Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 rühmte Gräber hier gebe, so wird er Euch zur Antwort geben, daß dies allerdings der Fall sei, daß diese jedoch einer früheren Zeit angehören, wo er selbst noch nicht gelebt, und daß er darüber, zumal da ein dichter, geheimnißvaller Schleier über jenen Vorgängen liege, Euch nichts Gewisses mitzutheilen wisse. „Dort, in der Gegend der Ecke," wird er sagen, „soll das Grab des polnischen Fürsten" sein, denn oft um Mitternacht kommen die alten Polen, die hier noch leben, und die sich Schlüssel zu diesem Friedhofe eigens machen ließen, und messen und zählkn mit Schritten den Platz von der Maller ab, wo sie entblößten Hauptes knieen und beten und stundenlang trotz Sturm und Frost und Schnee und Wetter an seinem Grabe verweilen." Fragt Ihr, wer jener „polnische Fürst" gewesen, so scheint er verwundert, daß Ihr von ihm nicht früher schon gehört habell solltet, da er zu Ende des vorigeil Jahrhunderts das Palais des Fürsten Isenburg in Offenbach gekauft und mit königlichem Glanze viele Jahre daselbst gewohnt. So weit der Führer — mehr werdet Ihr von ihm, mehr werdet Ihr überhaupt in Offenbach, selbst von den ältesten Leuten, nicht erfahren, doch werdet Ihr sie häufig vom „Polen" oder auch vom „Polackenfürsten" erzählen hören, dessen Geschichte in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt sei; ich aber bin glücklicherweise in der Lage, ein besserer Cicerone dieses interessanten Ortes zu sein. An der westlichen Umgrenzungsmauer, gegen das südliche Ende zu, könnt Ihr einen Querstrich von grüner Farbe bemerken; von diesem etwa 10 Schritte, gegen Osten zu, bemerkt Ihr am grasbewachsenen Boden 4 flache, rechiwiickelige Erhöhungen, wie 4 abgeflachte Gartenbeete, deren wechselseitige Begrenzung ein im Boden vertieftes Kreuz bildet; unter dein südöstlichen Grabhügel ruhet Jacob Franke, in den Sterbelisten des Ortes als Baroir Jakob Frank eingetragen, der sogenannte Polackenfürst, unter dem nordöstlichen Hügel ruht Eva Frank, seine Tochter, unter dem südwestlichen Joseph Frank, sein Sohn, und unter dem nordwestlichen Joseph Pawlofsky, ein bewährter Freund und Anhänger dieser Familie. Der jüngere Sohn des Jakob Frank, Rochus, ruht an der östlichen Begrenzungsmauer desselben Kirchhofes in derselben Linie, etwa 10 Schritte von der Mauer entfern», welche gleichfalls als Merkzeichen deil grünen Streif trägt. Auf sämmtlichen Grabhügeln sind junge Bäumchen gepflanzt, die von sorgfältiger Pflege zeugen. Ehe wenige Jahre vergehen, werden die wenigen noch lebenden Zeitgenossen jener Periode gleichfalls dahin gegangen sein, und da kein Merkzeichen diese Gräber dem Uneingeweihten kenntlich macht, so wird nach und nach selbst die letzte Spur davon verschwinden, und dennoch haben die unter diesem Rasen Liegenden einst nicht blos ein sehr bewegtes Leben geführt, sondern auch eine bedeutende, selbst historische Rolle, namentlich in der Religionsgeschichte und insbesondere in der Geschichte der Sekten des Judenthums, gespielt. Jakob Frank war nämlich das Haupt der Sabbathianer oder Sohariten, einer Sekte, welche zu Ende des vorigen Jahrhunderts in, Polen, Mähren und später auch in Böhmen stark verbreitet war, einer Sekte, welche zwar öffentlich und ohne Hehl zu ihrem Glauben sich bekannte, aber uni so sorgfältiger den Kern und das Wesen ihres religiösen Bekenntnisses vor der Mitwelt verbarg. Der Schreiber dieses ist so glücklich, durch persönliche Befreundung mit einigen noch lebenden greisen und gelehrten Koryphäen jener^Zeit in seinen wissenschaftlichen Studien über die religiösen Prinzipien und Ansichten dieser im Berlöschen begriffenen Sekte auf zuvorkommende Weise unterstützt worden zu sein — allein noch hindern ihn leicht zu errathende Gründe an der Veröffentlichung der Resultate seiner Studien, für welche ohnehin der beschränkte Raum n diesen Blättern nicht das geeignete Feld wäre, und er begnügt sich daher, an die Beschreibung des Grabes des letzten Propheten dieser Sekte, Jakob Frank, eine authentische, wenn auch nur skizzirte Lebensbeschreibung dieser historischen Persönlichkeit und seiner Tochter und Nachfolgerin, der sogenannten „heiligen Mutter" Eva Frank, zu knüpfen und zum richtigeren Verständniß derselben die im Allgemeinen weniger gekannten historischen Umrisse des Entstehens und der Fortbildung dieser Sekte in möglichster Kürze voranzuschicken. Das punctum saliens dieser aus dem Judenthum entsprungenen Sekte liegt in dem bekannten Messiasglauben der Juden, des Glaubens an einen von Gott gesandten menschlichen Erlöser, auf welchen viele Stellen der heiligen Schrift und der Propheten Hinweise», und über dessen Eigenschaften und Vorboten die mystischphantastischen Bücher der Kabbala eines Weitläufigen sich ergehen und in -Berechnungen über die Zeit seiner Ankunft sich vertiefen. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem lebte dieser Glaube und diese Hoffnung mit solcher Macht unter den zerstreuten Stämmen der Israeliten fort, daß es einzelnen kühnen Abenteurern nicht schwer wurde, sich als den verheißenen Messias zu verkünden und sich einen mitunter sehr bedeutenden, nicht blos religiösen, sondern auch politischen Anhang zu verschaffen. So gab sich schon 50 Jahre nach Ch. G. ein gewisser Ben Kocheba, der Sternensohn, wie er sich nannte, für den Messias ans und wurde nicht blos vom Volke, sondern auch von dem gelehrtesten und berühmtesten Rabbi seiner Zeit, dem bekannten Rabbi Akiba, als solcher anerkannt Sein Anhang wuchs bald in die Tausende, so daß er sich zu Betar zum König salbe» ließ und bald darauf das Joch der Römer abwarf. Diese schickten ihre Heere gegen ihn ins Feld, welche jedoch von seinem tapferen Anhänge gänzlich geschlagen wurden, bis endlich Kaiser Trojan durch seinen Neffen Hadrian ihn besiegte und in einem furchtbaren Blutbade ihn, den man nunmehr Ben Kusiba (den Lügensohn) nannte, und seinen Anhang vernichtete. Im Jahre 1138 machte, wie Salomo Verga erzählt, ein Jllde in Persien, der sich für den Messias ausgab, ein bedeutendes Aufsehen, indem er mit seinem Anhänge selbst die Residenz des Königs bedrohte. Im Jahre 1157 kündigte sich, nach dem Zeugniß des Maimonides, ein Jude zu Cordova in Spanien zwar nicht als Messias selbst, aber doch als seinen Vorläufer an und war von der Wahrheit seiner Sendung derart durchdrungen, daß er, vor den König gebracht, den Beweis seiner göttlichen Sendung dadurch abzulegen sich erbot, daß er, wenn er geköpft würde, dennoch unbeschadet fortzuleben im Stande sei. Der König ging auf die eben so kühne als wunderbare Probe ein, und der gottgesandte Verkünder des Messias ward und blieb eine Leiche. Im Jahre 1167 stand in Fez, im Jahre 1264 in Persien ein angeblicher Messias auf, Letzterer ein junger Mann Namens David Almuffar, der es sogar zu einer Revolution in diesem Reiche brachte und endlich grausam hingerichtet wurde. Im Jahre 1500 gab sich, nach dem Zeugniß Rabbi Gedaliahs, ein gewisser Rabbi Lämlein aus Oesterreich für einen Propheten und Vorläufer des Messias aus. Alle diese Messiaffe stützten den Glauben an ihre göttliche Sendung auf Berechnungen aus den kabbalistischen Büchern, welche jedesmal auf ihre eigene Epoche hinzuweisen schienen, bis endlich aufgeklärtere Rabbinen bewiesen, daß die Ankunft des Messias nicht berechnet werden kann, und keinerlei Voranstalten für dieselbe getroffen werden dürfen, sondern die Erfüllung dieser Hoffnung nur Gott allein anheim gestellt werden müsse. Der Gründer der Sekte, von welcher wir sprechen, Sabbathai Zewy, wurde zu Smyrna im Jahre 1625 als Sohn armer jüdischer Eltern geboren. Er widmete sich mit allem Fleiße den rabbinistischen Studien und brachte es schon in seinem 18. Jahre zu dem Ehren-