Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 beantragt worden sei, das Sächsische Gebetbuch einzuführen. Gegend über solchen Anträgen sei der Vorstand im Recht, der Einsetzung einer gemischten Kommisfion nicht zuzustimmen. Justizrath Apolant er-* wiedert darauf, daß es stch auch hier nur um eine provisorische Einführung des Sachs'schen Machsors handeln sollte, bis das revidirte Gebetbuch festgestellt worden sei. Auf seine (Apolants) Vorstellungen hin habe der Antragsteller damals sofort seinen Antrag zurückgezogen. Damit ist die Diskussion beendet. Bei der Abstimmung wird der Kommisstonsantrag in beiden Theilen, somit auch die Einsetzung einer gemischten Kommission zur Revision des Gebetbuches behufs Herstellung ' eines einheitlichen Gebetbuches für alle Orgelsynagogen, mit großer Majorität angenommen. — Als dritter Punkt gelangten die Satzungen der Armenkommission, die schon so häufig der Vertagung anheimgefallen waren, endlich zur Berathung, obwohl auch heute eine Vertagung beantragt wurde, bis der endgiltige Text vorläge. Der Referent, Justizrath Apolant, führte aus, daß nur in drei Punkten Veränderungen resp. Neueinführungen getroffen seien, und zwar in der Frage der Geheimhaltung des Fonds für verschämte Arme, in der Frage der Zulassung von Ehrendamen und bezüglich der Abtrennung des Ausschusses für Unterstützung von Durchreisenden von dem Bereich der Armenkommission. Gegen die Zulassung von Ehrendamen sind vom Ausschuß Bedenken erhoben worden, weil die Damen bei den Recherchen bisweilen in recht unerquickliche Verhältnisse hineinkämen. Für die Zulassung treten vom Vorstand Herr Martin Simon und Rechtsanwalt- Lilienthal, von den Repräsentanten die Herren Louis Sachs, Bodenstein, Professor Lewin und Justizrath Tiktin ein. Letzterer beantragt, daß die Wahl der Damen auch durch die Repräsentanten be-, stätigt würde, während Herr Louis Sachs die Bestätigung durch den Gemeindevorstand für überflüssig hält, da nur die. Mitglieder der Armenkommisston die Prüfung vorzunehmen geeignet seien. Bei der! Abstimmung wird die Zulassung von Ehrendamen mit großer Majorität genehmigt und die Bestätigung derselben durch den Gemeindevorstand mit 8 gegen 7 Stimmen angenommen. Wegen der vorgerückten Zeit wurde hiermit der Gegenstand verlassen und als dringliche Angelegenheit noch die Subvention für den Religionsverein Westen zur Berathung gestellt. Der Religionsverein hatte um eine Subvention von 7000 Mark gebeten, der Vorstand ist stch schlüssig geworden, 4500 Mark zu bewilligen und 500 Mark extra unter der Bedingung, daß der Verein die Religionsschule in eigene Verwaltung nehme. Der Ausschuß hat sich ebenfalls mit der Bewilligung von 5000 Mark einverstanden erklärt, wünscht aber eine nochmalige eingehende Prüfung der finanziellen Verhältnisse durch die Kommisfion. Die Bewilligung von 6000 Mark wird einstimmig angenommen; gegen die nochmalige Prüfung der Finanzverhältnisse spricht stch vom Vorstand Herr Rechtsanwalt Lilienthal aus, da bereits vollständige Klarheit geschaffen sei. Letzteres wird von Herrn Leonhard Sachs auf Grund eines sehr eingehenden Berichtes eines angesehenen Gemeindemitgliedes bestritten. Die Versammlung ist inzwischen, wie Herr Bodenstein seststellt, beschlußunfähig geworden, so daß Schluß der Sitzung erfolgen muß. L2 Berlin, 13. Juni. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat in seiner Sitzung vom 31. Mai beschlossen, zwei staatlich geprüften jüdischen Lehrern zur Theilnahme an dem von Herrn Oberkantor Birnbaum in Königsberg i. Pr. eingerichteten Kursus zur Weiterbildung im Kantorenfache einen Zuschuß von je 120 Mark zu gewähren. Geeignete Bewerber wollen stch mit Beifügung authentischer Abschriften ihrer Zeugnisse an den Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W., Sigismundstr. 5, wenden. — Im Anschlüsse hieran bringen wir die Mittheilung, daß der nächste Gemeindetag am 16. Oktober d. I. hier stattfinden wird, und daß diesem am 17. Oktober ein Verbandstag sämmtlicher Provinzialverbände des D.-J. G.-B. folgen wird. 6. Berlin, 15. Juni. Am 11. d. M. verschied Frau Auguste Steinschneider, die Frau des Herrn Professors Moritz Steinschneider, im 74. Lebensjahre, nach beinahe 60jähriger Ehe, tief betrauert von den Ihrigen und einem großen Freundeskreise. Nach langen, qualvollen Leiden ist hier ein arbeitsvolles Leben zur ewigen Ruhe eingegangen. Sie war eine sehr thätige, mit reichen Geistesgaben ausgestattete Fraudie neben den Mühen und Sorgen für eine große Familie ein offenes Herz und eine offene Hand für Andere besaß. Sie hatte sich bis an ihr Endd für alle Fragen des Lebens ein lebhaftes Interesse bewahrt, das sie früher auch öffentlich bethätigte^ Sie gehörte z. B. zu Denen, die vor 50 Jahren die Gründung des ersten Kindergartens veranlaßten. Ihre warme Theilnahme an dem Geschicke Anderer, ihre stete Hilfsbereitschaft zu Rath und That haben ihr in weiten Kreisen Liebe und Verehrung erworben. Ihr Name wird bei Allen, die sie kannten, in dauernder Erinnerung bleiben; ihr Gatte hat ihr einen Ehrenplatz in seinem Lebenswerke gegeben. Eine zahlreiche Trauerversammlung hatte sich den nächsten Leidtragenden angeschlossen, als sie heute Vormittag auf dem Friedhofe zu Weißensee zu Grabe getragen wurde. Mit Rücksicht auf den schonungsbedürftigen greisen Gatten war von jeder größeren Feierlichkeit Abstand genommen. Ehre dem Andenken der edlen Frau! F. Berlin, 14. Juni. In ihrer Sitzung vom 4. d. Mts. erledigte die „Wissenschaftliche Bereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" zunächst einige geschäftliche Angelegenheiten. Auf Vorschlag des Kollegen Pinkuß wurde als Treffpunkt für den am 12. d. Mts. stattfindenden Ausflug der Vereinigung die Station Grunewald gewählt, von der aus eine Wanderung angetreten werden soll. Für den 2. Juli wurde ein gemüthliches Zusammensein mit Damen in einem Gartenlokal in Aussicht genommen. Darauf ertheilte der Vorsitzende das Wort dem Kollegen Dr. Kellermann zu seinem Referat über „die Geschichte der Barmizwah-Jnstitution". Referent legte seinen Ausführungen Löws Abhandlung über „das Lebensalter in der jüdischen Litteratur" zu Grunde, ohne mit ihr in allen Punkten übereinzustimmen. Die Quellenbelege Löws bedürften noch einer gründlichen Nachprüfung. Referent wollte deshalb Löws Resultate mit Vorsicht ausgenommen wissen und behielt sich vor, das ganze Problem einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen, deren Ergebnisse er durch Veröffentlichung weiteren Kreisen erschließen wollte. Die dem Bortrage sich anschließende Debatte brachte nennenswerthe Anregungen zu Tage. Von einer Resolution mußte jedoch bei der noch zu wenig geklärten Frage vorerst abgesehen werden. ----- Danzig, 10. Juni. Am 19. v. Mts. fand hier unter Theilnahme von Vertretern der Gemeinden Berent, Carthaus, Christburg, Culmsee, Danzig, Dirschau, Elbing, Graudenz, Könitz, Marienburg, Marienwerder, Mewe, Neumark, Riesenburg, Pr. Stärgard, Thorn und Zempelburg der erste Gemeindetag des Verbandes der westpreußischen Synagogen-Gemeinden statt. Der Berbandsvorsteher, Herr Gustav Davidsohn, eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung der erschienenen Gemeindevertreter und erstattete den Bericht über die Thätigkeit des Ausschusses im ersten Berbandsjahre, aus dem besonders hervorgehoben werden darf, daß bisher 39 Gemeinden und 148 persönliche Mitglieder dem Verbände beigetreten sind, daß der Verband unter Mitwirkung der westpreußischen Rabbiner eine regelmäßige Jnspizirung des Religionsunterrichts ins Leben gerufen und die Umwandlung der Lachmann'schen Stiftung zu Graudenz in ein jüdisches Provinzialwaisenhaus, dank dem Entgegenkommen der Herren Nachlaßkuratoren, in die Wege geleitet hat. Es wurde beschlossen, diesen Bericht drucken zu lassen. Der alsdann von Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal erstattete Kassenbericht ergab einen Vermögensb^tand von 1809,70 Mark und wurde nach Prüfung durch die von der Versammlung gewählten Revisoren genehmigt. Den wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung bildete der von demselben erstattete Bericht über die im Schuljahr 1897/98 abgehaltenen Schulinfpektionen, welcher auf Grund der eingegangenen Jnspektionsberichte den gegenwärtigen Zustand des Religionsunterrichts in den westpreußischen Gemeinden darlegte und die Anträge des Ausschusses auf Bewilligung von Subventionen an weniger leistungsfähige Gemeinden behufs Ertheilung des Religionsunterrichts durch nahewohnende seminaristisch geprüfte Lehrer begründeten. Der Gemeindetag beschloß, acht Gemeinden, welche sich zum Theil verpflichtet hatten, einen besonderen Beittag zu den Kosten dieses Unterrichts zu leisten, Beihilfen im Betrage von je 120—200 Mark zur Verbesserung des Religionsunterrichts zu gewähren. In der Waisenhausangelegenheit wurde der Ausschuß ermächtigt, mit den Kuratoren des C. Lachmann'schen Nachlasses weiter zu verhandeln, und nach Genehmigung des Etats für das Berbandsjahr 1898/99 noch verschiedene Anträge erledigt. Andie Verhandlungen, deren Verlauf für die gedeihliche Fortentwickelung des noch jungen Verbandes das Beste erhoffen läßt, schloß stch ein gemeinsames Mittagsmahl, zu welchem der Vorstand der