Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228280--54645-3290798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 blick auf die Lhätigkeit im verflossenen Geschäftsjahre muß wohl anerkennen, daß dieses Jahr das wichtigste und bedeutsamste für die gedeihliche Weiterentwickelung der Bereinigung ist, die unter ihrem wackeren Vorsitzenden, Herrn M. Katzenstein, zu immer höheren Zielen segensreich empörstrebt. LI. Hamburg, 30. Mai. Die Einrichtung des Siechenheimes und der Pflegestätte der deutsch-israelitischen Gemeinde schreitet so rüstig vorwärts, daß die Eröffnung bestimmt am 1. Juli stattfindet. Für die Unterhaltung des Siechenheimes gedenkt man neben den Zinsen des mobilen Kapitals regelmäßige Beiträge von privater Seite und, was dann noch fehlen sollte, aus Gemeindemitteln beizusteuern — Das Alienhaus unserer Gemeinde, welches zur Zeit ein Baarvermögen von 530 000 M. befitzt, hat dem Gemeindevorstand die Vergrößerung seiner Baulichkeiten zwecks Aufnahme weiterer Pfleglinge vorgefchlagen. Das Repräsentantenkollegium hat nach Einsicht der Pläne und Bericht über den Kostenanschlag zu diesem Zweck 100 000 M. bewilligt. Mit dem Bau wird schon in den nächsten Wochen begonnen werden. — Die Eröffnung der neugegründeten israelitischen Haushaltungsschulen fand am 16. d. M. in feierlicher Weise statt. Es hatten fich eine Anzahl Damen und Herren eingefunden, um der Feier beizuwohnen. Der Präses der hiesigen Henry Jones-Loge, Herr Gustav Tuch, begrüßte die Anwesenden und entwickelte in längerer Rede die Ziele dieses neuen Institutes, welches eben dazu dienen solle, der weiblichen Jugend Anleitung zu geben, dereinst als tüchtige Hausfrauen wirken und schaffen zu können. Es fand hierauf eine BAchtigung der Wirthschaftsräume statt, es sind für den Anfang 4 Küchen eingerichtet, den Unterricht leitet eine fachmäßig ausgebildete Lehrerin, die Anmeldung von Schülerinnen war so bedeutend, daß nur ein Theil derselben berücksichtigt werden konnte. Es möge noch besonders erwähnt sein, daß sämmtliche Haushaltungsgegenstände, Service u. s. w. von dem Inhaber des Kaufhauses Herrmann Tietz gespendet sind. Um das Zustandekommen dieses so wohlthätigen Instituts hat sich die Oberlehrerin der israelitischen Töchterschule, Frl. Lippmann, verdient gemacht. 52 Frankfurt a. M., 29. Mai. Wegen Beleidigung der Richter des Frankfurter Landgerichtsbezirks hatte sich der antisemitische Abgeordnete Otto Hirsche! heute vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Unter der Spitzmarke „Jüdische Richter" hatte der als verantwortlicher Redakteur zeichnende Angeklagte einen Artikel gebracht, in welchem den jüdischen Richtern Parteilichkeit in den gegen ihre Stammesbrüder anhängigen Prozessen vorgeworfen worden war. Obgleich der Bertheidiger, ein Rechtsanwalt aus Darmstadt, die Legitimation der Strafanzeige bemängelte, beantragte der Staatsanwalt doch eine Strafe von 50 Mark. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathung auf eine Geldstrafe von 150 Mark und sprach dem Oberlandesgerichtspräsidenten die Publikationsbefugniß des Urtheils zu. — In dem Urtheil heißt es unter anderem: Der Artikel beschuldige die jüdischen Richter in Deutschland, also auch die Richter in Frankfurt a. M., daß sie, ob absichtlich oder unabsichtlich, der Stimme des Blutes folgend, parteiisch für ihre Glaubensgenossen urtheilen. Lediglich in Rücksicht darauf, daß der Angeklagte nicht der primäre Urheber des Artikels sei (er hatte ihn aus einem anderen Blatte nachgedruckt) sei nur aus eine Geldstrafe erkannt worden. -t. München, 30. Mai. Der Gemeinde München ist durch die Auszeichnung von zwei hervorragenden Mitgliedern eine große Ehre zutheil geworden. Der bayerische Kommerzienrath' und sächsische Generalkonsul Max Ritter von Wilmersdörffer ist vom König von Sachsen zum Geheimen Kommerzienrath ernannt worden; die Auszeichnung ist nicht aus konventionellen Gründen erfolgt, sondern dürfte durch die thatsächliche Dienstleistung des Ausgezeichneten in seiner Eigenschaft als sächsischer Generalkonsul, insbesondere während des letzten Jahres, veranlaßt worden sein; ferner wurde vom 1. Juni an der Abtheilungsvorstand bei der königlichen Generaldirektion der königlich bayerischen Staatseisenbahnen, Regierungsdirektor Jakob Heule, auf Ansuchen in den dauernden Ruhestand versetzt und demselben zugleich gemäß ber: Allerhöchsten Entschließung in wohlgefälliger Anerkennung seiner langjährigen, mit Treue und hingebendem Eifer geleisteten vorzüglichen Dienste das Ritterkreuz des Verdienstordens der bayerischen Krone verliehen. Mit der Verleihung dieses Ordens ist der persönliche Adel verbunden. Unseres Wissens hat Jakob Ritter von Henle die höchste Stelle eingenommen, welche in der bayerischen Beamtenhierarchie ein Jude jemals bekleidet hat. Er dürfte, soweit unsere Kenntniß der Verhältnisse richtig ist, der fünfte bayerische Jude sein, welchem der hohe Orden verliehen wurde; seine Vorgänger hierbei sind der verstorbene Hofbankier und Gutsbesitzer auf Planegg Josef Freiherr von Hirsch, der Vater des bekannten Philanthropen Moriz Freiherr von Hirsch; Sigmund Ritter von Henle, früher königlicher Advokat, nunmehr. Geheimer Hofrath in München, der Bruder des Regierungsdirektors Jakob von Henle; der obengenannte Max Ritter von Wilmersdörffer; Justizrath Dr. Jakob Ritter von Hausmann, früher königlicher Notar in München. Die Gemeinde München hat besonderen Grund, sich mit diesen Ereignissen zu freuen, da die sämmtlichen hier genannten Männer schon Mitglieder oder Vorsteher ihrer Verwaltung gewesen find. Jakob Ritter von Henle hat insbesondere als Verwaltungsmitglied während des Baues der hiesigen großen Synagoge dadurch, daß er seine Kenntnisse und Erfahrungen als Ingenieur uneigennützig in den Dienst der Gemeinde gestellt hat, sich die Dankbarkeit seiner Mitbürger gesichert. Henle schafft übrigens noch einen anderen, für bayerische Juden noch nicht vorhanden gewesenen Präzedenzfall. Die bayerische Verfassungsurkunde bestimmt nämlich, daß die Pension der Kinder eines pragmatischen Beamten in der Regel bis zum Schluffe des 20. Lebensjahres' dauere, von dieser Regel aber die Söhne und Töchter der Kollegialdirektoren ausgenommen seien, welchen die Pension bis zu ihrer Versorgung oder, wenn sie gar keine Versorgung finden, bis zu ihrem Tode belassen werde; falls wider Erwarten und wider unseren Wunsch der neue Ritter von Henle bei seinem einstmaligen Tode unversorgte Kinder hinterlassen sollte, würde diese Bestimmung der bayerischen Verfassung, die gerade vorgestern vor 80 Jahren eingeführt wurde, bei seinen Nachkommen zum ersten Male wohl auf einen bayerischen Staatsangehörigen israelitischer Religion Anwendung finden, da bis jetzt noch kein bayerischer Staatsangehöriger israelitischer Religion auf die Rechte eines Kindes eines Kollegialdirektors Anspruch zu erheben in der Lage war. 4» Grstrrrrich Ungarn. □ Wien, 30. Mai. Das traurigste Ereigniß der Woche sind die Judenunruhen in Galizien. Am 25. d. sammelten sich in Przemysl um 11 Uhr Vormittags auf dem Ringplatze mehrere Hundert arbeitslose Individuen an. Da für diese Stunde die Ankunft des Statthalters Grafen Pininski in Przemysl zur Jnspizirung der Bezirkshauptmannschaft angekündigt war, wurden Demonstrationen der Menge befürchtet. Polizeiorgane drängten deshalb die lärmenden Arbeiter in die Seitenstraßen der Stadt zurück. In der Kazimirgasse und im Judenviertel vereinigte, sich die zerstreute Menge wieder. Ein Brodwagen wurde überfallen und vollständig ausgeplündert. Eine Gruppe stürzte sich auf jüdische Marktslandplätze und plünderte. Jüdische Kaufleute, die sich gegen den Raub wehrten, wurden geprügelt. Es entstand infolgedessen eine Panik. Die Straßen des Judenviertels durchzog eine Jnfanterieabtheilung mit aufgepflanztem Bajonnet; fast sämmtliche Kaufläden wurden geschlossen. Zu den vom Bürgermeister angeordneten öffentlichen Arbeiten, durch welche den Beschäftigungslosen Erwerb verschafft werden sollte, hat sich nur ein kleines Häuflein gemeldet, und auch dieses lehnte bald die Betheiligung an den kommunalen Arbeiten ab, angeblich wegen zu geringen Lohnes (55 Kreuzer für den Tag). — Auch in dem galizischen Flecken Kalwarya haben die Bauern in den letzten Tagen Ausschreitungen gegen die Juden begangen. Sie leisteten auch gegen die einschreitende Gendarmerie Widerstand. Dabei wurde ein Bauer getödtet und zwei Bauern schwer verwundet; auch drei Gendarmen erlitten Verwundungen, davon einer schwere. Militärische Hilfe, welche aus Wadowiee requirirt worden war, traf in Stärke von 120 Mann ein. Ferner trafen der Bezirks hauptmann mit dem Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in Kalwarya ein. Nach Verhaftung von 20 Personen war die Ruhe wiederhergestellt. Die dortige Bevölkerung besteht aus Ruthenen. — Der Stadtrath Purscht, der Held mehrerer (von uns gemeldeter) höchst unsauberer Geschichten, wird jetzt seitens der eigenen Partei, der christlich-sozialen, aufgefordert, sein Mandat niederzulegen. — Der Kaiser hat den Privatdozenten an der Wiener Universität Dr. Moritz Heitler und Dr. Lothar Frankl, Ritter v. Hochwarth, einen Sohn des Dichters Ludwig August Frankl, zu außerordentlichen Universitätsprofessoren ernannt. — Professor Emil