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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-17 · Heft 24 (17.6.1898) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 Versprechen, sich einer Wiederaufnahme des Verfahrens in dev! Dreyfussache zu widersetzen, selbst wenn Unschuldsbeweise zum Vorschein kommen. . . Das heiße ich Wahlstimmen vornehm verlange» und empfangen! Aber der Tag wird kommen, da Wähler und Gewählter zu ihrem Schaden erfahren werden, daß man für schmachvolle Erbärmlichkeiten dieser Art zu büßen hat." Daß das glühende Eisen, das G. Clemenceau handhabt, heilend wirken wird, ist freilich nicht zu erwarten, denn die Stellen, an die er es legt, sind zu verfault. Aber diejenigen unserer Glaubens-- genoffen in Frankreich, denen das Judenthum und seine Lage am Herzen liegt, werden diese Mahnung wohl zu beherzigen haben. Denn genau so wie Clemenceau hat in diesen Tagen noch ein anderer hervorragender Franzose, der berühmteste Sozialistenführer, Profeffor Jaurös, von seinem besondern Standpunkt aus das Verhalten der französische»! Juden in scharfer Weise charakterisirt, indem er sich gegen den Vorwurf der Gegner zu wehren suchte, daß die Sozialisten den Juden in die Hand spielten. „Das Gegentheil ist wahr. Die Antisemiten stecken mit den Juden unter einer Decke, natürlich nur mit den großen Juden, denn es giebt Großjuden und Kleinjuden. In der Zola-Sache zum Beispiel waren das jüdische Proletariat und Kleinbürgerthum auf der einen, das Hochjudenthum auf der anderen Seite. Rothschild braucht die Generale, um sein wie das christliche Kapital zu vertheidigen. Rothschild war deshalb gegen die Störer und für das Kriegsgericht, die Pellieux. Boisdeffre, Esterhazy, Drnmont und Rochefort. Ein wunderbarer Kritiker und einer der größten Schriftsteller unserer Zeit sagte mir, seit ich in der Zola-Sache als Zeuge aufgetreten bin, werde ich in den Salons einzig von den jüdischen großen Damen getadelt. Die Großjnden sind mehr Kapitalisten als Juden. Um ihre Borrechte zu retten, find sie nöthigenfalls bereit, vor dem großen Gekreuzigten Buße zu thun und ihre Rasse auszuliefern, um ihre Klasse zu retten." Man darf wohl verrathen, daß der große Schriftsteller, auf den James hier anspielt, der berühmte Akademiker Anatole France ist, der schon in früheren Schriften ähnliche Bemerkungen gemacht hat, und man muß zugeben, wie übertrieben auch die Aeußerungen des Sozialistenführers klingen mögen, daß ihnen leider ein wahrer Kern zu Grunde liege. Es ist ja nicht das erste Mal, daß solche Anklagen gegen die Juden erhoben werden. In dem Aussatz: „Antisemitismus aus Staatsraison unter der Julirevolution", den wir in der vorigen Nummer gebracht haben, ist schon kurz darauf hingewiesen worden, daß vor fast sechzig Jahren in Frankreich eine ähnliche Situation herrschte, wie heute. Auch das Urtheil, das Heinrich Heine damals über die Sachlage in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" gesprochen, ist dort kurz erwähnt worden. Aber es ist intereffant, unter dem Gesichtspunkt der heutigen Verhältniffe noch einmal das durchzulesen, was der Dichter über die französischen Juden von damals sagte, wie heftig er sie tadelte, weil sie für ihre unglücklichen Glaubensbrüder nicht den geringsten Eifer an den Tag legten, und mit welcher vernichtenden Ironie er namentlich die Großen unter ihnen behandelte. Unter der z'eunesbe ckoree des französischen Israel, so sagt er, befindet sich mehr als ein Millionär, der vielleicht keine hundert Francs gäbe, wenn man zu ihm käme mit einer Kollekte zur Rettung seines ganzen Stammes. Der Dichter nennt sogar verschiedene Namen von Mitgliedern des Konsistoriums, und hierauf auch den eines getauften Juden, der eine Erziehungsanstalt für verarmte junge Adelige begründet, der sich aber geweigert, auch nur einen Pfennig beizusteuern zu einer Kollekte für die Interessen der Juden. Er kommt dann zu einer Bemerkung, die er „vielleicht die bitterste" nennt, indem er sagt: „Unter den getauften Juden sind viele, die aus feiger Hypokrisie über Israel noch ärgere Mißreden führen als deffen geborene Feinde. In derselben Weise Pflegen gewiffe Schriftsteller, um nicht an ihren Ursprung zu erinnern, sich über die Juden sehr schlecht oder gar nicht auszusprrchen. Das ist eine bekannte betrübsam lächerliche Erscheinung, aber es mag nützlich sein, das Publikum jetzt besonders darauf aufmerksam zu machen." Nicht weniger betrübsam ist es, heute genau dieselben Dinge sich wiederholen zu sehen. Und nicht weniger nothwendig erscheint es, unter solchen Verhältnissen an diejenigen unserer Glaubensgenoffen in Frankreich, an die großen und edlen Männer des französischen Israel, die so viel und so Bedeutendes für das Gesammtjudenthum geleistet haben, die Mahnung zu richten, daß sie angesichts der drohenden Gefahr zu energischer Abwehr sich rüsten und aus den Erfahrungen. die die deutschen Juden in den letzten zwanzig Jahren gemacht haben, diejenigen Lehren ziehen, die mit innerer Nothwendigkeit daraus hervorgehen. Wir müffen noch einmal Ludwig Börne citireu, der in seinem gerechten Zorn über die Zeitgenossen und in seiner innigen Liebe zur Menschheit einmal ausruft: „Die Menschen zu Völkern vereinigt, sind dümmer, geduldiger als die Steine. Jeder Stein rächt sich, wenn ihn einer zu hart berührt, und versetzt seinem Beleidiger blutige Beulen; ein Volk aber, eine Alpenkette, läßt schimpflich mit sich kegeln, und hat es die Kegel erreicht und umgeworfen, läßt es sich geduldig in die hölzerne Rinne legen und eilt sehr, herabzurollen zu seinem Spielherrn, und läßt sich von Neuem kegeln." Was aber von den Völkern gesagt, gilt von den Juden leider ganz besonders. Sie glauben nicht fest genug an ihr eigenes Recht, und sie haben nicht immer den Muth und die Kraft, ihren Rechtsstandpunkt entschieden zu vertreten. Möchten unsere Glaubensgenoffen in Frankreich diese wohlgemeinten Warnungen beherzigen, so lange es noch Zeit ist! ^*r Berlin, 15. Juni. (cSgkaS offiziöse Dementi der „Berliner Politischen Nachrichten", jsStz die Revision des Judengesetzes von 1847 betreffend, das wir in der vorigen Nummer an dieser Stelle reproduzirt haben, beruht nun doch auf einem Jrrthum. Wie die „Allgemeine Israelitische Wochenschrift" aus authentischer Quelle berichtet, ist eine Unifizirung der vorhandenen und geltenden Gesetze über die Organisation und Verwaltung der jüdischen Gemeinden in Preußen beschlossene Sache, und auch ein diesbezüglicher Gesetzentwurf ist bereits in Vorbereitung, der in der nächsten Legislaturperiode — nicht in der nächsten Session — dem preußischen Landtag vorgelegt werden soll. Wir haben nämlich jetzt nicht weniger als sieben verschiedene Judengesetze, das von 1847 für die altpreußischen Provinzen, die für Hannover, beide Heffen, Hohenzollern, Schleswig-Holstein und Frankfurt a. M. <i> Ist es nun eigentlich grober Unfug, wenn man die Juden beleidigt? Das Oberlandesgericht in München hat die Frage bejaht. Nicht nur die Juden, sondern alle anständig denkenden Christen müßten sich „beunruhigt und belästigt fühlen", wenn gleichberechtigt unter ihnen lebende Mitbürger in dieser Weise bloßgestellt werden. Somit , seien alle Kriterien des groben Unfugsparagraphen gegeben. Ganz anders urtheilten aber fast zu gleicher Zeit die Landgerichte zu Mannheim und zu Hannover. (Siehe die betr. Korr, im „Gemeindeboten"!) Beide haben die inkriminirten antisemitischen Aeußerungen nicht für belästigend oder gefährdend gehalten, obwohl

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