Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228280--54646-3290799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Zuckerkandl an der Wiener medizinischen Fakultät und Professor Dr. Ferdinand Cohn in Breslau sind zu korrespondirenden Mitgliedern und Professor Dr. D. H. Müller hier zum wirklichen Mitglieds der Akademie der Wissenschaften ernannt worden. — Bor einigen Jahren hat ein ungenannt sein wollender Wohlthäter der Gemeinde Wien den Betrag von 120 000 Gulden als Spende für wohlthätige Anstalten übergeben, behielt sich aber die Entscheidung vor, in welcher Weise die Stiftung zu machen sei — nun aber heißt es, daß der anonyme Wohlthäter Willens sei, die Spende zurückzuziehen, da er von der dermaligen Gemeindevertretung nicht voraussetzt, daß sie die Stiftung in feinem Sinne verwende. — In Tarnopol ist der Handelskammerrath und Großindustrielle kaiserlicher Rath Jakob Gall gestorben. — Unter der Spitzmarke „Selbstmord eines Rabbiners" bringen hiesige Blätter folgende Notiz aus Salzburg: „GesternNachmittag verübte der Rabbiner Bach in einer hiesigen Badeanstalt einen Selbstmord. Bach ließ sich eine Badekabine öffnen. Als er nach geraumer Zeit nicht herauskam, drang man in die Kabine ein und fand Bach mit durchschnittener Kehle todt. Der Bedauernswerthe soll aus Kränkung darüber, daß ihm infolge ungerechter Verleumdung seine Stelle gekündigt wurde, die That ausgeführt haben." Der Betreffende war allerdings nicht Rabbiner, sondern Religionslehrer in Salzburg. Die Gemeinde hatte aber verschiedener Unzuträglichkeiten wegen die Stelle jüngst ausgeschrieben. Amerika. c. H. New-Aork, Ende Mai. Unter den Opfern des Krieges befindet sich bereits ein Jude. Samuel Feltman, in Rußland geboren, als Kind mit seinen Eltern nach New-Aork gekommen, ist am 12. ds. beim Bombardement von San Juan auf Portoriko schwer verwundet worden. Auch auf der siegreichen Flotte des Admiral Dewey befinden sich Juden. Bekannt wurde der Name eines jungen Mannes, Namens Henry Gottlieb, der^sich vor drei Jahren als 15jähriger Junge anwerben ließ. — Am 15. d. M. hielt das hiesige Greisenasyl seine Jahressihung. Es gab im abgelaufenen Jahre 209 Pfleglingen Obdach und hatte ein Einkommen von 51.000 Dollars, dem Ausgaben im Be^ trage von 31 000 Dollars gegenüberstehen. Die Anstalt ist aber durchs einen vor nicht langer Zeit vorgenommenen Erweiterungsbau noch! immer mit einer großen Hypothekarschuld belastet. — Die jüdische Ge-! werbeschule in Chicago, welche unter der Leitung des hervorragenden! Pädagogen Gabriel Bamberger, Bruder des verstorbenen Königsbergs^ Rabbiners, steht, hielt am 10. d. M. ihre Jahressitzung. Sie hat einenj Bedarf von 20 000 Dollars jährlich und bringt ihre Bedürfnisse nur!, mit großer Mühe auf. — Der amerikanische Rabbinerverband hcch seinen achten Jahresbericht veröffentlicht, welcher' die Protokolle der^ letzten Versammlung, gehalten in Montreal vom 6—10. Juli 1897, und^ die dort gelesenen Essays enthält. Unter den letzteren ist der bedeutendste! der des Chicagoer Rabbiners Joseph Stolz über „Beerdigungsfeierlich-: keiten". Dem Berichte ist auch der im Jahre 1896 gehaltene Bortrag! des Herrn Dr. Felsenthal in Chicago: „Giebt es Dogmen im Judenthum", in deutscher Sprache beigegeben. Bon demselben hochbetagten, abergeistig noch immer sehr rüstigen Autor ist auch kürzlich eine sehr interessante Schrift: „The Beginnings of the Chicago Sinai Congregation“ erschienen, die einen sehr werthvollen Beitrag zur inneren Entwickelungsgeschichte des amerikanischen Judenthums bildet. — Als Spezimen der amerikanisch-jüdischen Zeitungen dürste Ihren Lesern folgende Stelle aus^ einem Briefe des hervorragenden Mediziners Dr. Solomon Solis Cohen in Philadelphia, der in dem hiesigen American Hebrew abgedruckt ist, von Interesse sein: „Dieser Krieg gegen Spanien, herbeigeführt durch einen willenlosen (invertebrate) Präsidenten, erklärt von einem hysterischen Parlamente, geführt in dem echten Geiste des Piratenthums, sollte von den Lehrern des Judenthums verdammt und nicht vertheidigt werden." — Adolf Marix, Kommandeur in der Marine der Vereinigten Staaten, der neulich in der Untersuchung der Katastrophe auf der Maine eine hervorragende Rolle spielte, ist ein Jude. Auch seine Frau, vor ihrer Verehelichung eine bekannte Schauspielerin, ist jüdischer Herkunft. — Wie der New-Uorker Haibri meldet, sind zu Ehren des südamerikanischen Forschungsreisenden Julius Popper ein Fluß und ein Berg benannt worden. Julius Popper, der Sohn des jüdischen Lehrers Naftali Popper aus Bukarest, starb am 7. Juli 1893 im Atter von 35 Jahren. Er wurde im süds lichen Patagonien von den Eingeborenen als Wohlthäter abgöttisch verehrt. — Das hiesige Waisenhaus hielt am 22. April seine Jahresversammlung. Es beherbergt gegenwärtig 850 Zöglinge und bedarf zu seiner Erhaltung eines Aufwandes von etwa 150 000 Dollars, wozu die Stadt New-Jork im abgelaufenen Jahre 86 000 Dollars beitrug. — In Chicago wird ein neues Waisenhaus errichtet, welches für 130 Zöglinge Raum bieten soll. — Die russischen Juden der Bereinigten Staaten haben, wie bereits gemeldet, eine Sammlung eingeleitet, um für die Marine ein Kriegsschiff anzukaufen. Die Sammlung nimmt einen sehr guten Verlauf. Auch sonst ist die Zahl der in den Bundestruppen, in den Milizen und unter den Freiwilligen dienenden Israeliten sehr beträchtlich. Von Nah und Fern. — Sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Professor an der hiesigen Universität feierte am 28. Mai der Geheime Regierungsrath Dr. Moritz Lazarus. — Dem Ober - Postkassenbuchhalter Krohn in Breslau ist bei seinem Scheiden aus dem Dienste der Charakter als Rechnungsrath verliehen worden. — Herr Dr. B. Königsberger, Rabbiner in Pafewalk, ist zum Rabbiner der Gemeinde P löschen gewählt worden und wird bereits am 1. Juli fein Amt antreten. — Dr. Stern in Kiel ist als Rektor der Israelitischen Bürgerschule nach Fürth berufen, für Kiel wurde der Lehrer und Prediger der Gemeinde Naugard, Herr L. Katz, gewählt. — Theodor David in Speyer, Vorsitzender des Handelsgremiums, Stadtrath und Mitglied pfälzischer Handels- und Gewerbekammern, ist, 72 Jahre alt, gestorben. — Das letzte Opfer der Beschießung Straßburgs, Frl. Amalie Magnus, ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Am 24. August 1870 stand sie früh um Vs6 Uhr vor ihrem Bett im Erdgeschoß ihrer Wohnung, als eine Granate in das Zimmer flog, explodirte und ihr beide Arme zerschmetterte. Sie wurde auch sonst an mehreren Stellen schwer verletzt und lag sechs Wochen infolge Blutverlusts bewußtlos im Spital. Beider Arme beraubt, lebte sie noch fast 28 Jahre. — In Jassy fanden anläßlich einer ungarnfeindlichen Demonstration ernste Ausschreitungen gegen die Juden statt. Der fanatisirte Pöbel überfiel die jüdischen Straßen, demolirte eine Schule und zahlreiche Geschäftsläden und schlug in vielen Häusern die Fenster ein. Die, wie stets bei solchen Gelegenheiten, erst spät erschienene Polizei stellte die Ordnung wieder her, doch dauert die Beunruhigung unter den Juden fort. — Bei den Unruhen, die jetzt Italien bedrängten, haben eine ganze Anzahl jüdischer Offiziere und Beamte in Aktion zu treten Gelegenheit gehabt, z. B. die Lieutenants Basevi, Raeah und Viaroni in Livorno, Davide Samaja in Mailand re. Der Letztere, der in Afrika mit Auszeichnung gegen die Derwische gesochten hat und deshalb von König Humbert öffentlich belobt wurde, ist bei den Tumulten durch mehrere Revolverschüsse schwer verletzt worden. Dagegen gelang es Kommandant Felice Segre, dem einzigen jüdischen Präfekten, in Nivara die Unruhen im Keime zu unterdrücken. — Alderman Marcus Samuel in London, der Chef des großen Bankhauses Samyel Samuel u. Co. in Japan, ist von der Königin von England zum Ritter ernannt worden. — Zum Vorsitzenden der aus Beamten des Bauten-Ministeriums und der Stadtpräfektur von Konstantinopel zusammengesetzten Kommission, welche die Vorbereitungen zum Empfange des deutschen Kaisers in Palästina zu treffen hat, ist unser Glaubensgenosse Se. Exzellenz Bechor Effendi Aschkenast, Subpräfekt von Konstantinopel, ernannt worden. — Wie es heißt, beabsichtigt Negus Menelik, sich im Jahre 1900 nach Jerusalem zu begeben. Menelik will die Stadt kennen lernen, in der vor dreitausend Jahren seine Stamm-Mutter, die biblische Königin von Saba, die Gastfreundschaft des Königs Salomo genossen hat. — Die Auswanderung aus den Kolonien in Argentinien nimmt sehr stark zu. Die am 21. Mai in Cherson angekommenen 136 Personen sind die 25 Familien aus der Kolonie Rachel, die Anfangs April auswanderten. Am 13. April haben sich weitere 190 Erwachsene, die Kinder nicht mitgerechnet, nach Europa eingeschifft. Die Erregung in den Kolonien über die neuen von Gauchos an den jüdischen Kolonisten verübten Mordthaten ist sehr groß. — Die Baronin Hirsch hat für das Waisenhaus des Bne Berith-Ordens in Atalanta 7000 Dollars geschenkt. — Die Orthodoxen Amerikas wollen am 1. Juni d. I. in New -Uork eine große Konferenz zur Berathung gemeinsamer Angelegenheiten abhalten. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.