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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-10 · Heft 23 (10.6.1898) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
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272 urtheilen, ihre innige Anhänglichkeit an ihre Glaubensgenoffen, ihr herzliches Mitgefühl für die Leider Anderer — alles dieses kommt so recht jmb voll nur in der Originalsprache ihres Buches selbst zur Geltung. Unmittelbar, wie ihre eigenen Laute zu unserem Herzen dringen, offenbart sich uns aufs Schönste das reiche Gemüths- und Geistesleben sowie das energische Wirken dieser hochbegabten Frauennatur, und zwar um so natürlicher und wahrer, als sie selbst weit entfernt davon war, ihre anspruchslosen Blätter für die Nachwelt zu bestimmen. Sie schreibt ausschließlich für ihre Kinder, um die Erfahrungen ihres Lebens festzuhalten, und wenn nicht die Liebe und Verehrung des Sohnes für eine Abschrift gesorgt und die Pietät der Enkel diese als einen werthvollen Schatz behütet hätte, so wäre von allem, was diese edle Frau gethan und gelitten, was sie gedacht und empfunden, nichts auf uns gekommen. Der Drang, ihre Erlebniffe aufzuzeichnen, erwachte in ihr nach dem Tode ihres ersten Gatten, Chaim Hameln, mit dem sie fast 30 Jahre reinen, ungetrübten Glückes (das erste Jahr in Hameln, die übrige Zeit in ihrer Vaterstadt Hamburg) verlebt hatte. Die Sorge für ihre zahlreichen Kinder, von denen acht damals noch unmündig waren, lastete schwer auf ihren« Herzen, während sie die uinfangreichen Geschäfte des verstorbenen Gatten unter ihrer alleinigen Verantwortung weiterzuführen hatte. Da fühlt sie oft in thränenvollen Nächten das Verlangen, ihr Leid und ihre Klagen auszuströmen in die verschwiegenen Blätter, die nur ihren Kindern dereinst vor Augen kommen sollten; sie sucht sich (in echt Goethe'scher Art!) von den „melancholischen Gedanken" loszuringen, die sie bewegen, indem sie ihre Erlebniffe in sich verarbeitet und dann niederschreibt. Mehr und mehr gestaltet sich in ihr ein fester schriftstellerischer Plan: „So viel mir bewußt und so viel es sich thun läßt, (will ich beschreiben) von meiner Jugend an, «vas mir noch eingedenk ist, was passtrt ist..." (Seite 21.) Sie nimmt sich vor, dieses Programm „in 7 kleinen Büchlein" (Seite 23) durchzriführen: ein Plan, der dann schließlich auch — freilich in etwas anderer Art, 'als sie am Anfang gedacht hatte — vollständig verwirklicht wurde. (Die 2 letzten Bücher der uns vorliegenden Aufzeichnungen Glückels sind in einer viel späteren Periode ihres Lebens hinzugefügt, als sie nach mehr als zehnjähriger Wittwenschaft ihrer Vaterstadt den Rücken gekehrt und in einem zweiten, zu Metz geschloffenen Ehebunde schwere, traurige Enttäuschungen erfahren hatte.) Ihre Ankündigung verheißt uns eine Darstellung eigener Er-, lebniffe und Erinnerungen, und wer ihre einfache, treuherzige Schilderung liest, erkennt darin das ehrliche Bestreben, die Resultate eigener Wahrnehmungen oder zuverlässiger Mittheilungen von Augenzeugen getreu wiederzugeben. Es kommt wohl vor, daß ihre Erinnerung sie bei Einzelheiten im Stich läßt, daß sie namentlich in Zahlen (die man ja immer als die schwache Seite der Frauen betrachtet) auffallende Jrrthümer begeht. (So giebt sie z. B. die Zeit ihrer Wittwenschaft, die ihr ja erklärlicherweise etwas länger erschienen sein mag als in Wirklichkeit, auf 14 Jahre an, während aus den von ihr selbst mitgetheilten genauen Daten des Todestages Chaim Hamelns und des Tages ihrer Wiederverheirathung hervorgeht, daß zwischen beiden nur 11 Jahre verstrichen sind.) Andererseits läßt ihre echt weibliche Vorliebe für Glanz und Festespracht sie bei der Schilderung der Details eines Hochzeitsfestes (wie z. B. der berühmten Hochzeit im Hause des Elias Gompertz in Cleve 1074, an der der nachmalige König Friedrich I. von Preußen und andere vornehme Persönlichkeiten Theil nahmen) oder sonstiger Festveranstaltungen oft recht lange verweilen. Aber wenn auch ihre Darstellung sich an solchen Stellen zu großer Lebhaftigkeit und zu großem Schwünge erhebt, so macht es doch keineswegs den Eindruck, als ob die Verfafferin durch Jneinanderweben von Dichtung und Wahrheit ihre Erlebniffe interessanter habe gestalten wollen. . Die Absicht, sich selbst beim Schreiben und ihren Kindern, die ihre Aufzeichnungen lesen würden, bei der Lektüre einige Kurzweil zu bereiten, ist ihr allerdings nicht fremd. Aber diesem Zwecke dienen ausgesprochenermaßen die häufig eingeschobenen, meist sehr phantastisch ausgeschmückten moralischen Erzählungen, die sich deutlich von den geschichtlichen Partien ihres Buches abheben. In diesen Exkursen, die ihrem Hauptinhalt nach jüdisch-deutschen Erbauungsbüchern, wie zum Beispiel dem deutschen Brandspiegel, entnommen sind, läßt sie wohl manchmal ihrer Phantasie ein wenig die Zügel schießen und weiß die Gestalten Alexanders des Mazedoniers, des Krösus und des weisen Solon, Karls des Großen und der Kaiserin Irene, des guten Königssohnes und seiner treulosen Freunde u. m. a. dem Leser recht lebhaft nahe zu bringen. In der Darstellung des Thatsächlichen aber ist sie so wenig bestrebt, die bloße Neugier zu befriedigen, daß sie oftmals, zumal wo sie etwas Tadelnswerthes erwähnt, die Namen der betreffenden Personen schonend verschweigt. Ueberhaupt hat sie keine Freude an den Fehlern der Nebenmenschen; dem Laster der bösen Zunge, das ungerechte Beurtheiler so oft als eine spezifische Eigenthümlichkeit der Hamburger betrachten, hat diese Hambnrgerin sich niemals ergeben. Selbst von Personen, die ihr und ihrem Gatten offenbares Unrecht gethan haben (wie z. B. von dem später so reich und berühmt gewordenen Hofjutvelier des großen Kurfürsten. Jost Liebmann) urtheilt sie milde oder doch wenigstens zurückhaltend, indem sie immer noch die Möglichkeit offen läßt, daß die böse Absicht gefehlt habe. Aber bei aller Zurückhaltung, die sie sich auferlegt, erkennt man doch ihr scharfes, durchdringendes Urtheil über die Personen und Verhältnisse ihrer engeren und ihrer weiteren Umgebung. Sei es, daß sie über Familienangelegenheiten oder über Vorgänge des geschäftlichen Lebens berichtet, sei es, daß sie .die äußere Lage der Juden oder die inneren Zustände der Gemeinden in Hamburg oder an einem fremden Platze, sei es endlich, daß sie die hohe Politik in den Kreis ihrer Betrachtung zieht: überall erweist sie sich als eine kundige Beobachten» des Lebens, zeigt sie reges Interesse und tiefes Verständniß für die kleinen und großen Sorgen der Einzelnen wie der Gesammtheit. Wie klug und treffend urtheilt sie (um ein Beispiel herauszugreifen) über das Verhältniß der beiden Großmächte Schweden und Dänemark unmittelbar nach dem Kriege von 1657! Sie erzählt uns, wie durch das Erscheinen holländischer Kriegsschiffe im Sund „ein Loch in die Milchoinoh gemacht" und der Friede zwischen den beiden Mächten wicderhergestellt wurde, rind fügt dann mit großer Sachkenntniß hinzu: „Aber Dänemark und Schweden sind sich nimmer gut; wenn sie auch befreundet sind und sich mit einander verschwägern, so picken sie doch immer Einer auf den Anderen." (Seite 27/28.) Oder wie klar erkennt sie den tieferen Grund der Verfolgungen und Chilenen, denen die deutschen J«>den in Hamburg zu ihrer Zeit ausgesetzt waren!. Nachdem sie in herzbewegenden Worten geschildert, unter welchen Drangsalen ihre — nur stillschweigend vom Senate geduldeten — Glaubensgenoffen zu gemeinsamem Gottesdienste zusammenkamen, wie sie bald, von fanatischen Geistlichen verfolgt, sich gezwungen sahen, ihre Andachten in Altona abzuhalten, bald wieder, wenn der Verfolgungseifer erlahmte, es von Neuem wagten, „in ihre Schülcher zu kriechen", bemerkte sie bitter: „So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag (es war uin 1620, als sie diese Worte schrieb), und ich fürchte, daß es immer so bleiben wird, so lange die Bürger in Hamburg regieren" (S. 27). Es entging ihr also nicht, daß der Einfluß der „erbgeseffenen Bürgerschaft", der zu jener Zeit den des

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