Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 274 Thomas ermordet hätten. Uns Modernen ist, dank der antisemitischen Ethik — man denke an den Xantener Knabenmordprozeß —, die Verbreitung solcher Ammenmärchen nichts Außergewöhnliches. Der philosophisch noch rückständigeren ersten Hälfte des Jahrhunderts war sie etwas Unerhörtes, das allenthalben in Europa Entrüstung hervorrief. Allenthalben? das ist doch zu viel gesagt. Die französische Regierung allein, - bemüht, sich als die Schätzerin der römischen Christenheit im Osten aufzuspielen, suchte zuerst die Angelegenheit zu vertuschen. Als dies jedoch fehlschlug, infolge des Berichtes des österreichischen Konsuls, der die Sache ordnungsgemäß seiner Regierung mitgetheilt hatte, weil sich unter den Verfolgten auch ein österreichischer Staatsangehöriger befand, so unternahm sie es, das Benehmen ihres Vertreters mit allen Mitteln zu justifiziren. Namentlich widersetzte sie sich — und hierin liegt eine frappante Parallele zu den allerjttngsten Vorfällen — einer Wiederaufnahme des Prozesies, wie sie, natürlich unter Ausschließung der Folter, von den Vertretern der übrigen Großmächte verlangt wurde. Um jedoch den Schein zu erwecken, etwas gethan zu haben, wurde eine untergeordnete Persönlichkeit mit beschränkten Vollmachten nach Damaskus geschickt, die einige Aktenbündel ausfertigte, thatsüchlich aber nichts Wesentliches zu Stande brachte. Wie benahmen sich die französischen Juden gelegentlich der Verfolgung ihrer syrischen Glaubensgenoffen? Wie sie sich auch heute — einige edle Ausnahmen abgerechnet — trotz der Legenden von Dreyfus- Syndikaten und panjudäischen Komplotten benehmen. Das israelitische Konsistorium trat zusammen und faßte einige lauwarme Resolutionen, darunter auch die, daß man zu der Weisheit und Gerechtigkeit der Regierung unbedingtes Vertrauen hätte (!) und es sich im Uebrigen aus Patriotismus versagen mäste, in die Angelegenheit einzugreifen. Einem Antrag, den Minister zur Veröffentlichung der Prozeßakten aufzufordern, wurde nicht Zustimmung gegeben. In der Kammer brachte der jüdische Deputirte Fonld eine schwachmüthige, überdies mit Thiers vorher abgekartete Interpellation ein, die natürlich mit einem vollen Sieg des Ministers endete. Die französische Presse, im Gegensatz zur deutschen jener Zeit frei von jeder behördlichen Bevormundung, zeigte auch damals jene betrübenden Charakterfehler, die von jeher allen Anhängern der Censur eine der stärksten Waffen in die Hand gedrückt haben, und die auch heute den Feinden der Freiheit zum Angriffsmittel dienen müssen. Die Pariser Journalistik war, was sie heute ist, die ergebene Magd, nicht die Leiterin der öffentlichen Meinung, und da diese, von chauvinistischem Dunst und sakramentalem Weihrauch umnebelt, sich für die Schuld der angeklagten Juden und gegen eine Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens anssprach, so mußten auch die Zeitungen in das gleiche Horn stoßen. Die Liberalen thaten dies wenigstens mit dem Vorbehalt, daß zwischen den orientalischen und occidentalischen Juden unterschieden werden müsse, während der von den Jesuiten dirigirte „Univers" allen Ernstes die Blutbeschuldigung auch gegen die französischen Israeliten schleuderte. Nach der Theorie derjenigen Legitimisten, die heute pharisäisch den imperturbabeln Herrn Faure schmähten und aus dessen Gleichgiltigkeit die Inferiorität des republikanischen Systems herleiten wollen, hätte wenigstens Louis Philipp das mit Füßen getretene Recht schützen muffen. Wir wissen jedoch, daß das Herz dieses Parapluiekönigs nur durch starte Schwankungen der damals viel „gefragten" Lyoner Eisenbahnakticn zu erschüttern war. Wirklich mit Energie handelnd traten außer dem österreichischen Konsul nur zwei Männer ein, der englische Philanthrop Moses Montefiore und der schon durch seine Plaidoyers für die St. Simonisten wohlbekannte Advokat Adolphe Crömieux. Daß sofort gegen beide Männer, namentlich gegen den Letzteren, von pfäffischer Seite die gehässigsten Verleumdungen verbreitet wurden, versteht sich von selbst. Da von den europäischen Staatsmännern Lord Palmerstone den französischen Aspirationen am schärfsten entgegengetreten war, so galt Cremieux nach geheiligter Tradition für einen Agenten Englands, er, deffen lauterer Patriotismus heute nach seinem mannhaften Widerstand gegen den Staatsstreich vom 2. Dezember wie durch seine Theilnahme an der Regierung der nationalen Vertheidignng außer allem Zweifel steht. Desgleichen wurde auch fleißig von dem bewährten antisemitischen Rezept Gebrauch gemacht, christliche Vertheidiger der Humanität als Juden oder jüdische Abkömmlinge zu verdächtigen, wie dies namentlich mit dem österreichischen Generalkonsul Laurin, der sich der bedrängten Juden annahm, geschah. Die nächste Folge war, daß sich Frankreich moralisch und politisch isolirte. Moralisch, indem es die Sympathien, die es von der großen Revolution her bei allen Bekennern der Demokratie besaß, leichtfertig vergeudete; politisch, indem trotz aller Ränke die ehrgeizigen Pläne des Ministers von den vereinigten Großmächten vereitelt wurden. Jener hatte seine Karten zu früh aufgedeckt und damit die Zweideutigkeit seines Spiels verrathen. Denn während er einerseits die Damaszener Greuel zu beschönigen trachtete, um damit die beanspruchte Suprematie Frankreichs über die lateinischen Christen des Ostens zu befestigen, ließ er doch die von Mehemed Ali schwer bedrängten christlichen Maroniten, die noch von den Kreuzzügen her unter französischem Protektorat standen, leichtherzig im Stich, um die Empfindlichkeit seines syrischen Bundesgenossen nicht zu verletzen, deffen er sich als eines Sturmbocks gegen England zu bedienen hoffte. Ja, er war es, der Mehemed am nachdrücklichsten in seinem aufrührerischen Unternehmen gegen seinen rechtmäßigen Herrn, betr Sultan, unterstützte. Dieses»Doppxlspiel öffnete endlich den europäischen Großmächten die Augen. Trotz des französischen Einspruchs nahmen sich dieselben des bedrängten Sultans an und zwangen nach dem Bombardement von Beirut Mehemed Ali zum Frieden. Damit war auch die Thiers'sche Ministerherrlichkeit, die mit den orientalischen Händeln aufs Innigste verknüpft war, besiegelt. Schon am 21. Oktober deffelben Jahres reichte er seine Entlassung ein, zum Glück für die Ruhe Deutschlands, das der verwegene Mann mit Krieg bedroht hatte. Ein großer deutscher Dichter schrieb während der Damaszener Vorgänge in seinen Berichten an die „Augsburger Allg. Zeit.": „Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Bastonaden- und Torturapparate zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden, denn beide Sekten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen und freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit giebt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es einmal des Paschas Vortheil sein wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten braucht, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen, Gott weiß, wessen! Heute Hammer, morgen Amboß!" War Heine ein Prophet? Ach, er war, wie er selbst in scherzender Resignation beklagt: „nur ein Dichter". Und doch muß man hier, wie in anderen Fällen die kühne Voraussicht des deutschen Aristophanes bewundern, deffen Warnung gar zu bald sich erfüllen sollte. Nur zwanzig Jahre darauf war daffelbe Damaskus Schauplatz einer Christenabschlachtung, gegen die die vorhergehende Judenverfolgung nur als eine harmlose Schäferidylle erscheinen mußte. Das blutige Gemetzel von 1860 war die rothgeschriebene Rezension des Trauerspiels von 1840.