Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 UILLETON ^frns—mn Ber Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. f (Schluß.) raußen umwehte der kühle Nachtwind Nathans fiebernd heiße Stirn. Er athmete auf. War all das Erlebte denn ein Traum? Hatte ein Wahnbild seine Phantasie berückt? Rasch ging er durch die stille Gasse, schnell -erstieg er die wenigen Stufen zu seiner Kanimer. Dort sank er auf sein Lager nieder und preßte die Hände fest an die schmerzenden Schläfen. Sein armes Hirn konnte das Erlebte kaum fasten. Er wiederholte sich's in Gedanken immer wieder. Es war kein Traum. Seine Lippen fühlten noch immer die ihren; der Duft ihrer Nähe schien ihn zu umwehen, er hörte das Athmen der schweren Brust. War's möglich, daß ein so großes Glück ihm zutheil geworden? Zu ihm hatte Lea sich geneigt, ihm ihr Herz gegeben. Dieses Mädchen, das der Stolz ihres Vaters, die Beste, die Klügste der Gaffe war. Wie war sie auszudenken, diese Seligkeit? War es denn wirklich Nacht, dieselbe dunkle Nacht, die oft seine bangen Kämpfe, sein heißes Sehnen nach etwas Unbekanntem, Geheimnißvollen gesehen? Wie konnte es dunkel sein, da Licht und strahlende Hoffnung seine Seele erfüllten! Er stieß das Fenster auf und athmete die kühle Nachtluft ein. Dieses Glück, diese Seligkeit, sie schienen die starke Brust zu sprengen. Seine Seele, die bis dahin in Festeln gelegen, sie schwang sich auf in die lichten Gefilde des Traumes, und liebliche Bilder umgaukelten ihn. Eine lange, harte, schwere Arbeitszeit lag vor ihm, ehe er sein herrliches Ziel erreichen konnte, um Lea sein Weib zu nennen. Wie wollte er arbeiten, entbehren, hungern, dürsten, Tage, Wochen, Monde, Jahre, bis er durch eigene Kraft sich etwas errungen, um ihr. der Einen, ein Heim zu bieten. Ein Heim — wie bebt sein Herz bei diesen Worten vor Wonne! Er durfte dann vielleicht ein kleines Häuschen sein eigen nennen, nicht mehr fremd unter Fremden einhergehen, nicht sein kärglich Mahl am Tische Anderer einnehmen, nicht mehr die Demüthigungen erleiden, die er, ach, so oft und soviel, erduldet. Er würde frei sein, ein Mann wie alle anderen, nicht mehr der Diener, der von Allen Versorgte. Nicht mit Mitleid, mit Achtung sollte man ihm ferner begegnen. Welch ein Glück, welch hoher Preis winkte ihm nach den freudlosen Kindheits- und Jugendtagen. Wie hatte er sich stets gefürchtet, über sein traurig' Geschick nachzudenken, durch laute Lustigkeit, durch Spott und allerlei Kurzweil versucht, seinem Dasein den bittersten Kern zu nehmen und die innere Stimme zu übertönen. Jetzt winkte ihm die Erhebung aus dem Staube, jetzt richtete Gott ihn empor; er ward Mensch ini vollen Bewußtsein seiner Würde, seiner Lebensaufgabe. Er athmet auf bei diesem Gedanken, sein gewaltiger Körper dehnt sich und scheint zu wachsen, aus seinen Augen strahlt ein heiterer Glanz. Er fühlt sich in ferne Höhen getragen, seine Seele ringt sich empor zu Dem, der sie dem Körper eingehaucht, und immer fester und siegender leuchtet die Hoffnung auf für die Verwirklichung der glückseligen Träume, die in lichten, sonnigen Bildern seinen Geist umschweben. So sitzt er stundenlang regungslos, und künftige, glückliche Tage ziehen an seiner Seele vorüber. Er weiß nicht, wie die Zeit schwindet, wie Minute an Minute sich reiht, er ist vollkommen glücklich. Bleiches Frühroth färbt den Horizont im Osten, weißgraue Nebelschleier verwehen langsam in ferne Fernen, ein kühler Lufthauch macht ihn zittern. Die Nacht ist vergangen, ein neuer Tag bricht an. Ein neues Leben für ihn sollte er künden. Die Träume der Nacht, sie weichen gleich den Nebelgebilden und klar und rein steht vor seiner Seele das Bild der Einen, die ihm soviel gegeben — selige Liebe und das Bewußtsein seiner Menschenwürde. Er sank vom Schemel zur Erde nieder, er wandte sein Gesicht gen Osten, und seine Hände erhoben sich znm Gebet. Da wurde die Thür hastig aufgeriffen. „Nathan," rief die ihm nur zu wohlbekannte und oft gefürchtete grelle Stimme Gitels ihm entgegen, „Lea ruft Dich!" Er sprang auf und sah die Alte wirr und angstvoll an. Diese rothgeweinten Augen, das blaffe, übernächtige Gesicht riefen ihm mit einem Male ganz die Wirklichkeit zurück. Seine bebenden Lippen wollten eine Frage thun, doch sie vermochten es nicht. Sein Herz schlug bang und schwer. Zitternd vor Angst, hastete er vorwärts. Eine einzige glückliche Nacht war dem armen Heimathlosen gegeben, eine Nacht, in der die Hoffnung im Traum alle Blüthen duften, alle Früchte reifen ließ, die sie für ihren armen, leidenden Erdensohn ausersehen. Der Tag vernichtete alles, die Wirklichkeit deckte sie mit dem Rauhreif des Todes zu. Da stand er vor dem kleinen Häuschen, die Thür kreischte in den Angeln unter dem Druck seiner zitternden Hand. Ein seltsames Gewirr von Stimmen scholl ihm entgegen, und der durchdringende Duft kleiner Unschlittkerzen mischte sich in den reinen, frischen Hauch der Morgenluft. Ein seltsam Gefühl schien ihm den Athem zu rauben. Es würgte an seiner Kehle, es machte die Augen ihm starr und heiß und ließ seinen Fuß fest an der Stelle wurzeln. Da wurde die Thür geöffnet, und der Rabbi winkte Nathan. Mechanisch gehorchte er. Er sah Lea seltsam starr und blaß in den Kissen liegen, verändert war ihr liebes Gesicht, und die Augen öffneten sich mit Mühe. Er sank vor ihrem Lager nieder, in herzzerreißenden Tönen nur wieder und wieder ihren Namen rufend, Keiner wagte ihn in seinem Jammer zu stören. Die Männer und Frauen, die um die Sterbende versammelt waren, wichen scheu vor ihm zurück. Endlich wurde er ruhiger. Seine Blicke hingen in unsäglichem Schmerz an dem stillen Antlitz, und langsam hoben sich nach langen, bangen Minuten des Harrens die schweren Lider. Das glanzlose Auge ruhte einen Moment lang wie erkennend auf Nathans Antlitz, dann irrte es suchend umher. Der Rabbi beugte sich über sein sterbend Kind und faßte ihre feuchte, kalte Hand. Sie bemühte sich, die andere nach Nathan auszustrecken, und der Vater, den Wunsch se.ines Kindes errathend, umschloß Beider Hände mit seiner Rechten. Da zog ein friedlich stilles Lächeln über das stille Antlitz Leas, und ein langer Athemzug hob die schmerzende Brust. Die kleinen Kerzen leuchteten Heller, laut ertönte das Schmäh Jisroel von den