Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 dem Revolver stellten diese Herren Möline ihre Bedingungen — und er war bereit, ihnen alles zuzugestehen. Mit Recht nannte man sein Kabinet ein Ministerium Drumont. Das ist nun anders geworden. Und wenn sonst das Sprichwort gilt: „Es kommt selten etwas Besseres nach", so kann man hier zum Tröste sagen: Etwas Schlechteres kann unmöglich Nachkommen. * Die Sache der Litteraturvereine hat einen Triumph erlebt, der an dieser Stelle umsoweniger verschwiegen werden darf, als selbst in Deutschland noch einzelne Stimmen hier und da laut werden, die sich gegen diese Bewegung erheben, obwohl der Nutzen, den die Litteraturvereine nun schon seit mehreren Jahren stiften, klar und deutlich im jüdischen Leben hervorzutreten beginnt. Diese Bedeutung der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur hat man aber auch ini Auslande richtig erkannt. In Frankreich und in England, in Amerika und selbst im fernen Indien sind in den letzten Jahren Vereine mit gleicher Tendenz gegründet worden, die dort wahrhaft gedeihlich wirken. Jetzt kommt uns aus Australien die frohe Kunde, daß die in den einzelnen jüdischen Gemeinden jenes Welttheils begründeten „Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur" sich, ebenso wie in Deutschland, zu einem Verbände konstituirt haben, um durch gemeinsames Wirken ihre großen Ziele bester fördern zu können. Die Leitung des Verbandes geht von einer Centralstelle aus, zu der jeder Verein zwei Vertreter delegirt. Weitere Nachrichten über den Stand und das Wirken der dortigen Vereine sind uns in sichere Aussicht gestellt. Wir sind der Ueberzeugung, daß diese Kunde allen Freunden unserer Sache in Deutschland aufrichtige Genugthuung gewähren wird. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. t or nicht langer Zeit durchlief eine Notiz die Tagesblätter unserer Provinz, welche die Verfügung des Landraths von Gumbinnen enthielt, die dahin lautete, daß die jüdischen Korporationen im Kreise eine Aufstellung der obwaltenden Schulverhältnisse einzureichen hätten. Auf einem zu diesem Behufe beigelegten Fragebogen waren folgende Rubriken auszufüllen: 1, Angabe der Seelenzahl in der Gemeinde, 2. Angabe der schulpflichtigen Kinder daselbst, 3. wie viele Kinder die christlichen Schulen besuchen, 4. wie viele die jüdische, 5. wer den jüdischen Kindern den Religionsunterricht ertheilt? Endlich noch eine Rubrik für „Besondere Bemerkungen". — Ein großer Theil der jüdischen Zeitungen und Zeitschriften hatte damals diese Notiz nachgedruckt und mit merkwürdiger Uebereinstimmung daran die Hoffnung geknüpft, daß nunmehr der jüdische Religionsunterricht obligatorisch in allen Schulen werden würde. Wir hier, der Verfügung am nächsten stehend, waren nicht so vertrauensselig und hatten kaum Notiz davon genommen. Warum? Nun, weil wir bereits seit zehn Jahren alljährlich solche Fragebogen auszufüllen gehabt, ohne daß sich jemals ein Zusammenhang mit dem obligatorischen Unterricht ergeben hat. Der hiesige Synagogenvorstand sandte mir gewöhnlich die landräthliche Verfügung zu, ich füllte dann die Rubriken aus, worauf das Schriftstück mit der Bescheinigung des Vorstandes an die Stadtbehörde und von dieser an das Landrathsamt zurückging. Nachdem dieses bereits, wie gesagt, in so vielen Jahren geschehen ist, begreifen wir nicht, weshalb diesmal gerade, und zwar in erster Reihe von dem hiesigem Lokalblatt, der „Preußisch-Litthauischen Zeitung", von dieser Verfügung Kenntniß genommen wurde, wodurch auf dem Wege der weiteren Veröffentlichung bei Vielen eine Hoffnung Raum gewonnen hat, deren Verwirklichung sicherlich noch lange zu den frommen Wünschen gehören wird. — Daß es hier an der russischen Grenze noch jüdische Hexen geben kann, ist eine Entdeckung der Neuzeit und hat wenigstens das Verdienst, daß sie unter die vielen und mannigfaltigen Beschuldigungen, zu welchen das jüdische Volk schon herhalten mußte, eine Abwechslung bringt, wieviel Ungereimtes und Lächerliches darin auch liegen mag. Wir können nicht umhin, folgenden Fall wiederzugeben, welcher jüngst von den Grenzblättern berichtet wurde. Zankt sich da eines Tages eine russische Bäuerin mit einer jüdischen Frau. Erstere wird bald darauf krank und verliert im Laufe ihres leidenden Zustandes die Sprache, die keine Kunst der Aerzte ihr wiederzugeben im Stande ist. Hieraus ergiebt sich für die Umgebung der Erkrankten mit absoluter Gewißheit» daß dieselbe von der Jüdin behext sei, worauf eine Art von Verfolgungssystem gegen die Arme eingeleitet wird. Auf Weg und Steg, auf Schritt und Tritt sieht sie sich auf das Gefährlichste bedroht, und als nun gar alle Abräucherungen nichts halfen, und als alle Mittel, die man sonst gegen Hexerei und Zauberei anzuwenden pflegt, fruchtlos blieben, so mußte die Frau, wollte sie ihres Lebens sicher sein, fort, weit fort von dem Orte ziehen, wo sie bisher schwer, aber redlich sich' ernährt und im besten Einvernehmen mit ihren Nachbarn und Nachbarinnen gelebt hatte. Man muß in Betracht ziehen,' daß Rußland einen ergiebigen Boden für den Aberglauben bietet, daß im Bereiche seiner Unkultur das Unmöglichste, das man der Vernunft zu glauben aufgiebt, seine Entstehung und sein Wachsthum finden kann. Außerdem haftet diesen« Falle, wie man zu sagen pflegt, noch ein ganz besonderes Pech an. Hat man schon jemals davon gehört, daß, wenn zwei Weiber mit einander gezankt, eins derselben sprachlos geworden, verstummt ist? Nein, niemals ist es geschehen, daß von zwei sich zankenden Weibern dem einen die Sprache ausgegangen, daß es seiner Gegnerin die Antwort schuldig geblieben. Aber der Jüdin mußte es passiren, daß ihrer Partnerin die Sprache abhanden kommt, um Leid und Gram über sie zu bringen. — Zu den vielen Liebenswürdigkeiten, die man bereits unserem Stamme angedeihen ließ, hat eine noch gefehlt, die Hexerei — voilä qui est fait! Von Memel wird berichtet: Der in voriger Woche in Berlin verstorbene praktische Arzt Dr. med. Alexander Fürst, der, wie bekannt, auch in unserem Orte 16 Jahre hindurch seine ärztliche Praxis ausübte, hat dem hiesigen jüdischen Krankenhause 10000 Mark testamentarisch vermacht. Die jüdische Gemeinde in Memel hat bereits in dem Herrn Rabbiner Dr. Carlebach den Nachfolger des von ihr geschiedenen Dr. Rülf erhalten. Wie uns erzählt wird, bringt man dort dem Herrn Dr. Carlebach viel Vertrauen entgegen, und der Herr findet in der That in Memel einen reichen Boden für seine amtliche Thätigkeit. Die Memeler Gemeinde birgt freilich die heterogensten Elemente auf religiösem Gebiete in sich. Man findet dort neben der strengsten Orthodoxie auch eine stark fortschrittliche Richtung im Judenthum. Darum wartet des jungen Rabbiners die sehr dankbare Aufgabe, eine möglichste Verschmelzung der diesbezüglich verschiedenen Anschauungen herbeizuführen, wiewohl nach den dort nun einmal bestehenden Verhältniffen ein Aufgehen der verschiedenen Parteien in einander kaum jemals erfolgen wird. Auch jetzt noch besitzen dort die Juden polnisch-russischer Abstammung einen eigenen Rabbiner, Herrn Feinberg, der ihren religiösen Anschauungen und Gewohnheiten aufs Beste Rechnung zu tragen weiß. Jedenfalls hat