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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-10 · Heft 23 (10.6.1898) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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271 These I (Dr.Aluerbach): 1. Was die Halacha bei dem Befunde des geschächteten Thieres als trese erklärt, kann durch den Nachweis der Beterinärkunde, daß das Fleisch der Gesundheit nicht nachtheilig ist, durchaus nicht für koscher gelten. Dagegen muß auch, was nach der Halacha als koscher zu betrachten ist, für unerlaubt zum Genuß erklärt werden, sobald es die Beterinärkunde für gesundheitsschädlich bezeichnet. 2. Wenn es auch wünschenswerth erscheint, daß die Rabbiner und Schochtim Kenntnisse in der Beterinärkunde besitzen, so kann dies doch nicht als eigentliche Forderung aufgestellt werden, weil bei den bestehenden Verhältnissen die Ausbildung in der Disziplin kaum zu ermöglichen ist. Die Schochtim sollen angewiesen werden, die Koscherzeichen erst anzulegen, nachdem der Thierarzt oder Schlachthausbeamte das Fleisch bezüglich des Eingeweides für gesund erklärt hat. These II (Dr. Gronemann): 1. Beterinärwissenschaft und Halacha verfolgen bei der Untersuchung der geschlachteten Thiere nicht die gleichen Zwecke. Die Veterinär- Wissenschaft verfolgt einen sanitären Zweck, indem fle dasjenige beanstandet, dessen Genuß für den Menschen lebensgefährlich, der auch nur gesundheitsgefährlich werden-kann. Die Halacha verfolgt lediglich einen sittlich-religiösen Zweck und versteht unter trefeneu Thieren die, welche mit tödtlich en Krankheiten behaftet sind, unbekümmert darum, ob ihr Genuß Leben oder Gesundheit gefährden kann. Der gesundheitliche Schutz, den die rituelle Untersuchung bietet, ist nicht ihre eigentliche Bestimmung, sondern die sich daraus ergebende Folge. Die Ergebnisse beider Untersuchungen können stch deshalb auch nicht vollständig decken und die eine die andere ersetzen. 2. Veterinärwifsenschaft und Halacha schlagen ihrem verschiedenen Charakter gemäß auch verschiedene Wege in der Untersuchung ein. Der Weg der ersteren ist der der sachwissenschaftlichen Methode, der Weg der letzteren ist derjenige, auf den der natürliche Verstand leitet, der auch dem Laien zugänglich und der. zugleich unabhängig ist von den wechselnden wissenschaftlichen Anschauungen. Gleichwohl ist die rituelle Untersuchung nach den bei ihr geltenden Grundsätzen ausreichend und zweckentsprechend, um dem Genuß das zu entziehen, was im Sinn der Halacha für trefe zu erachten ist. 3. Dem Charakter der rituellen Untersuchung entsprechen auch die dazu angewandten Mittel. Dieselben können, ohne diesen Charakter zu beseitigen, nicht durch andere ersetzt werden, und ist deshalb auch das Aufblasen der Lunge nicht entbehrlich. Dagegen soll aus hygienischen und ästhetischen Gründen das Aufblasen nicht mit dem Munde, sondern mit einem Blasebalg erfolgen. 4. Veterinärkunde und Halacha können und sollen neben einander einhergehen. Die Halacha beschäftigt stch mit dem Gebiete dessen, was als trefe zu bezeichnen ist, und überläßt das Gebiet des Lebensgefährlichen oder Gesundheitsschädlichen der Beterinärkunde, erkennt aber doch auch dieses Gebiet an und bezeichnet das Gefahrbringende, auch wo es nicht unter den Begriff von trefe fällt, als verboten. Es kann deshalb Vorkommen, daß dasjenige, was vom Standpunkt der Halacha erlaubt ist, vom Standpunkt der Beterinärkunde beanstandet pürd, gerade so wie das Umgekehrte. Ein Ausgleich läßt sich in dieser Hinsicht vom Schächter auch durch die Erwerbung von thierärztlichen Kenntnissen nicht erreichen, ist aber auch bei der Verschiedenartigkeit beider Untersuchungen nicht erforderlich. Immerhin ist zu empfehlen, koscher befundene Thiere erst nach stattgehabter Untersuchung als solche zu bezeichnen bezw. mit dem Stempel zu versehen. Im Laufe das Tages wurden auch die Namen der zum Centralausschuß gewählten Herren und deren Ersatzmänner bekannt gegeben. Es find dies die Herren Dr. Auerbach-Halberstadt, Guttmann-Breslau, Maybaum - Berlin, Werner - München, Horovitz - Frankfurt, Prager- Cassel, Frank-Köln, Gronemann-Hannover, Kopsstein-Beuthen, Vogelstein-Stettin, Salfeld-Mainz, Munk-Marburg, Rahmer-Magdeburg, Winter-Dresden und Plaut-Frankfurt; und als Ersatzmänner die Herren Dr. David-Düsseldorf, Appel-Karlsruhe, Rülf-Braunschweig, Silberstein- Wiesbaden und Cohn-Ansbach. In seiner Schlußrede führte Herr Dr. Maybaum noch einmal das Wichtigste der erledigten Tagesordnung vor und gab seiner Freude über den Verband Ausdruck, der durch die Zusammenfassung aller Kräfte ein Instrument der Einheit und des Friedens für unsere Glaubensgemeinde im Innern und eine scharfe Waffe der Abwehr gegen die Feinde nach außen sei. Bei einmüthigem Streben und Wirken werde Gott auch zu dem Willen die Kraft geben, so daß stch erfüllen werde das Wort des Psalmisten: „Da die Fülle des Friedens einet die Freunde der Thora, so trifft fle allesammt keinerlei Unheil!" Nach einem von Dr. Frank-Köln ausgebrachten Hoch auf den Gesammtvorstaud, in welches die Versammlung begeistert einstimmte, wurden die Verhandlungen geschlossen. Air Memoiren einer Sambnrger Jüdin im Zeitalter des großen Kurfürsten. Von Dr. A. Feilchenfeld in Hamburg. fie Geschichte Israels ist nicht arm an bedeutenden Frauengestalten, die durch Heldeumuth der That oder des Leidens über ihre Stammesschwestern hervorragten. Aber die Helden und Heldinnen in ihrer einsamen Höhe lehren uns nicht das Leben und de» Kulturzustand des Volkes kennen, dem sie angehören. Um neben den führenden Geistern auch die größere Gesammtheit zu ihrem Rechte kommen zu lassen, darf die jüdische Geschichtsforschung (wie die moderne Geschichtsbetrachtung überhaupt seit Buckles Tagen) die Lebensäuberungen solcher Kreise nicht vernachlässigen, die mitten im Leben ihres Volkes stehen und sich über den Durchschnitt der Intelligenz und der Lebensführung ihrer Gemeinschaft nicht allzu sehr erheben. Unsere bis jetzt sehr lückenhafte Kenntniß von dem sozialen Leben der Juden und insbesondere dem der jüdischen Frauen wird durch ein Werk der Frauenlitteratur des 17. Jahrhunderts, das Professor Dr. D. Kaufmann kürzlich der Vergessenheit entrissen hat, in dankenswerther Weise bereichert. Die Memoiren der Glücke! Hameln') (das „von" vor dem Familiennamen möchte ich lieber weggelafsen sehen, da es eine unrichtige Vorstellung von der Heimath der Verfasserin erwecken könnte) sind hauptsächlich nach einer Handschrift der Merzbacher'schen Bibliothek in München herausgegeben, die — wie auf dem Titelblatt dieser Handschrift vermerkt steht — von einem Sohn Glückels Wort für Wort von der ihm vorliegenden Urschrift der Verfasserin abgeschrieben war. Statt der jüdisch-deutschen Kurrentschrift dieses Manuskripts (und einer zweiten, ebenfalls zu Rathe gezogenen, minder vollständigen Handschrift in Frankfurt a. M.) sind in der Ausgabe Kaufmanns die bekannteren Buchstaben der hebräischen Quadratschrift verwendet. Zu einer Wiedergabe des ganzen Werkes in deutscher Sprache und in deutschen Schriftzeichen hat sich aber der gewissenhafte Herausgeber (obwohl die Versuchung nahe lag. dem Buch dadurch einen größeren Leserkreis zu erwerben) nicht entschließen können. Er hat sich mit Recht gescheut, diesen Aufzeichnungen, die durch vielfach eingestreute Eitate aus Bibel und Midrasch und durch viele einzelne Worte und Wendungen oft aus der jüdisch-deutschen in die rein hebräische Sprache übergehen, durch eine Uebersetzung den eigenthümlichen Reiz des Originals zu nehmen, „den Reif von den Früchten, die Farbe von den Schmetterlingsflügeln wegzuwischen". In der That kommt die ganze Gemüthstiefe der Verfasserin, ihre liebenswürdige Art, sich zu geben sind die Mitmenschen zu bc- ') Die Memoiren der Glücke! von Hameln (1645- 4719), herausgegeben von Professor Dr. David Kaufmann. (Frankfurt a. M. I. Kauffmann 1896.)

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