Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Jubiläum der israelitischen Taubstuwmen- Anstalt in Neu-Meißensee. m Herbst dieses Jahres begeht die einzige jüdische Taubstummen- Anstalt in Deutschland das Fest ihres 25 jährigen Bestehens. Da dürfte es wohl angebracht sein, einiges von dieser Anstalt, von ihrem Werden und ihrem Sein, zu erfahren. Denn leider giebt es noch gar viele Glaubensgenoffen, welche von der Existenz dieses Instituts nichts wissen; ja, mir sind sogar gebildete jüdische Eltern bekannt, die selbst taubstumme Kinder haben, aber diese Anstalt nicht einmal dem Namen nach kannten. Mögen die folgenden Zeilen dazu beitragen, diesem Mangel abzuhelfen und immer regeres Interesse an diesem Werk der Menschenliebe wachzurufen. Mit nur wenigen Kindern begründete vor nunmehr 25 Jahren der jetzige Leiter der Anstalt, Herr Direktor M. Reich, in Fürstenwalde a. d. Spree eine kleine Privatanstalt für taubstumme Kinder jüdischen Glaubens. Seine hingebende Liebe zu den Zöglingen, seine gründliche Kenntniß der einschlägigen Unterrichtsweise zeitigten bald schöne Erfolge. Es meldeten sich immer mehr Kinder zur Aufnahme. Aber nicht alle konnten berücksichtigt werden. Um nun auch möglichst vielen unbemittelten Kindern den Segen des Unterrichts zutheil werden zu laffen, setzte sich Herr Direktor Reich mit edeldenkenden Menschen in Verbindung und interessirte sie für die Sache der Taubstummen. Mit ihrer Hilfe gründete er im Jahre 1885 den über ganz Deutschland verbreiteten Verein „Freunde der Taubstummen, Jedide IImim". Seit einigen Jahren besitzt dieser Verein die Rechte einer juristischen Person. Die Anstalt selbst wurde dem Verein unterstellt und fortan von ihm unterhalten, auch der Direktor und die Erzieherin wurden von ihm angestellt und besoldet. Im Herbst 1890 siedelte die Anstalt nach ihrem neuen großen Heim in Neu-Weißensee bei Berlin, Parkstrabe 18, über. Hier empfangen jüdische taubstumme Kinder, Knaben und Mädchen aus allen Theilen Deutschlands, vom 6. bis zum 15. Jahr Unterricht und Erziehung. In Hellen luftigen Schulräumen wird hier von den Kindern geübt, das gesprochene Wort, das sie leider nicht hören können, von dem Munde des Sprechenden abzusehen, um so den mangelnden Gehörssinn wenigstens einigermaßen durch den Gesichtssinn zu ersetzen. Hier wird den bis dahin stummen Kindern ein Laut nach dem anderen mühsam entlockt, bis sie schließlich im Stande sind, alles hörbar zu sprechen. Auch in allen Volksschulfächern, selbst in der Religion und sogar im Hebräischen, erhalten sie hier Unterricht. An Sabbathen und Festtagen vereinigen sich die Kinder in der Synagoge des Hauses zu kurzem, aber andächtigem Gebet. Es wird ihnen u. a. auch aus dem laufenden Wochenabschnitt etwas vorgelesen und im Anschluß daran eine kleine biblische Geschichte erzählt und erläutert. So ist neben dem Religionsunterricht auch in dieser Weise für die religiöse Erbauung der Kinder gesorgt. Dem alten Grundsatz getreu „Nen8 sana in corpore sano“, ist man in der Anstalt auch eifrig auf die leibliche Pflege der Kinder bedacht. Die streng rituell hergestellten Speisen sind reichlich und kräftig, alle Räume luftig und peinlich sauber. Der zur Anstalt gehörige Park bietet den Kindern einen gesunden Aufenthalt. Wenn nur irgend das Wetter günstig ist, tummeln sie sich da herum, laufen, graben, spielen Ball oder betheiligen sich an Turn- und Gesellschaftsspielen. Hin und wieder unternehmen sie auch Spaziergänge in Begleitung eines Lehrers. In der schulfreien Zeit machen die Zöglinge Handarbeiten, die Knaben Schnitzarbeiten in Holz und dergleichen oder einfache Papparbeiten, die Mädchen praktische Handarbeiten fürs HauS. Die größeren helfen wohl auch im Hause oder verrichten leichte Gartenarbeiten. Allen diesen Einrichtungen in Verbindung mit regelmäßigem Baden und häufigem Turnen ist es auch zu danken, daß die Kinder recht wohl aussehen, und Krankheitsfälle glücklicherweise nur selten Vorkommen. Zur Zeit sind 4V Kinder, 23 Knaben und 17 Mädchen, in der Anstalt, von denen nur ein Theil ganze oder theilweise Pension bezahlt. während die anderen gänzlich von dem Verein unterhalten werden und sogar auch Kleidung u. dgl. empfangen. Den Unterricht ertheilen außer dem Direktor drei Lehrer und eine Erzieherin, denen auch die Aussicht über die Kinder während der schulfreien Zeit übertragen ist. An alledem ist zu erkennen, daß die Wirksamkeit des Vereins „Freunde der Taubstummen, Jedide Ilmim" Dank der umsichtigen Arbeit seines Vorstandes und aller Betheiligten bisher recht segensreich gewesen ist. Ganz besonders wird man sich dessen bewußt, wenn man an Ort und Stelle selbst seine Beobachtungen anstellt. Wer je der Anstalt einen Besuch abgestattet und dabei gesehen hat, wie wohl sich die armen Kinder dort fühlen, wie wenig sie daselbst ihr Unglück verspüren, wie sie, die sonst für bösartig, rachsüchtig u. s. w. gehalten werden, ruhig, bescheiden und sittsam mit einander und mit Anderen verkehren, der wird gewiß die göttliche Vorsehung gepriesen haben, daß sie solch ein Institut entstehen und von edlen Menschen erhalten ließ. Aber noch ist das Werk nicht vollendet. Noch muß rüstig weitergearbeitet werden! Müssen doch alljährlich viele unbemittelte Kinder abgewiesen werden, da die Vereinsmittel nicht ausreichen, einer größeren Zahl armer Kinder Aufnahme zu gewähren. Platz ist noch für viele da. Aber Geld mangelt! Ein eiserner Fonds existirt nicht. Das Vereinsvermögen setzt sich zum größten Theil aus einmaligen und dauernden Jahresbeiträgen zusammen. So dankenswerth auch diese Gaben sind, so reichen sie doch bei Weitem noch nicht hin. Soll die Anstalt in vollem Umfange ihrer Aufgabe gerecht werden, so müssen die Gelder viel reichlicher fließen, so muß vor allem ein genügender unantastbarer Fonds aufgebracht werden. Hier ist also unseren Glaubensgenossen, besonders den begüterten. Gelegenheit geboten, sich an einem gottgefälligen Werk zu betheiligen. Berührte es mich doch eigenartig, als ich vor einigen Wochen in dieser Zeitung las, daß ein reicher und wohlthätiger Israelit aus Oberschlesien einer christlichen Taubstummen-Anstalt ein Vermögen von cirka 160 000 Mark hinterließ, während die jüdische Taubstummen-Anstalt in Neu-Weißensee auch nicht mit einem Pfennig von ihm bedacht wurde! Der jüdischen Wohlthätigkeit steht also hier noch ein weites Gebiet offen. Wünschen wir, daß unsere Anstalt recht bald so gestellt wird, wie sie es verdient, damit sie auch künftighin ungehemmt dem Ziel nachstrebe, das sie sich gesteckt, die unglücklichen Taubstummen in unserer Glaubensgemeinschaft zu brauchbaren Menschen heranzubilden. Leone Le Kommt Portaleone der Dramatiker und Gynagogengründer von Mantuas. Bon Professor Dr. David Kaufmann. ie Familie Portaleone in Mantua, die durch so hervorragende Namen in der Geschichte der Medizin, der Naturwissenschaften und der biblischen Archaeologie vertreten ift* 2), gehört!) Die Texte der handschriftlichen Quellen siehe in den Anhängen zu dieser Arbeit in Jewish Quarterly Review X, 456-61. 2) Bergt. M. Mortara in Revue 4es «Hudes juives XII, 113 ff.