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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-24 · Heft 25 (24.6.1898) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 25 (24.6.1898)
Date
1898-06-24
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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- :v---,-- >, - 291 an dem Religionsunterricht der katholischen Schule Theil. Plötzlich wurde nun im Frühjahr dieses Jahres jenem Kinde die Theilnahme am Religionsunterricht in der katholischen Schule untersagt. Ein Gesuch der Wittwe, dem Kinde für die nur noch kurze Zeit des Schulbesuchs den Religionsunterricht in der althergebrachten Weise ertheilen zu lassen, wurde von der Regierung durch obengenannte Verfügung zurückgewiesen. Dem katholischen Mädchen wurde anheimgestellt, an dem evangelischen Religionsunterricht theilzunehmen, falls ihm Privatunterricht in der katholischen Religion nicht ertheilt würde. Da liegen ja die Verhältnisse an den einfachen Dorfschulen noch bedeutend besser in dieser Hinsicht als in der Kreishauptstadt Wollstein. In allen Dorfschulen genießen die in der Minderzahl vorhandenen andersgläubigen Schulkinder konfessionellen Religionsunterricht durch Nachbarlehrer, ohne daß den betreffenden Eltern auch nur ein Pfennig besonderer Unkosten entsteht. Hier scheint man aber rückständige Verhältnisse wieder einführen zu wollen, die man heute schwerlich noch für möglich halten würde, wenn sie nicht doch durch amtliche Verfügungen belegt wären. # In Galizien dauern die Exzesse weiter. Der Polenklub beschließt, die jüdischen Abgeordneter! petitioniren, der Ministerpräsident beruhigt, der Statthalter verspricht Hilfe — inzwischen aber werden in 40 Dörfern und kleineren Städten die Juden geschlagen, geplündert, getödtet. O du mein Oesterreich! Wir stellen im Folgenden die wichtigsten Nachrichten zusammen. Eines Kommentars bedürfen sie wohl nicht. Krakauer Depeschen lassen keinen Zweifel darüber, daß die Situation in Galizien sehr ernst ist. Nach der ersten Depesche publizirt der Krakauer „Czas" folgende aus Zagorzany im Bezirke Gorlice datirte Meldung: Den ganzen Bezirk durchziehen Banden, welche rauben und die Mirthshäuser in Brand stecken. Trotz aller Bemühungen der Behörden und des Militärs gewinnt die Bewegung an Ausbreitung und nimmt antisozialen Charakter an. Das Militär rettete die Stadt Gorlice vor einem Ueberfall. Man kann konstatiren, daß der ganzen Bewegung eine feste Organisation zu Grunde liegt, und daß blinder Gehorsam gegen anonyme Befehlshaber herrscht. Die Bewegung ist durchaus nicht nur gegen die Juden gerichtet, es scheint vielmehr eine Generalprobe der ganzen antisozialen Organisation in Galizien zu sein. Die Zweite Depesche lautet: Im Bezirke Gorlice nehmen die Plünderungen der jüdischen Wohnungen den Charakter einer förmlichen Revolution gegen die besitzenden Klassen an. Das aus Sandec und Tarnow requirirte Militär konnte bis jetzt die Ruhe nicht wiederherstellen. Alles flüchtet aus Biecz, Zagorzany und Gorlice nach Tarnow, in der Erwartung, daß die Publizirung des Standrechtes bevorstünde. In Zator befürchtet man gleichfalls Plünderungen und Brandlegungen. Am Abend trifft in Wien die Meldung ein, daß auch der Bezirk Chrzanow von der Bewegung ergriffen wurde. In Frysztak hatten die Bauern während des Jahrmarktes Mittags die Fensterscheiben der jüdischen Häuser eingeschlagen und bereits zu plündern angefangen, als das aus Rzeszow requirirte Militär die Ruhe bald herstellte. Es wurde scharf geschossen und sieben Bauern sofort getödtet, viele verwundet,, von denen zwei schon gestorben. Nach Strzyzow ist ebenfalls Militär abgegangen. Nach Bielitzer Berichten ist das dortige Militär nach Saybusch abgegangen. Viele Gegenden verlangen Militärschutz. In Frysztak, Jaslo und den anderen Orten herrscht Ruhe. Indessen ist die Befürchtung vor Wiederholung der Gewaltthaten noch nicht ganz beseitigt. Beamte nehmen unter militärischer Bedeckung in den Dörfern Haussuchungen vor, um geplünderte Sachen aufzutreiben. An 190 Personen wurden verhaftet. Sehr viele Bauern bekunden Reue über die verübten Gewaltthaten und erklären, fle seien von Agitatoren verleitet worden, die ihnen die Ueberzeugung beizubringen gesucht hatten, Gewaltthaten gegen die Juden seien straflos. Zur Unterdrückung der Unruhen in Westgalizien wurden bisher 32 Kompagnien Infanterie entsendet, weitere Truppenabtheilungen in Krakau und Przemysl erhielten Bereitschaftsbefehl. Da die Bewegung an Ausdehnung noch immer zunimmt und neue Bezirke ergreift, ist die Verhängung von Ausnahmemaßregeln zu gewärtigen. Bermuthlich wird in den Bezirken, wo Plünderung, Brandstiftung sowie boshafte Beschädigung fremden Eigenthums sich ereignen, das Standrecht verkündet werden. Nach den letzten Lemberger Berichten wütheten antijüdische Exzesse in 32 Ortschaften. Es handelt sich um einen förmlichen Aufruhr der chasurischen Bauern, denen gesagt wurde, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, und der keineswegs todte, sondern in Amerika lebende Kronprinz Rudolf habe die Ausrottung der Juden anbefohlen. Im ganzen revoltirenden Gebiete giebt es kein jüdisches Wirthshaus mehr. Alle wurden demolirt. Das Elend der dortigen Juden ist groß. Wie jetzt festgestellt ist, wurden neun Bauern, die Exzesse begingen, von den feuernden Gendarmen erschossen. Die „Neue Freie Presse" meldet ferner aus Lemberg: Im Bezirk Gorlice finden seit mehreren Tagen Ausschreitungen statt. Die Wirthshäuser werden zerstört. Es herrscht allgemeine Panik. In der That, das sind trostlose Zustände. Dem „Kurjer Lwowski" berichtet man aus Jaslo, daß die dortigen antisemitischen Exzesse durch Umtriebe und Wühlereien des Abgeordneten Pater Stojalowski und seines Anhanges hervorgerufen wurden. Die ganze Bewegung verräth eine* geheime, planmäßige Leitung. Es sollen Zettel sich im Umlaufe befinden, in welchen angeblich im Aufträge der Behörden die Mißhandlung der Juden empfohlen wird. Sehr viele Bauern bekunden Reue über die verübten Gewaltthaten und erklären, ste seien von Agitatoren verleitet worden, welche ihnen die Ueberzeugung beizubringen gesucht hätten, Exzesse gegen die Juden seien straflos. Diesen für sich selbst sprechenden Thatsachen stehen folgende Mittheilungen wie eine bittere Ironie gegenüber: Der Polenklub des Reichsraths faßte hinsichtlich der Exzesse in seiner gestrigen Abendsitzung einhellig folgenden Beschluß: „Der Polenklub verdammt mit größter Entrüstung die umstürzlerischen Exzesse, welche für das Land sehr schädlich sind; indem der Polenklub die energische Thätigkeit des Statthalters anerkennt, wird das Präsidium des Polenklubs beauftragt, beim Ministerpräsidenten als Leiter des Ministeriums des Innern und beim Justizminister eine energischere Unterstützung der Thätigkeit des Statthalters in Galizien zu erbitten, damit derselbe mit allen Kräften gegen die umstürzlerischen Unruhen auftreten könne." Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat von allem Anfänge an die galizischen Vorgänge mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt. Am 10. d. Mts. wurde das Präsidium der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" vom Ministerpräsidenten Grafen Thun empfangen und wies auf die bedrohte Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens und auf die in jüngster Zeit sich auffällig mehrenden Gewalttätigkeiten gegen-dieselbe hin. Der Ministerpräsident nahm die Ausführungen der Herren mit großer Aufmerksamkeit entgegen und gab die Versicherung, daß die Regierung es als ihre Pflicht betrachte, die Rechte der Juden mit derselben Energie zu schützen wie jene aller übrigen Staatsbürger. Thatsächlich hat bereits Statthalter Graf Pin ins ki die strengste Weisung erlassen, daß die Gendarmerie allen Ausschreitungen gegen die Juden mit größter Energie eutgegentrete, daß an gefährlichen Punkten die Gendarmerie verstärkt werde, und daß von dem drohenden Ausbruch von Judenexzessen sofort die Statthalterei und das Landes- Gendarmerie-Kommando in Lemberg verständigt werde. Trotz.dieser dankenswerthen Maßregel ist es in den letzten Tagen an den verschiedensten Punkten zu wilden, teilweise blutigen Judenexzeffen gekommen, und trotzdem lautet die letzte Nachricht aus Wien: „Ein Ministerrath befaßte stch mit den Vorgängen in Galizien. Es verlautet, daß von der Verhängung des Ausnahmezustandes über die von der Antisemitenhetze ergriffenen Bezirke Abstand genommen werden soll. Man erachtet die in diesen Bezirken befindlichen militärischen Kräfte als hinreichend, um die Bewegung einzudämmen." $ Das Ministerium Meli ne hat in Frankreich ausgerungen, und außer den Antisemiten weint ihm Niemand eine Thräne nach. Mit

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