Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 titel eines Chacham (Weisen). In seinem 24. Jahre erklärte er öffentlich, daß er der Messias, ein Sohn Davids und daher der wahre Erlöser Israels sei, und erlaubte sich, den Namen Gottes in seiner nur den Eingeweihten bekannten Weise, wie ihn der hohe Priester nur am Versöhnungstage vor dem Allerheiligsten zu nennen wagte, vor seinen Schülern auszusprechen. Die Rabbinen seiner Zeit legten ihn deshalb in Bann und erklärten ihn nicht blos für vogelfrei, sondern priesen seine Tödtung als ein gottgefälliges Werk. Sabbathai entfloh nach Thessalonich, allein, da er auch dort sich öffentlich den Messias nannte, so wurde er nicht minder auch da mit dem Tode bedroht, und als er in der ganzen Provinz Morea keinen Zufluchtsort mehr fand, so wandte er sich nach Aegypten und später nach Jerusalem, wo er gleichfalls wieder als Messias auftrat und konsequenterweise erklärte, daß man nunmehr die Fasttage wegen Zerstörung Jerusalems (den 12. Tamuz und 9. Ab) nicht mehr zu halten brauche. Die Rabbinen verfolgten und bedrohten ihn wohl auch hier, allein sein Einfluß war schon derart gewachsen, daß er es sogar wagen konnte, wieder nach seiner Vaterstadt Smyrna zurückzukehren, wo er, durch sein Ansehen seine Feinde einschüchternd, öffentlich nicht blos als Messias auftrat, sondern auch seine beiden. Brüder als Könige über Israel und Inda erklärte, für sich selbst aber, als König aller Könige, die Leitung über alle Reiche der Welt in Anspruch nahm. — Sabbathai lebte nunmehr in Smyrna mit königlicher Pracht, er ließ sich eine Fahne Vorträgen mit der hebräischen Inschrift: „Die Rechte Jehovahs ist erhaben!" Aus allen Ländern Europas, wohin sich sein Ruf bald verbreitete, kamen Deputationen ber Judengemeinden an ihn, welche ihm kostbare Geschenke überbrachten, und so groß war ihre Anzahl, daß, trotzdem er täglich Audienzen ertheilte, dieselben oft 3—4 Wochen in Smyrna sich gedulden mußten, ehe sie Vorgelaffen werden konnten. Am Sabbath wurden in den Synagogen öffentliche Gebete für ihn gehalten, worin es hieß: „Ewiger! erhalte unseren Herrn und König, den heiligen Rabbi, den siegreichen Fürsten Sabbathai Zewy, den Gesalbten Gottes!" rc. rc. So fest war der Glaube an ihn und die bevorstehende Erlösung, namentlich im Orient, verbreitet, daß, nach dem Zeugniß de La Croix, die Juden in ganz Persien ihre Gewerbe verließen und der Buße lebten. „Que faites vous“, erzählt La Croix, sprach der Gouverneur sie wohlmeinend an, „que faites vous pauvres gens d’abandonner aiusi le travail, au lieu de songer ä payer vötre tribut? — Le tribut, Seigneur?“ antworteten sie, „nous n’en payerons plus, notre liberateur est venu!“ und um nur in ihrer Andacht nicht gestört zu werden, machten sie sich verbindlich, wenn der Messias binnen drei Monaten sie nicht erlösen sollte, eine Geldstrafe von zweihundert Tomün (ungefähr 620 Thaler) zu erlegen. Der damalige Großsultan Muhammed VI. konnte diesem Treiben nicht länger gleichgiltig zusehen und erließ einen Verhaftsbefehl gegen den Propheteir, welcher jedoch, der Gefahr die Stirn bietend, selbst nach Konstantinopel ging, um sich dem Sultan vorzustellen. — Am 20. des Monats Teweth im Jahre 1666 kam er daselbst an. Muhammed war eben in Adriauopel, doch ertheilte er dem Großvezier den Befehl, Sabbathai gefangen zu nehmen, der sich freiwillig stellte und auf das Dardanellen-Schloß Cesto gebracht wurde, wo er jedoch weniger als Gefangener, sondern vielmehr mit fürstlicher Pracht wohnte und sortfuhr, Deputationen aus allen Ländern zu empfangen. Dahin wurde auch bald darauf der gelehrte Rabbi Nehemia aus Polen von seinen Landsleuten gesendet, um durch eigene Anschauung sich von der Wahrheit der Aussagen des Sabbathai Zewy zu Überzeugen; doch wollte es diesem nicht gelingen, den gelehrten Polen von der Wahrheit seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, im Gegentheil .wurde er von diesem nicht blos öffentlich ein Betrüger genannt, sondern auch als solcher von ihm beim Sultan in Adrianopel angeklagt, nachdem er mit genauer Roth den Anschlägen Sabbathais und seines Anhanges gegen sein Leben in Konstantinopel entronnen. Der Sultan ließ Sabbathai sogleich ergreifen und vor sich nach Adrianopel bringen; er verlangte Beweise für deffen göttliche Sendung, und da dieser genügende zu geben nicht im Stande war, so verordnete er, daß die Probe darin bestehen sollte, daß mit drei vergifteten Pfeilen nach ihm geschossen werden würde, und wenn er unbeschädigt aus dieser Probe hervorginge, so wolle er selbst — der Sultan — ihn als Messias anerkennen; wolle er sich jedoch dieser Probe nicht allsogleich unterziehen, so habe er nur die Wahl zwischen dem Gespießtwerden oder der unverzüglichen Annahme des Turbans. Sabbathai entschloß sich ohne Schwanken zum letzteren, nahm den Koran an und wurde vom Sultan zum Range eines Kapudschi- Baschi erhoben. Er machte sogleich in einem Sendschreiben seinem Anhang es bekannt, daß „Gott ihn von eincm Israeliten in einen Jsmaeliten verwandelt habe", und forderte seine Anhänger auf, seinem Beispiele zu folgen, was 300 derselben auch allsogleich thaten. Michael Cordoso, ein berühmter Arzt in Tripolis, der gleichfalls zu dieser Sekte sich bekannte, trat damals in seinen Schriften für Sabbathai öffentlich in die Schranken und rechtfertigte nicht blos deffen Uebertritt zum Koran, sondern forderte seine Glaubensgenossen auch auf, seinem Beispiele zu folgen, auf daß vollsührt werde, was Moses sagt: „Ihr werdet dort (in der Gefangenschaft) fremden Göttern dienen" (5. B. M 28, 36); auch auf den Talmud bezog er sich, der sagt, der Messias könne nicht früher kommen, als bis die ganze Welt (alle Juden) entweder ganz tugendhaft oder ganz lasterhaft geworden (Tractat Sanhedrin). Da es nun eine zu lange Zeit erfordern würde, deduzirte er weiter, um alle Juden tugendhaft zu machen, so sei dieses Ziel schneller zu erreichen, wenn sie alle lasterhaft würden — da nun aber der Abfall von der Religion das größte Laster sei, so könne der Abfall vom Judenthum im Großen und Allgemeinen die Ankunft des Messias nur beschleunigen. Sabbathai kehrte wieder nach Konstantinopel zurück, wo er öffentlich zu Gunsten der muhammedanischen Religion predigte, und zwar, wie La Croix als Augen- und Ohrenzeuge erzählt, mit solchem Erfolge, daß jedesmal, so oft er die Synagoge verließ, einige Juden ihre Kappen wegwarfen und dafür Turbane erhielten, die er zu diesem Zwecke immer auf der Kanzel in Bereitschaft hatte. Von der Regierung Muhammed VI. nicht mehr blos geduldet, sondern förmlich unterstützt, lebte Sabbathai nunmehr auch in Konstantinopel mit königlicher Pracht, heirathete hier nach dem Tode seiner dritten Frau, welche eine Polin war, die Tochter eines jüdischen Gelehrten, des Rabbi Joseph Philosophus daselbst, der später gleichfalls zum Koran überging. Doch hatte Sabbathai und sein Anhang an den Rabbinen wachsame Feinde, welche endlich entdeckten und durch unumstößliche Beweise es festzustellen im Stande waren, daß die Sabbathianer heimlich noch am Judenthum hingen uird die religiösen Gebräuche desselben im Verborgenen übten. Es erfolgte die Anzeige bei der Regierung, und Sabbathai wurde mit sämmtlichen Verwandten in eine kleine Festung in Bosnien, rrnweit Belgrad, als Gefangener gebracht, wo er jedoch bald darauf, am Versöhnungstage, das ist dem 10. September 1676, in einem Alter von 51 Jahren als Moslem starb und am Ufer der Donau, an einem jetzt nur sehr wenig bekannten Ort, im Stillen begraben wurde. (Schluß folgt.)