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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-10 · Heft 23 (10.6.1898) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 Lippen des Greises, und als das Amen der Anwesenden langsam verhallte, war die Seele dem Körper entflohen. - Draußen sangen die Lerchen und jubelten ein Loblied dem Schöpfer entgegen in ihrer Daseinsfreude, die Blumen tranken erfrischenden Thau, der von Ihm kam, dem Lebensquell Aller. Drinnen im kleinen Kämmerlein erstarrte langsam die blasse Hand, lind umsonst bemühte sich Nathan, durch den festen Druck seiner heißen, glühenden Lippen ihr Leben und Wärme zu geben. Gewaltsam mußte man ihn aus dem Sterbezimmer führen.' Sei» Jammer und seine Verzweiflung kannten keine Grenzen. Mit krampfhaft in einander verschlungenen Händen kauerte der Riese in seiner Fensternische, von wo aus er Lea so oft beobachtet hatte. Seine Augen hafteten an der Thür, hinter welcher die Frauen der Todten die letzten Liebesdienste erwiese». Die Stunden verrannen, er wußte nicht, wie lange er so gesessen. Er konnte das Entsetzliche nicht ausdenken. Wüst und leer war es wieder in seinem armen Kopfe. Stumm brütete er vor sich hin, wies Speise und Trank zurück und lehnte jede Aufforderung ab, sich zur Ruhe zu begeben. Er hielt die Nacht in seiner Nische Wacht bei der Todten. Am anderen Morgen ließ er sich, willenlos wie ein Kind, ein sauberes Gewand anlege» und sah völlig abwesend dem Treiben um ihn her zu. Männer und Frauen gingen ein und aus. Sie drückten dem trauernden Vater, der über die Gemarah gebeugt saß, die Hand, sie flüsterten mit Eitel, die laut weinte und so die feierliche Ruhe störte. Mittag war vorüber, als draußen auf dem holprigen Pflaster der Leichenwagen raffelte. Nathan fuhr auf. — Nun kam ja das Furchtbare, Entsetzliche. Nun würde man sie hinaustragen, in die kühle Erde betten, und er blieb allein und freudlos für immer. Ihm war's, als nlüffe er die theure Hülle, die die schlichten Bretter bargen, an sich reißen, nicht wieder von sich lassen. Mit ihr ging ja für ihn die letzte kurze Lebensfreude, sein einziges Erdenglück in Trümmer. Nun war er wieder der Narr, heimathlos, von Niemand geliebt, Allen entbehrlich. Schon warteten die Träger, um den Sarg hinauszutragen, schon rüsteten sich die Freunde unter Schluchzen und Klagen, dem ungen, von Allen geliebten Mädchen das letzte Geleit zu geben. Nur Nathan stand einsam an seinem alten Platz und sah mit brennenden Augen und heißen Wangen zu. Da legte sich sanft die Hand des Rabbi auf seine Schulter, und mit unendlich milder, vor Weh und Leid fast brechender Stimme sagte er: „Komm, Nathan, lind führe mich, mein Sohn. Du wirst mir jetzt eine Stütze sein in meinem Leid, der Gefährte meiner einsamen Tage, so lange es Gott gefällt. Lea hat mir Dich als Trost auf Erden zurückgelassen. Laß uns gemeinsam um sie weinen." Nathan schluchzte laut auf, sanft lösten die milden Worte des Edlen seinen Schmerz. „Vater!" rief er, „Vater!" Er umfaßte den Greis mit seinen starken Armen. Er durfte ihn führen, ihn leiten, mit seiner Liebe und Verehrung ihm die letzten Lebenstage erhellen. Er war nicht mehr freudlos, er hatte ein Heim. Nun hoben die Träger die leichte Bahre. Wankend geleitete der Rabbi, von Nathan gestützt, sein Kind auf den letzten Erdengang. Er hob die Hände zum Himmel und sprach mit ruhig fester Stimme: „Der Ewige hat sie mir gegeben. Der Ewige hat sie mir genommen. Sein Name sei gelobt." Sprechsaal. Geehrter Herr! ^err Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati hat in dem Artikel: „Der Zionismus und das mesfianische Dogma" in Nr. 19, Seite 222, die Behauptung aufgestellt, „daß die Hastara eingeführt wurde, als die Vorlesung aus der Thora verboten war". Ferner heißt es daselbst: „An die Predigt schließt sich das Gebet des Kaddisch an um das Kommen des Gottesreiches, welches das Christenthum schon vorgefunden hat, Math. (6, 9, 10), somit sehen wir das Kaddisch-Gebet als eine Ergänzung der Predigt entstehen". Bezüglich der Haftara beruft stch Prof. Deutsch auf die Quelle von Levita, der in seinem „Tischbi"-Wurzelwort: diese Behauptung aufstellt. Allein unser unsterblicher Meister und Lehrer S. B. Rapoport hat in seinem „Erech Millin" die Unrichtigkeit dieser Behauptung schon nachgewiesen. Seite 167—179 Wurzelwort: Aphtartha widmet er diesem Gegenstände seine Aufmerksamkeit, und gleich im Absätze b) am Anfänge widerlegte er die Ansicht Levitas, indem er sie kein "YlpD nennt. „Denn wenn Antiochus die Vorlesungen aus der Thora verboten hätte, so würde er es nicht gestattet haben, solche aus den Propheten vorzunehmen. Der eigentliche Zweck war die Ehrung der prophetischen Bücher, damit aus denselben einzelne Abschnitte zur öffentlichen Vorlesung gelangen sollten, welche nach der rnifin fWHp Vorlesung aus der Thora folgte, deren Abschnitte, die zur Vorlesung gelangten, das Volk ermahnten, die Einheit des Judenthums zu wahren" u. s. w.; „damit aber diese Vorlesung nicht koordinirt der Thora-Vorlesung sei, verordnete man, daß der Vorleser aus den Propheten auch einige Verse aus der Wochen-Perieope früher lese (Megilla 23 a) und man bemühte stch, solche Propheten-Abschnitte für jeden Sabbath zu bestimmen, die mit der Pericope den gleichen Inhalt behandeln". Ich glaube, dieser kurze Auszug genügt, um die Behauptung Levitas zu entkräften. Auch Zunz theilt die Ansicht seines Freundes Rapoport. In den „Gottesdienstlichen Borträgen", Seite 3, sagt er: „So viel darf mit Sicherheit angenommen werden, daß der Brauch, Abschnitte der Bücher Mose in den Synagogen vorzutragen, nicht jünger als das makkabäische Zeitalter ist, in welchem man bereits die Vorlesung von prophetischen Parallelstellen einführte." Die Behauptung, die Zunz Seite 6 daselbst aufstellt, schrieb er 1832, währenddem der „Erech Millin" 1852 erschien, mithin konnte er auf die Arbeit Rapoports nicht reflektiren. Auch bezüglich der Entstehung des Kaddisch ist die Behauptung des Prof. Deutsch unrichtig, indem unser Lehrer Rapoport mit seiner gewohnten Geistesschärfe in dem „Bik. Haittim" Jahrgang VIII, Seite 10—11, nachweist, daß der Kaddisch verfaßt wurde, im Hause der Trauernden zu verrichten, und zwar nach der Agada, und er wird deshalb KrnjKT #2*1 KiT* genannt". (Sotha 49 a.) Diese Behauptung wird auch von Zunz getheilt, denn Seite 385 „Gott. Vortr." schreibt er: „Des hohenpriesterlichen Gebetes am Berföhnungstage, des Segens vor der pentateuchischen Lektion sowie des Spruches '21 "1122 DTP ^1"12 gedenkt die Mischna (Joma 6,2, 7,1 re. re.), des ursprünglich oer Hagada angehörenden Kadi sch der Sifri". (Siehe Sifri, Abschnitt 306.) Zunz hat daselbst eine Anmerkung, die aus 10 Zeilen besteht, und das ganze Material auf diesem Gebiete geschichtlich geordnet angegeben. Da nun uns das Buch „Machsor Bitry" vollständig vorliegt, so verweisen wir auch den Leser auf dieses Buch. Seite 54—55, Abschnitt 87 behandelt Rabbi Simcha die Entstehung des Kaddisch-Gebetes und die Behauptung, die unser Lehrer Rapoport und Zunz aufstellen, findet daselbst ihre Begründung. Budapest, den 24. Mai. K. Pollak. Sehr geehrter Herr! (A^n meiner im „Sprechsaal" voriger Nummer abgedruckten Ausführung befinden sich leider zwei sinnentstellende Druckfehler: 1. Spalte links, Reihe 11 von unten: uns lies: nur. 2. „ rechts, Reihe 27 von unten: rückt lies: wirkt. Wolfenbüttel, 29. Mai. Hochachtungsvoll und ergebenst Tachau. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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