicht nicht in Rechnung genommen, allein dieselben ließen nicht auf sich warten. Die Braut mit ihren Eltern und eine Anzahl von Verwandten diesseits der Grenze begaben sich am bestimmten Tage zur Hochzeit nach Kowno. Man hatte selbstverständlich zu diesem Zwecke manches mitzunehmen, darunter auch verschiedene Hochzeitsgeschenke, unb ahnte dabei nichts Schlimmes. Allein in die lichte Helle der Hochzeitsgedauken fiel unversehens ein starker Schatten, als man den Kordon zu passiren hatte. Der Steuerbeamte machte seine Einwürfe, er wollte unter den von den Reisenden mitgeführten Gegenständen Dinge gefunden haben, die durchaus nicht erhaben über die freie Passage der Grenze sich befanden. Das besonders Mißliche dabei bestand in dem Umstande, daß er, der Beamte, in vorliegendem Falle keine Entscheidung zu treffen wußte, sondern daß solches von dem Kordonoffizier geschehen mußte, der nicht anwesend war. Man schickte nach dessen Quartier, um ihn herbitten zu lassen. Aber neues Mißgeschick! Derselbe war ausgeritten, ohne die Zeit seiner Rückkehr angegeben zu haben. Der Hochzeitsgesellschaft blieb nichts übrig, als sich in den Räumen des Zollamts niederzulaffen und die Ankunft des Kordonoffiziers abzuwarten, wo sie Zeit und Gelegenheit hatte, über die Annehmlichkeiten des Grenzverkehrs besondere Betrachtungen anzustellen. Und dort in Kowno wartete man auf die Ankunft der Braut, da man mit dem Bräutigam allein selbstverständlich nichts anzufangen wußte. Man wartete und wartete, während der Tag allmälig verrann, ohne daß die Ersehnten ankamen. Dann erst, nach vier Stunden, kam der Kordonoffizier an und entschied glücklicherweise für einen freien Uebergang über die Grenze. Schwerlich wird wohl Israel den Zug durch das rothe Meer mit freudigeren Empfindungen unternommen haben, als unsere Hochzeitsgäste den durch den russischen Kordon unternahmen. Das war sicherlich ein Stück Romantik, welche die Vereinigungsgeschichte zweier Liebenden nur in den seltensten Fällen aufzuweisen hat. — Ganz traurig ist es um unsere kleinen Gemeinden in Ostpreußen bestellt. Der immer mehr sich verstärkende Fortzug nach den Großstädten und die hierdurch mit jedem Jahre weiter sich erschöpfende finanzielle Kraft zur Erhaltung der Beamten und religiösen Institute derselben hat einige der Kleingemeinden bereits von der Unterstützung des ostpreußischen Gemeindeverbandes abhängig gemacht. Ihnen werden in nächster Zeit wohl noch andere folgen. Nur wenige der fortziehenden, hier wohlhabend gewordenen Herren denken daran, durch Legate oder sonstige Stiftungen die Fortexistenz ihrer bisherigen Gemeinden in irgendwie sicher zu stellen. Und während die Großgemeinden schließlich nicht wissen, wo sie die ihnen zu frouimen und humanen Zwecken zufließenden Gelder untcrbringen sollen, sehen die in ihrem Niedergange begriffenen kleinen Gemeinden einer trüben Zukunft, einer Zeit entgegen, wo das Letzte nicht ausbleiben wird: ihre Gotteshäuser verkauft sehen zu müssen, weil die auf denselben lastenden Schulden nicht verzinst werden können.

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