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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-17 · Heft 24 (17.6.1898) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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27® in denselben direkt vor den Juden gewarnt und das christliche Publikum aufgrfordert wurde, bei ihnen nicht zu kaufen. Wer hat nun Recht? Die Judenhetzen in Galizien nehmen das allgemeine Interesse in Anspruch. Man erfährt jetzt außer den Einzelheiten über die Hetze auch Verschiedenes über ihre Quellen. Der fast wahnwitzig zu nennende Gedanke, die sozialdemokratische Bewegung durch den Antisemitismus zu bekämpfen — ein Gedanke, der wirklich Nur in dem Lande der Unwahrscheinlichkeiten entstehen konnte —, war auch die Quelle dieser Jndevhetzen. Nach den Wahlsiegen einiger Sozialdemokraten, die die Herrschaft der Szlachta zu erschüttern drohte», hatten diese polnischen Jntriguanten nichts Klügeres zu thun vermocht als unter die bäuerliche Bevölkerung, welche langsam zum Bewußtsein ihrer Kraft gegenüber ihren adeligen Bedrückern erwacht, den Antisemitismus zu tragen und die Juden als Blitzableiter für das Ungewitter zu benützen, das sich über ihren eigenen Häuptern züsammenzieht. Wiener Blätter wußten schon vor Monaten von einem geheimen Konventikel der Stanczyken-Partei in Krakau zu berichten, welches diese Preisgebung der treuen jüdischen Bundesgenossen als das wirksamste Schutzmittel gegen die gefürchtete Sozialdemokratie empfahl. Damals war noch Graf Kasimir Badeni Ministerpräsident und Fürst Sapieha Statthalter von Galizien. Die Seele der nunmehr mit aller Macht in Angriff genommenen antisemitischen Propaganda aber war der Landmarschall Graf Stanislaus Badeni, der Bruder des verflossenen Ministerpräsidenten. Man erwarb, subventionirte und gründete eine beträchtliche Anzahl von Blättern, welche die Judenhetze nach Wiener Muster zu betreiben hatten. Streitbare Priester wurden aufgeboten, und mit dem in Bann und Acht gethanen Pater Stojalowski Friede geschloffen, damit man dessen agitatorische Begabung in den Dienst der Szlachta stellen könne. Schnell genug ging die junge Saat auf. Die Schreckenstage von Chodorow, Schodnica, Przemislany gaben Zeugniß davon, daß der offizielle Antisemitismus nicht nur auf fruchtbaren Boden im städtischen und ländlichen Proletariat stieß, sondern daß er sogar über — behördliche Gewalt verfügte. Seither häufen sich die Ausbrüche blutigen HaffeS gegen die doppelt unglücklichen galizischen Juden. Im März ging es in Wieliczka los, und die Wiener „Oesterreichische Wochenschrift" konnte damals Nachweisen, daß die Exzesse durch ein ungeheuerliches Pamphlet veranlaßt wurden, welches von einem Katecheten am Krakauer St. Annagymnafium verfaßt und von Geistlichen, darunter auch einem Abgeordneten der Stojalowski- Gruppe, in 5000 Exemplaren verbreitet wurde. Erst die zweite Auflage verfiel der Konfiskation durch den Staatsanwalt. Die Judenhetze hat innerhalb der letzten Monate im ganzen Lande ungeheure Dimensionen angenommen, und die öffentliche Meinung zeigt sich bereits so vergiftet, daß selbst bisher freisinnige Blätter sich bemüßigt sehen, aus Geschäftsrücksichten den tollen Hexensabbath mitzumachen. Das unablässig geschürte Feuer loderte in den jüngsten Wochen an mehreren Stellen zugleich empor. Im Osten wie im Westen kam es zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden, zu Bedrohungen am Leben und Plünderungen ihrer Habe. Die Berichte über diese Exzesse stimmen in der einen Thatsache überein, daß die von den Behörden getroffenen Schutzmaßregeln sich als völlig unzureichend erwiesen, daß militärische Assistenz erst im Augenblicke der höchsten Gefahr entsendet und zur Unzeit wieder zurückgezogen wurde, so daß die Bedrängten unablässig in Todesangst leben. Der offizielle Draht schweigt sich über die unmittelbaren Ursachen der Krawalle gründlich aus, und nur aus unoffiziellen Quellen erfährt man, daß an dem einen Orte geheimnißvolle Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden, die Regierung habe den Bauern durch drei Tage die Beraubung der Juden freigegeben, daß in dem anderen Orte die städtische Polizei selbst die Wuth der hungernden Arbeiter auf die Juden gelenkt habe. Die letzte Ursache ist aber immer das geheime Exekutiv- Komitee der Szlachta, welches seine Emissäre — nicht zum Letzten masurische Arbeiterführer — im ganzen Lande besoldet. Angesichts der täglich kritischer werdenden Lage erhebt sich die Frage, was geschehen kann und geschehen wird, um dem drohenden Unheil vorzubeugen. Gegen die systematisch betriebene wirthschaftliche Aushungerung der galizischen Juden wird es nicht leicht ein Mittel geben, aber noch ist Oesterreich ja ein sogenannter Rechtsstaat, in welchem wenigstens offene Angriffe ans Leben und Habe der Juden mit der Strenge des Gesetzes geahndet werden sollten. Der Statthalter hat bereits den Anfang gemacht. (Siehe die Korrespondenz Wien im Gemeindeboten.) Hoffentlich ist das aber auch nur der Anfang ernster Maßregeln. Denn die Situation ist eine sehr ernste. fr Die französische Regierung hat sich also auf die abschüssige Bahn der Konzessionen an die antisemitische Partei begeben. Traurig, aber wahr. Schon in der vorigen Woche empfing der Justizminister die Abgeordneten von Algier sowie die anderen antisemitischen Abgeordneten, die ihn ersuchten, die sofortige Freilassung der wegen Theilnahme an den dortigen Unruhen verurtheilten, aber durch den Beschluß des Ministerraths begnadigten Personen zu verfügen. Die Abgeordneten lenkten ferner die Aufmerksamkeit des Jnstizministers auf eine Anzahl von Beamten, die nicht mehr die hinreichende Autorität besäßen, ihre Amtspflichten genügend erfüllen zu können. Darunter ist zweifellos in erster Linie der den Antisemiten verhaßte Gouverneur Lepine zu verstehen. Unmittelbar darauf hat dann in der Thal die Regierung sämmtliche Berurtheilte und Angeklagte in Sachen der algerischen Judenplünderungen und Morde begnadigt. Nur dreißig Beschuldigte sind von der Maßregel noch ausgenommen. Statthalter Lepine befürwortete diese selbst. Er begründete seine Empfehlung hauptsächlich mit den Zuständen in den algerischen Gefängnissen, wo Hunderte von Häftlingen nicht dauernd untergebracht werden können, ohne Seuchen hervorzurufen. Eine sehr merkwürdige Begründung. Aber das Kabinet Möline hat nicht vergebens den Drumont und Genossen sich gefällig gezeigt. Die „Libre Parole" erklärte am nächsten Tage, antisemitische Deputirte hätten für die Regierung gestimmt, um ihren Dank für die Amnestirung der Manifestanten in Algier zu bezeugen. Bei dem sehr geringen Stimmenunterschied zwischen den Ministeriellen und den Antiministeriellen sind die Antisemiten in der französischen Kammer zweifellos die Herren der Situation, und wenn Msline sich halten will, wird er ihnen nach der Konzession, die er ihnen schon in Algier gemacht hat, noch iveitere Konzessionen machen müssen. Das haben auch schon in der ersten Kammersttzung hervorragende Abgeordnete ausgesprochen. Die ersten beiden Redner, welche gegen die Regierung sprachen, Millerand und Bourgeois, wendeten sich in so scharfen Tönen gegen den Antisemitismus, wie man das gerade von diesen Beiden noch nie gehört hat. Meline dagegen fand kein Wort, um sich dem Protest gegen die antisemitischen Ausschreitungen anzuschließen. Millerand sagte: Wenn eine Partei existire, welche im Namen einer religiösen oder wissenschaftlichen Doktrin, im Namen der Religion oder des Patriotismus die Niedermetzelung einer anderen Raffe wünsche, dann erkläre er es für unmöglich, daß diese Partei ihre Doktrin vor dieses französische Volk trage, das so ruhmreich die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz erkämpft habe. (Stürmischer Beifall auf vielen Bänken, auch im Centrum. Die Rechte schweigt, die

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