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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-10 · Heft 23 (10.6.1898) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Die große Frage des obligatorischen Religionsunterrichts, die gegenwärtig alle Gemüther bewegt, ist vom Rabbinerverbande in würdiger Weise besprochen worden. Allgemein wurde selbstverständlich die Nothwendigkeit eines wohlgeordneten Religionsunterricht? hervorgehoben, nur in der Frage, ob der Unterricht ein.obligatorischer sei oder nicht, trennten sich die Meinungen — aber durchaus nicht nach religiösen Parteischattirungen. Die Ansicht, daß der Religionsunterricht obligatorisch sein soll, fand jedoch die Majorität in dieser Versammlung. Auch die Erörterung über die Einführung einer Predigt und eines besonderen Gottesdienstes am Freitag Abend führte nicht zu erheblichen Differenzen. Es ist klar, daß diese Frage prinzipiell überhaupt nicht zu erledigen sei, da sie eigentlich eine rein lokale und nur von Fall zu Fall zu beantwortende ist. Aber wir haben uns doch über die Aengstlichkeit liberaler Rabbiner gewundert, die lieber Tausende von der Synagoge ausschließen, als daß sie auch nur eine Viertelstunde nach dem von den vielberufenen „Decisoren" vorgeschriebenen Sabbathanfang den Gattesdienst beginnen lasten möchten. Diese Aengstlichkeit ist doch wahrlich den gegenwärtigen Verhältnissen gegenüber nicht am Platze. Gerade bei dem Punkte zeigte es sich, daß auch dieses große Werk seine Gefahren in sich berge, denen zlrbegegnen vor allem Sache der freisinnigen Rabbiner sein wird. Denn durch den Umstand, daß die Reorganisation des Rabbiner-Verbandes zunächst von liberalen Rabbinern ausgegangen und daß die orthodoxen erst später und nur unter der Zusicherung völliger Objektivität und nur unter den Kautelen eines sehr dehnbaren Paragraphen hinzugetreten sind, ergiebt sich die seltsame Konstellation, die wir schon auf der ersten Generalversammlung jtt beobachten Gelegenheit hatten, daß viele liberale Rabbiner in dem edlen Eifer, ihre völlige Unbefangenheit und Objektivität an den Tag zu legen, orthodoxer als die Orthodoxen auftraten, während im Gegentheil die Orthodoxen wiederum in ihrem edlen Eifer, ihre Toleranz zu beweisen, zuweilen förmlich als die Hüter des Liberalismus erschienen sind! Wir begrüßen es daher mit aufrichtiger Freude, daß in diesen Tagen zugleich eine liberale Fraktion des Rabbiner-Verbandes begründet wurde, die die Interessen des Fortschritts hoffentlich ebenso zu wahren wissen wird wie die orthodoxe. Vereinigung, die der konservativen Richtung innerhalb des Judenthums streng zu wahren versteht. Denn wie hoch wir auch den Rabbinerverband als Gesammtvertretung aller innerhalb des Judenthums existirenden Richtungen stellen, so möchten wir doch um keinen Preis, daß durch diese Einigkeit die fortschrittliche Entwickelung etwa gehemmt oder gar zurückgedrängt werde. Wir sind deshalb auch durchaus nicht der Ansicht, die in einer der Eröffnungsreden ausgesprochen wurde, daß die Liberalen jetzt nichts Besseres thun könnten, als ihren Besitzstand zu wahren. Damit hätten sie in so bewegter Zeit wahrhaftig nur wenig gethan. Stille stehen, heißt zurückgehen!' Die fortschrittliche Richtung innerhalb des Judenthums hat gerade jetzt die Pflicht, mit voller Energie die Erweiterung ihres Besitzstandes anzustreben. Wir haben es im Interesse des Rabbiner- Verbandes selbst für nothwendig gehalten, diesen heiklen Punkt zu berühren, weil wir den lebhaften Wunsch hegen, daß die Einigkeit und Eintracht auch wirklich erhalten bleibe, und daß keine der Parteien auf Kosten der andern irgendwie beeinträchtigt werde. In wtirdiger Weise gelangten die Verhandlungen durch den letzten Punkt der Tagesordnung zum Beschluß, der die Stellung der Halacha zur Veterinärkunde erörterte, und der den Gegnern Wieden Freunden die Thatsache von großer ethischer Bedeutung vor Augen führen wird, daß das Judenthum eine Religion des Lebens und daß das Prinzip des Fortschritts gerade in ihm wirklich zum Ausdruck gelangt sei. So war der Vorsitzende wohl berechtigt, in seiner Schlußrede zu sagen, daß die Verhandlungen ein wahrhaft gedeihliches Resultat ergeben haben, nicht allein durch die einzelnen Fragen, die zur Verhandlung kamen, sondern vor allem durch die wahrhaft erfreuliche Einmüthigkeit, durch die großen ethischen Gesichtspunkte, durch den Geist der Humanität, durch das Prinzip der Duldung und Achtung gegnerischer Ansichten, die auf der ersten Rabbinerversammlung zu so erhebendem Ausdruck gelangt sind. Are Woche. Berlin, 7. Juni. ,ine offiziöse Meldung ging in dieser Woche durch die Blätter folgenden Inhalts: „Die letzthin durch dieZeitungen gegangene Nachricht, daß die preußische Regierung eine Abänderung des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 beabsichtig^ trifft, wie wir versichern können, in keiner Weise zu. Wahrscheinlich liegt aber eine Verwechselung mit der Absicht vor, die in dieser Beziehung in Frankfurt a. M. noch geltenden Gesetze den dortigen Verhältnissen und Wünschen entsprechend abznändern. Hierüber dürfte dem nächsten Landtage möglicherweise eine Vorlage zugehen." — Soweit die „Berliner Politischen Nachrichten". Was den letzten Theil der offiziösen Meldung betrifft, so handelt es sich um die Frage der völligen Trennung der orthodoxen von der Hauptgemeinde in Frankfurt a. M. Eine treffende Antwort hat Herr Gustav Davidsohn, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Danzig, dem dortigen Verwaltungsgerichtsdirektor Blümke öffentlich am 3. v. M. in der „Danziger Zeitung" gegeben. Nicht die Juden, wie Herr Blümke behauptete, sind die größten Feinde unseres Vaterlandes, sondern die Antisemiten. So heißt es in dem Artikel, und dann sagt der Verfaffer über das Verhältniß der Sozialdemokratie zum Judenthum in durchaus zutreffender Weise: . „Daß unter den Hunderttausenden Sozialdemokraten stch auch einige Juden befinden, kann ohne Weiteres zugegeben werden, aber Jeder, der die parteipolitischen Vorgänge mit einiger Unbefangenheit betrachtet, weiß, daß es auffallend wenige sind, und daß in den sozialdemokratischen Versammlungen die Juden zu den Ausnahmen gehören, obgleich gerade die Antisemiten alles thun, um sie den Sozialdemokraten in die Arme zu treiben. Bei den Juden gelingt ihnen das allerdings nur in sehr beschränktem Maße, wohl aber bei den kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten. Gegen das jüdische Großkapital hetzen die Antisemiten sie auf, die Sozialdemokraten aber belehren dann die Leute, daß nicht nur der jüdische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklaffe überhaupt ihr Feind sei, und daß nicht die Vertreibung der Juden, sondern nur die Verwirklichung des Sozialismus sie aus ihrem Elend befreien könne. So nützt der Antisemitismus mit allen seinen schmutzigen und niedAgen, hauptsächlich dem Neid entsproffenen Beweggründen lediglich der Sozialdemokratie, und aus vollster Ueberzeugung behaupte ich: Nicht die Juden, die in überwiegender Mehrzahl treue und loyale Staatsbürger sind, sondern die Antisemiten sind der größte Feind unseres deutschen Vaterlandes." * Ueber die Stellung der National-Sozialen zu den Juden sind viele unserer Glaubensgenossen twch nicht im Klaren. Um aber für die Wahlen eine sichere Direktive zu geben, wollen wir Einiges aus dem Katechismus dieser neuen Partei hier anführen. So unklar und widerspruchsvoll wie in allem Anderen ist die nationaloziale Partei auch auf dem Gebiete der religiösen Fragen. Sie will

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