Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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273 toleranteren Senats überwog, so unheilvoll auf die Lage der Juden einwirkte. Glückels Denkwürdigkeiten zeigen uns aber nicht blos ihr klares, sicheres Urtheil über die sie umgebenden Dinge; sie enthalten auch eine Fülle thatsächlichen Materials, durch das unsere Kenntniß der äußeren Geschichte der Juden und ihres Kulturzustandes in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts eine außerordentliche Bereicherung erfährt. Namentlich wird das Bild von dem Leben der Juden tu Hamburg und Altona zu dieser Zeit durch Glückels Darstellung in mannigfacher Beziehung vervollständigt. Sie giebt uns genaue Kunde von den ersten Einwanderungen mitteldeutscher Juden — meist aus dem Lippe'schen — nach Altona, das damals noch (1641) unter der Herrschaft der Grafen von Schauenburg stand, von dem heimlichen Vordringen einzelner dieser Altonaer Judenfamilien nach Hamburg und den mannigfachen Fährnissen (Austreibung von 1649, Schwedennoth 1657, Verfolgungen durch die Geistlichen rc.), die sie hier durchzumachen hatten. Besonders reich an spannenden Details ist die Schilderung .ihrer Erlebnisse während des Pestjahres 1664/65, in welchem sie und die Ihren außerhalb Hamburgs mancherlei Schweres erfahren mußten. Ueber die Sabbatianische Bewegung, die gerade in Hamburg, in der portugiesischen wie in der deutschen Gemeinde, während der 60er Jahre' sehr hohe Wellen trieb, weiß sie ihre Beobachtungen in sehr anziehender Weise mitzutheilen. Auch verdanken wir ihr intereffante Aufschlüsse über einen sonst nur andeutungsweise bekannten Mordprozeß, der im Jahre 1687 gegen einen Hamburger Gastwirth wegen der Ermordung zweier Juden eingeleitet wurde und zur Hinrichtung des Mörders führte. Der bei Weitem größte Theil dessen, was Glückels Lebenserinnerungen uns schildern, spielt sich auf dem Boden ihrer Vaterstadt Hamburg ab, für die sie trotz allen Druckes, unter dem die Juden damals hier zu leiden hatten, eine rührende Liebe und Anhänglichkeit zeigt. Aber abgesehen von ihrem kurzen Aufenthalt in Hameln, der Heimath ihres ersten Gatten, und ihrer in späteren Lebensjahren erfolgenden Uebersiedelung nach Metz, wo sie die letzten 24 Jahre ihres Lebens zubrachte (1724), hat sie durch die Heirathen ihrer Kinder und durch ihre weitverzweigten Familien- und Freundschaftsbeziehungen mit vielen anderen Gemeinden Deutschlands und angrenzender Gebiete des Auslandes Verbindungen angeknüpft. Ueber manche Vorgänge und Persönlichkeiten an diesen Orten bieten die Memoiren viel Neues und Wiffenswerthes, und sie werden fortan (wie der Herausgeber mit Recht hervorhebt) für die Geschichte der Juden in vielen Gegenden Deutschlands als Werth volle Quellenschrift zu benutzen sein. Die reiche Ausbeute, die die Kaufmann'sche Edition dem Historiker bietet, wird durch die beigefügte, aus derselben Zeit stammende Gans-Megilla (die Aufzeichnungen des Phoebus Gans aus Minden) sowie durch die Notizen von Samuel den Meir Hekscher über den oben erwähnten Judenmord noch vermehrt. Zu der Verwerthung des in dem Buche aufgespeicherten historischen Materials hat der Herausgeber selbst durch seine ebenso klare wie gründliche und darum vorzüglich orientirende Einleitung die Wege gewiesen. Namentlich hat er hierin das Leben der Verfasserin in kurzen, knappen Zügen zusammengefaßt und die Weiterentwickelung der zahlreichen Sprossen des Stammes Hameln bis in die nächsten Generationen hinein verfolgt. Sprachliche lind sachliche Erklärungen unter dem Text sowie ein sorgfältiger Index der Personennamen erhöht den Werth der Ausgabe, für deren Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Name des gelehrten Herausgebers bürgt. Einzelne Jrrthümer, die bei dem großen Werk mit untergelaufen sind, rühren Meist aus der Verkennung lokaler Anspielungen her. Ich erwähne nur, daß Seite 30 n. 1 offenbar die noch jetzt in Holstein bekannte Meffe „Kieler Umschlag" (nicht ein Ort Kellerumschlag) gemeint ist; Seite 190 n. 2 möchte ich lieber den Koch „von Texeira" (ausgesprochen Teschera) als den eines sonst unbekannten Gasthauses „die Scheere" alis den hebräischen Schriftzeichen herauslesen. Das große Verdienst, das der Herausgeber sich durch die Auffindung und Veröffentlichung dieser „Memoiren" erworben hat, wird übrigens auch außerhalb der Fachkreise gebührend gewürdigt werden. Durch ihren feffelnden Inhalt und ihre liebenswürdige Erzählungsweise werden sich die Aufzeichnungen Glücke! Hamelns in allen den Kreisen, die den Erscheinungen jüdischeil Lebens wirkliches Jnterefle entgegenbringen, zahlreiche Freunde erwerben. Jeder, dem die Kenntniß der Sprache und Schrift unserer Altvordern noch nicht entschwunden ist, besonders jede denkende Jüdin, die das Buch zu lesen versteht, wird mit Befriedigung den Erzählungen der geist- und gemüthvollen Verfafferin lauschen und aus den inneren und äußeren Erlebniffen dieser in mancher Beziehung typischen und doch wieder so eigenartigen jüdischen Frau mannigfach Anregung für die Betrachtung des Lebens unserer Tage schöpfen. Antisemitismus uns Staatsraifon unter der Intimonurchie. Von Dr. M. Freudenberger in Nürnberg. f ie trübseligen Ereignisse, deren Schauplatz Paris und Frankreich in den letzten Monden gewesen sind, frischen die Erinnerungaufan eine Episode ausderZeit des Bürgerkönigthums, wo ebenfalls ein skrupelloser Chauvinismus sein Brennusschwert in die Waage der französischen Themis schleuderte und ebenfalls die vergänglichen Ansprüche einer kalten Staatsraifon den ewigen Grundsätzen der Gerechtigkeit geopfert werden sollten. Der seit dem 1. März 1840 wieder zur Macht gelangte Thiers, von Haus aus Freidenker und nach seiner Vergangenheit entschiedener Liberaler, hatte die Gambettistische Regierungsmaxime vorweggenommen, wonach der Antiklerikalismus kein Ausfuhrartikel sei. Aus diesem Grund bediente er sich unbedenklich der katholischen Missionen, um durch sie festen Fuß im Orient zu fassen, indem er damit die schon von Napoleon gehegten ehrgeizigen Pläne in Bezug Aegyptens und Syriens zu verwirklichen hoffte. Dies geschah unter Zustimmung und zum Entzücken desjenigen Flügels der französischen Ultramontanen, der unter der Führung des geschmeidigen und gewiffenlosen Grafen Montalembert, seinen Frieden mit der Julimonarchie gemacht hatte. Die mysteriöse Ermordung eines Kapuzinermönchs, des Pater Thomas in Damaskus, sollte bald die bitteren Früchte dieses widernatürlichen Bündniffes zur Reife bringen. Der französische Konsul in jener Stadt, Ratti-Menton, ein ergebenes Werkzeug der Ralliirten, im Uebrigen mehrfacher Bankrotteur und ,Charakterlump, entblödete sich nicht, das Märchen vom Ritualmord wieder aufznwärmen und die Damaszener Juden deffelben zu beschuldigen. Eine Brochüre, die er zu diesem Behuf unter dem Pöbel von Damaskus verbreitete, hatte die Gluth des Fanatismus zur helllodernden Flamme entfacht und schließlich die Anfangs gleichgiltige türkische Regierung veranlaßt, ihre Marterwerkzeuge gegen die angeschuldigten Israeliten in Bewegung zu setzen. Auf die Folter gespannt, gestanden auch die Gepeinigten, was man gerade wollte, nämlich daß fie bei der Bereitung der Osterfladen dringend einigen Christenblutes benöthigt und zu diesem Zweck den unglücklichen - ::i :i :;i j?; k I