Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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den Juden die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie allen anderen Bürgern belassen; aber unter Nr. 120 des Katechismus versichert Herr Naumann, „daß die Israeliten ein anderer Stamm sind als die Deutschen", und daß der Gegensatz zwischen Deutschen und Israeliten nur zu überwinden sei, wenn die Juden deutsche und christliche Denkweise annehmen. Die Frage 264 lautet: „Wollt ihr auch die' Israeliten zur Mitarbeit hinzuziehen?" Antwort: „Wir wollen es thun, sobald sie national-sozial denken und dem Christenthum nicht feindlich gegenüberstehen." Nummer 128: „Was für ein Geist soll im Deutschen Reiche walten? Ein gerechter, freier, deutscher christlicher Geist." „lieber derlei Platte Allgemeinheiten und hohle Phrasen werden denkende Wähler die Achseln zucken." So urtheilt ein gut protestantisches Blatt über die Fragen des Herrn Pastors Naumann. * Wohin die konsequente Orthodoxie führt, das kann man jetzt in Ungarn sehen. Dort ist das Judenthum nicht nur emanzipirt, sondern völlig gleichgestellt. Und doch muß sich jetzt die ungarische Orthodoxie seitens der Regierung eine derbe Zurechtweisung wegen ihres Bildungshasses gefallen lassen. Sie hat nämlich gegen die Wahl eines streng orthodoxen Predigers in Miskolcz intriguirt, weil dieser auch — allgemeine Bildung besaß. Ein Erlaß des Kultusministers Dr. Wlassics erledigt diese Angelegenheit. Er lautet: „Wie ich mich aus den Akten überzeugt habe, entspricht es nicht der Thatsache, daß der gewählte Dr. Salamon Spira vom Budapester Rabbinerseminar sein Rabbinatsdiplom erworben hätte. Andererseits hat der genannte Prediger eine dahin gehende Erklärung abgegeben, daß er sich in seiner Thätigkeit stets vom orthodoxen Geiste leiten lassen werde. In Berücksichtigung dieser Hauplmomente konnte ich mich bei Beurtheilung dieser Sache nicht der Erkenntniß verschließen, daß es sich bei der Anstellung eines ungarischen Predigers in der orthodoxen israelitischen Gemeinde zu Miskolcz um eine solch patriotische That handelt, welche die wirksamste Unterstützung der Regierung verdient. Ich will den Patriotismus der orthodoxen Jüdenheit im Allgemeinen nicht in Zweifel ziehen, ja, ich muß sogar bereitwilligst anerkennen, daß auf diesem Gebiet besonders unter der gegenwärtigen Leitung eine we sentliche Besserung wahrnehmbar ist. Inder am 19. und 20. d. Mts. abgehaltenen orthodoxen Rabbinerkonferenz wurde jedoch— wohl wahr,daß sich die besonneneren Elemente dem widersetzt haben — selbst darüber verhandelt, ob es nicht nothwendig wäre, gegen die Aneignung höherer Bildung seitens der Rabbiner ein religiöses Verbot l„Jssur") auszusprechen. Dieser betrübenden, symptomatischen Erscheinung gegenüber erheischt es das Interesse der Staatsmacht, daß jenes Streben, wonach ein patriotisch gebildeter Rabbiner angestellt werde, besonders dort, wo man sich bemüht, dies mit Androhung der Zweispaltung der Gemeinde zu vereiteln, mit allen Mitteln gefördert werde. Indem ich, all dies in Betracht ziehend, die gegen die überdies statutengemäße und mit erdrückender Majorität ganz rechtmäßig vollzogene Wahl des Dr. Salamon Spira znm Prediger überreichten Beschwerden nicht der Berücksichtigung werth finde, fühle ich mich nicht veranlaßt, die gegen die Installation erbetenen Maßregel» in Anwendung bringen zu lassen." * Die antisemitische Gruppe in der französischen Kammer hat sich jetzt auch , konstituirt. Sie zählt bisher 21 Mitglieder, darunter 10 „reine" Antisemiten: Drumont, Morinaud, Faure, Marchall, Gervaise, Ferrette, Millevoye, Lazins, Massabuau, Daube, Th. Denis, General Jacquey. Der offizielle Name ist „Croupe nationalste et antijuif“ und bezeichnet deutlich geuug die Tendenzen der Gruppe. Der erste Schritt in der Oeffentlichkeit war die gemeinsame Danksagung an Rochefort und Judet, den Redakteur des weit verbreiteten „Petit journal“, für die im Wahlkampf geleistete Hilfe. Der zweite Schritt soll eine Kollektivvorstellung bei dem Minister des Innern sein, um die Freilassung der wegen der Exzesse gegen die Juden in Algier Jnhaftirten, besonders die von Max Regis, zu erwirken. Die Gruppe ist erheblich stärker, als Freund und Feind angenommen, weil eine Anzahl Monarchisten wie Denis. General Jacquey rc. sich ihr angeschlossen haben, währen Deronlede, Cavaignac und Andere sich noch fernhalten, obwohl sie eigentlich zu dieser Fraktion gehören. Die neu gewählten antisemitischen Deputirten von Algier veröffentlichen übrigens eine Proklamation, in der sie ihr Programm auseinandersetzen. Sie verlangen nicht weniger als folgende 5 Punkte: 1. Aufhebung des Ediktes Cremieux, 2. Ausschluß der Juden von allen bürgerlichen und militärischen Aemtern. 3. sofortige Freilassung von Max Regis, 4. Abberufung des ihnen nicht genehmen Gouverneurs Lepine, 5. Amnestie für alle bei den Judenrevolten begangenen Vergehen. Die Deputirten erklärten, gewiß zu sein, daß sie diese ihre Forderungen durchsetzen werden. Unmöglich ist es leider nicht! £ Zunr zweiten Male ist Oskar S. Strauß in New-Iork zum amerikanischen Gesandten bei der Pforte ernannt worden. Er verdankt diese Ernennung nicht blos seinem großen staatsmännischen Talent, sondern wesentlich auch seinem religiösen Bekenntniß. Den Muhamedanern erscheint der Jude als der geeignetste Vermittler zwischen ihnen und den Christen. Es ist aber zugleich ein Beweis von der großen Toleranz, die — in Amerika und in der Türkei herrscht, daß bereits zum zweiten Male ein Jude als diplomatischer Vertreter der Vereinigten Staaten nach Konstantinopel geschickt wird. Auch der amerikanische Generalkonsul in Rumänien war früher ein Jude, Benjamin Peixotto. Es ist noch in Aller Erinnerung, mit welcher Energie dieser vortreffliche, leider zu früh durch den Tod abberufene Diplomat sich seiner unglücklichen Glaubensgenossen in jerkem Lande angenommen hat. Auch Oskar Strauß ist ein treuer und begeisterter Jude; er gehört zu den eifrigsten Mitgliedern der jüdisch-historischen Gesellschaft in Amerika und nimmt an allen das Judenthum betreffenden Angelegenheiten lebhaften und warmen Antheil. Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Aentschland. Erster Verhandlungstag. Bildung des Büreaus erhielt zunächst der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Herr Justizrath Meyer, das Wort. Vorstand und Repräsentanten der Berliner Gemeinde, so führte er aus, haben es sich zu allen Zeiten angelegen sein lassen, die Religiosität innerhalb der Gemeinde zu verbreiten und den Jndifferentismus zu bekämpfen. Die Berliner Gemeinde sei allen Bemühungen auf religiösem Gebiete mit größter Aufmerksamkeit gefolgt und habe es zu allen Zeiten als ihre Aufgabe betrachtet, für jüdische Interessen entweder anregend oder mitwirkend einzutreten. Dieses Bestreben könne nur durch die Berathungen des Rabbinerverbandes noch gefördert werden. Es sei ein großes Werk gewesen und ein kühner Entschluß, die Bereinigung der Rabbiner so zu reorganisiren, wie es geschehen sei. Aus dem Zusammenstoß der Meinungen gehe nach einem Worte Voltaires die Wahrheit hervor. Die gemeinsamen Angelegenheiten, welche die Tagesordnung zeige, seien so vielseitig, daß fürs Erste der Zwiespalt nicht in Betracht kommen könne. Er finde den Schwerpunkt darin, daß die Rabbiner der verschiedenen Parteien überhaupt zusammengekommen seien, daß sie sich unter einander kennen und schätzen lernen. Die sogenannten Liberalen werden sich der Ansicht nicht verschließen können, daß das Festhalten an Altem und Hergebrachtem das