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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-17 · Heft 24 (17.6.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 24. Berlin» 17. Inni 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig PHMppson-Konn. Verlags-Grpedition: Gerlin, Äerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an. die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW\, Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. 3ttl)ltlt« Leitartikel: Die französischen Juden. — Die Woche. — Protokoll der Versammlung der Freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens. — Für Handwerk und Ackerbau. Von Marcus Adler. — Zum Jubiläum der israelitischen Taubftummen-Anstalt in Neu-Weißensee. — Leone de Sommi Portaleone, der Dramatiker und Synagogengründer von Mantua. Von Prof. Dr. David Kaufmann. — Feuilleton r Das Grab eines Propheten in Offenbach. Von Dr. Arnold Hirsch. — Zur Barmizwah. Von Henriette Hirschberg. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Thorn, Hannover, Mannheim, Hamburg, Wien, Bialhstok. — Bon Rah nnd Fern. — Miseeklen. Me französischen Juden. Berlin. 15. Juni. f aß die Geschichte eine sehr schlechte Lehrmeisterin sei, ist eine altbekannte Thatsache; aber sie tritt uns immer aufs Neue vor Augen, wenn wir mit Verwunderung sehen, wie wenig die Völker und die Menschen aus den Erfahrungen früherer Geschlechter zu lernen geneigt sind. Das Verhalten der französischen Juden in der Krisis, die jetzt über sie mit Sturmgewalt hereingebrochen, zeigt uns diese alte Wahrheit leider in neuem Gewände. Wäre die Geschichte eine bessere Lehrmeisterin, dann könnten ja, wie Ludwig Börne treffend sagt, die Völker Doktoren sein, während sie jetzt leider noch immer in der Klaffe der Quartaner sitzen müssen. Aber das, was die französischen Juden in diesem Falle von ihren deutschen Glaubensbrüdern lernen könnten, sind, streng genommen, noch nicht einmal geschichtliche Erfahrungen. Sie haben ja die Periode des deutschen Antisemitismus in den letzten zwanzig Jahren schaudernd miterlebt; sie haben ja gesehen, welche Verwüstungen diese Pest in Deutschland angerichtet hat; sie haben gewiß über manche Schäden den Kopf geschüttelt, die sich bei diesem Anlaß innerhalb der deutschen Judenheit zeigten; sicher haben sie auch über den Mangel an Muth, über die Zerfahrenheit, über die Treulosigkeit und andere Fehler bitter geklagt, die auch unter den deutschen Juden in dieser trüben Zeit der Noth hier und da, wenn auch nicht allzu oft, zu Tage traten. Und nun, da diese Pest, wie jede andere, auf ihrem Weg durch alle Lande auch in das schöne Frankreich gekommen, begehen die französischen Juden genau dieselben Fehler, machen sie sich genau derselben Unterlassungssünden schuldig, die sie vordem an uns wahrscheinlich recht scharf getadelt haben. Ja, diese Fehler treten sogar bei den französischen Juden noch in viel grellerer Beleuchtung hervor, weil sie dort allgemeiner sind. Allgemein ist jetzt dort die Muthlosigkeit, die Angst, die Bedenklichkeit, die traurige Rathlosigkeit. Niemand weiß, was angesichts der großen Erregung zu thun ist. Man hört nicht das Geringste von irgend einer entschiedenen Maßregel, von irgend einem entscheidenden Schritt; kein Zusammenfaffen der Kräfte, keine entschiedene Abwehr, nichts von allem, was,, wenn es auch die Bewegung durchaus nicht aufhalten könnte, so doch wenigstens den Gegnern wie den Freunden sicher imponiren müßte, ist gegenwärtig aus Frankreich zu hören. Die deutschen Juden haben sofort, als die Bewegung größere Dimensionen anzunehmen begann, sich zu entschiedener Abwehr gerüstet. Es läßt sich heute allerdings nicht sagen, wie viel diese Abwehr genützt haben mag, aber sie hat den Gegnern doch gezeigt, daß wir nicht wie geduldige Lämmer alle Angriffe und Verfolgungen über "uns ergehen zu lassen geneigt seien, daß wir uns nicht als Staatsbürger zweiter Klaffe betrachten lassen wollen, und daß wir mit aller Entschiedenheit auf unserem Rechtsstandpunkt bestehen. Dieser moralische Erfolg der Abwehr ist viel höher anzuschlagen, als irgend welche praktischen Erfolge. Ganz anders liegt die Sache in Frankreich. Wohlmeinende Christen sind in den letzten Wochen aufgetreten und haben gegen die französischen Juden heftige Anklagen geschleudert wegen ihrer Stellung zu den antisemitischen Tagesfragen. Der Erste von ihnen war Georges Clemenceau, der unter den Vertheidigern der Rechte der Juden heute vielleicht den ersten Platz in Frankreich einnimmt; er beklagt sich bitter in einem Aufsatz: „Und die Juden?" über die Erfahrungen, die er als Vertheidiger der französischen Juden jetzt erlebt hat: „Die großen Juden finden, daß alles wohlbestellt ist, da sie auf der Seite der Stärkeren sind. Ihre einzige Angst wäre, sich in einer Angelegenheit bloßzustellen, in der sie ihrer Schätzung nach zu viel aufs Spiel setzen würden. Andere, Viele, nehmen an dem Kampf für Recht und Gerechtigkeit aus Achtung vor ihrer eigenen Weltanschauung Theil, genau so wie Christen oder Ungläubige. Aber die Masse, mehr vielleicht als jeder andere Pöbelhaufe, wartet, bis die Schlacht gewonnen ist, um dann dem Siege zu Hilfe zu kommen. Die Meisten halten den Mund oder schreiben anonyme Aufmunterungsbriefe." Auch an Ueberläufern fehlte es nicht und nicht weniger an Verräthern. Clemenceau erzählt dann von Arthur Meyer, dem Redakteur des „Gaulois", einem Juden, der seine früheren Glaubensgenossen mit einem allgemeinen Gemetzel bedrohte, wenn sie es wagen "sollten, sich der Dreyfus-Partei anzuschließen. Er erzählt weiter von einem demokratischen Abgeordneten, L. L. Klotz, der die Stimmen seiner Wähler dadurch zu gewinnen suchte, daß er sich ausdrücklich verpflichtete, gegen, die Wiederaufnahme des Verfahrens in der Dreyfus-Sache zu stimmen. Er sagt von diesem Herrn Klotz: ,, „Er weiß sehr gut, daß man das Heer nicht angreift, wenn man sagt, daß militärische Richter fehlbar sind wie bürgerliche Richter. Aber da er ein Jude ist, glaubt er sich verpflichtet, vaterländischer zu sein als Andere, und sein Judenpatriotismus äußert sich in dem

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