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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-10 · Heft 23 (10.6.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. »nicjimg. «I. 23. D^H» ^|())t(tud(bdt(» ffitilht, 10. Stau 1898. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung Les Juöenchums". Korrespondenzen «nd Nachrichtm. Deutschtand. 22 Berlin, 5. Juni. Infolge einer von einem provisorischen Komitee ergangenen Einladung traten am 31. Mai gegen 40 Rabbiner zu einer Berathung zusammen, in der die Gründung einer „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" beschlossen wurde. Eine namhafte Anzahl von Gesinnungsgenossen, die durch Amtspflichten oder andere Abhaltungen am Erscheinen verhindert waren, hatte schriftlich ihr Ausbleiben entschuldigt und ihren Beitritt zu der Vereinigung in Aussicht gestellt. Die Vereinigung bat nach ß 1 der Satzungen den Zweck: ihren Mitgliedern Gelegenheit zum Meinungsaustausch über religiöse Fragen zu bieten, durch Vorträge und Abhandlungen zur Klärung der Ansichten, zu wissenschaftlicher Anregung, zur Förderung einer zeitgemäßen, den überlieferten religiösen Grundsätzen Rechnung tragenden Fortentwickelung der Institutionen des Judenthums und zur Hebung des religiösen Sinnes in den Gemeinden beizutragen. Zum Vorsitzenden wurde Bogelstein-Stettin, zu Vorstandsmitgliedern wurden Guttmann-Breslau, Plaut-Frankfurt a. M., Steckelmacher-Mannheim, Winter-Dresden gewählt. Sicherlich wird die Gründung dieser Vereinigung, durch die eine seit langer Zeit fühlbar gewordene Lücke ausgefüllt wird, in weiten Kreisen freudig begrüßt werden, da die Hoffnung vollberechtigt ist, daß hieraus dem freisinnigen deutschen Judenthum Segen erblühen werde. — Wie wir übrigens hören, soll nun noch ein Centrumsverband geschaffen werden, den die Herren Rabbiner Dr. Werner und Weiffe begründen wollen. L2 Berlin, 6. Juni. Da, wie wir in der letzten Nummer bereits berichtet haben, das im Juli 1896 veranstaltete Preisausschreiben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, betreffend die Schulbearbeitung der „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre", nicht zu dem erwünschten Resultat geführt hat, so ist es jetzt erneuert worden. Die von dem D.-J. G.-B. herausgegebenen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" sowie die hierzu aus biblischen und talmudischen Schriften von Dr. S. Kristeller gewählten „Belegstellen" haben sich als über die kindliche Fassungskraft hinausgehend erwiesen. Deshalb stellt der Ausschuß des D.-J. G.-B. folgende Aufgabe: Die „Grundsätze" sollen, ohne daß der Inhalt eine Aenderung erfährt, einer Umformung unterzogen werden, die sie dem Verständnisse zwölfjähriger Schulkinder zugänglich und zu unterrichtlichen Zwecken geeignet macht. Mit den Sätzen sind auswendig zu lernende „Belegstellen" aus der erwähnten Sammlung zu verbinden. Die Arbeiten sind bis zum 29. Februar 1899 an das Büreau des D.-J. G.-B., Berlin W., Sigismundstraße 5, einzusenden. Jede Arbeit ist mit einer Aufschrift zu versehen, die zugleich auf einem verschlossenen, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschlag angebracht ist. Für die drei besten Arbeiten sind Preise im Betrage von 160—100 — 100 Mk. ausgesetzt. Die Verwerthung der preisgekrönten Arbeiten behält sich der Ausschuß des Gemeindebundes vor. Als Anleitung für die Herren Bearbeiter werden folgende Erläuterungen hinzugefügt: „Die im Preisausschreiben enthaltene Forderung kann nur dadurch erfüllt werden, daß der Ausdruck in den Grundsätzen und Belegstellen der Fassungskraft und Vorbildung zwölfjähriger Schulkinder angepaßt wird. Es muß also alles Abstrakte in konkrete Ausdrucksformen aufgelöst werden. Ferner empfiehlt es sich, überall in den Grundsätzen die biblische Ausdrucksweise, womöglich im Anschluß an die zugehörigen Belegstellen, zu wählen. Die Zahl der Belegstellen ist einzuschränken und eine auch äußerlich hervortretende Unterscheidung zu treffen zwischen den leichter und schwerer verständlichen Sätzen, je nachdem sie von jüngeren oder weiter vorgeschrittenen Schülern gelernt werden sollen. Endlich ist in der Aufeinanderfolge der Grundsätze und Belegstellen auf den gedanklichen Zusammenhang zu achten. Zu Preisrichtern sind bestellt die Herren: Rektor Dr. Adler, Oberlehrer Dr. Blaschke, Direktor Dr. Holzman, Direktor Dr. Kirschstein, Stadtverordneter Theod. Marcus, Professor Dr. Philippson, Oberlehrer Dr. Schaefer, sämmtlich in Berlin, sowie Rechtsanwalt Plotke in Frankfurt a. M. F. Berlin, 3. Juni. Durch die Zeitungen geht ein von namhaften Männern Unterzeichneter Aufruf, den auch hervorragende Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde unterschrieben haben derselbe bezweckt die Einrichtung einer Heilstätte für unbemittelte Nervenkranke. Gilt doch der Schmerzensschrei, daß der Kampf ums Dasein namentlich in der Großstadt immer tiefere Wunden schlägt, und daß geistige Ueberarbeitung Kummer und Sorgen oft den Grund zu schweren Nervenkrankheiten legen, mit in erster Linie auch für unsere Glaubensgenossen. Hat doch ein bedeutender Nervenarzt, Ziemffen in München, behauptet, daß die Antisemiten mit ihrem Neid verstummen müßten, wenn sie sähen, mit welchen Opfern die Juden ihre vergleichsweise hohe soziale Stellung mitunter erkaufen. Zu diesen Opfern des gesteigerten Kampfes ums Dasein gehören viele weniger bemittelte Glaubensgenossen, denen vielleicht noch durch eine rationelle Kur, Ausruhen in einer für Geist und Gemüth behaglichen veränderten Uurgebung, die sie für einige Zeit aus den Alltagssorgen heraushebe, das letzte schwere Schicksal der Nervenleidenden, das Irrenhaus, erspart werden kann. In diesem Sinn haben namhafte Aerzte, wie Professor Leyden, Professor Eulenburg, Professor Senator und Professor Mendel jenen Aufruf, unter dem wir auch den Namen des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum sehen, unterzeichnet. Die Kur in den vorhandenen Sanatorien und Nervenheilanstalten ist eine kostspielige, 300 Mark monatlich sind für den weniger Bemittelten als Pensionspreis, in den allerdings auch alle Heilmittel, Elektrizität, Massage, Bäder, Medikamente, mit einbegriffen find, einfach unerschwinglich. Für leidende jüdische Frauen hat die Berliner jüdische Gemeinde jetzt zu unserer Freude selbst ein Erholungsbezw. Genesungsheim in dem unweit von Berlin belegenen Briese errichtet. In der geplanten neuen interkonfessionellen Anstalt wird es sich indeß nicht blos um eine Rekonvaleseenz nach schweren inneren Krankheiten, sondern um ärztliche Spezialbehandlung von Nervenkrankheiten handeln, für die als behandelnder Arzt Herr Dr. Lähr in Zehlendorf gewonnen ist, wo sich auch das Kurhaus erheben soll, für das jetzt gesammelt wird. Einen Wunsch können wir angesichts der Sammlungen, die wir durch diese Zeilen zu unterstützen beabsichtigen, nicht unterdrücken, es ist der, daß auch wirklich Garantien, nicht blos durch Stiftung von Freibetten für jüdische Kranken, geschaffen werden möchten, daß die neue Anstalt eine interkonfessionelle bleibt, daß der giftige Hauch des Rischuß nicht noch den schon schwer geprüften Glaubensgenossen in ihrem Quisisana, in dem sie an Leib und Seele gesunden sollen, das Leben sauer mache, denn gerade für Nervenkranke ist eine von Diakonissinnen, Wärtern und anderen Elementen genährte pietistische Luft nicht zuträglich, und gerade diese Kranken find sehr empfindlich für die leisesten Kränkungen, die bei dem Zusammenleben von Kranken verschiedener Konfessionen unausbleiblich sind, wenn die Leitung keine straffe, energische und neutrale ist. So sehr wir den neuen Plan mit Freuden begrüßen, so müssen wir doch auch hier das Bessere als den Feind des Guten betrachten und als frommes Destderium wenigstens, nach unserer Ueberzeugung aber als eine mit der Zeit heranreifende Nothwendigkeit, die Errichtung einer jüdischen Nervenheilanstalt bei Berlin betrachten, da die bekannte von Behrendt und Jaeobi begründete Anstalt in Sayn zu weit entlegen ist. Eine große Anzahl von Nervenfällen wird natürlich auch jetzt schon im jüdischen Krankenhause in Berlin behandelt, bei dem Vorwalten der inneren und chirurgischen Fälle ist es aber nicht möglich, zu den vorhandenen Aerzten noch einen Spezialgrzt für Nerven anzustellen, auch ist in der Auguststraße eine langwierige Kur namentlich mit Elektrotherapie und Kaltwasserbehandlung nicht möglich. In der Behandlung schwerer Nervenkrankheiten zählt man leider nicht nach Tagen und Wochen, sondern nach Monaten und Jahren.

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