Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Kurtzig, eine herzliche Ansprache, in der er vornehmlich darauf hinwies, welch große Verdienste der Jubilar stch um die Gemeinde durch seine Pflichttreue und durch seine Predigten erworben habe, und überreichte als äußeres Zeichen der Anerkennung einen filbernen Tafelaufsatz. Es erschienen ferner der Brthhamidrasch-Verein, in dessen Namen Herr Dr. Tietz sprach, ferner die Kultusbeamten der Gemeinde, in deren Aufträge Herr Oberkantor Davidsohn eine Ansprache hielt. Im Aufträge des Achusats-Mereim-Vereins sprach Herr Louis Sandler, für das hiesige jüdische Waisenhaus Herr Direktor Groß, im Namen des Krankenvereins Herr Herzfeld und im Aufträge des Frauenvereins Frau Levi. All diese Ansprachen wurden zum größten Theil unter Ueberreichung werthvoller Geschenke gehalten. Am Abend fand in Verbindung mit dem Schabuot - Gottesdienst ein Festgottesdienst in der Synagoge statt. .Derselbe wurde durch die Jubelhymne „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", die von einem gemischten Chor unter Leitung des Herrn Oberkantor Davidsohn gesungen wurde, eingeleitet. In einer tief empfundenen Rede entwarf hierauf Herr Rabbiner Dr. Kohn einen Rückblick auf sein 25jähriges Amtiren. Nach dem Gottesdienst vereinte ein Festmahl einen großen Theil der Gemeindemitglieder mit dem Jubilar in Weiß' Hotel. Möge es unserem allverehrten Rabbiner vergönnt sein, noch lange zur Freude seiner Gemeinde zu wirken. -a- Rawitsch, 29. Mai. Am Rüsttage des Wochenfestes haben wir einen Mann zu Grabe getragen, durch dessen Heimgang unsere Gemeinde einen großen Verlust erlitten hat. Herr Bankier Wolfs Asch ist am 23. d. M. seinen langen, mit Geduld ertragenen Leiden im 71. Lebensjahre erlegen, und in ihm betrauert die Gemeinde ihr ältestes Vorstandsmitglied, welches nahe an vier Jahrzehnte sein Amt mit seltener Aufopferung und peinlicher Pflichttreue verwaltet hat. Das Leichenbegängniß legte Zeugniß von der allgemeinen Achtung ab, welche der Verblichene genoß, und wenn auch Herr Rabbiner Dr. Cohn, dem Wunsche der Hinterbliebenen entsprechend und gezwungen durch die Nähe des Festes, der allgemeinen Trauer nur mit wenigen Worten Ausdruck geben durfte, so konnte es ihn doch nicht hindern, die Vorzüge des Geistes, die außerordentliche Arbeitskraft und die nimmer ermüdende Thätigkeit, welche Herrn Asch so hervorragend auszeichneten, und nicht minder seinen großen, bis ans Ende bethätigten Wohlthätigkeitsstnn rühmend und dankend hervorzuheben. Ein seit maäs man in des Wortes reinster Bedeutung, der die irdischen Güter nicht mühelos, sondern als Resultate angestrengtester Arbeit, als Früchte seines scharfen Geistes erntete, hatte er für Arme und' Bedürftige stets ein warmes und fühlendes Herz. Aber auch in der Gemeindeverwaltung wird die Lücke, welche der Verblichene hinterlassen, schmerzlich empfunden werden. Sein Andenken wird gesegnet bleiben! /v Beuthen, O.-S., 29. Mai. Ueber ein neues Ritualmordmärchen berichtet die katholische „Beuthener Zeitung" Folgendes: „Eine an die dunkelste Zeit des Mittelalters erinnernde Episode spielte sich in den letzten Wochen in dem benachbarten Chorzow ab. Daselbst wohnt der jüdische Hausbesitzer Pollak, ein aufgeklärter, allseitig geachteter Mann. Derselbe hatte einen Miether, mit dem er aus verschiedenen Gründen nicht in bestem Einvernehmen stand. Dieser Mann suchte stch an seinem Wirth zu reiben, und dazu bot sich ihm die willkommenste Gelegenheit, als er in einem Raum des Hauses einen Knochen fand, den er als Menschenknochen erkannte. Dies war dem Mann ein willkommener Handel, denn dieser Knochen war, so reflektirte er, der sicherste Beweis eines im Hause des Pollak vorgekommenen Ritualmordes, wie er nach dem Irrglauben der niederen Bevölkerung in der österlichen Zeit von den Juden aller Orten begangen würde. Wer unsere niedere Bevölkerung kennt, der wird nicht daran zweifeln, daß die Erzählung des Mannes von dem Ritualmorde nur zu gläubige Zuhörer fand. Die Verbreitung der Mordgeschichte erfolgte auf dem schnellsten Wege von Mund zu Mund und drang schließlich bis zum Amtsvorsteher. Dieser, mit dem Volkscharakter seiner Amtsinsassen sehr vertraut, ergriff das einzige Mittel, um das Gerücht von einer Blutthat im Hause des Pollak zu widerlegen. Er begab sich mit der Ortsbehörde in das Pollak'sche Haus, ließ dort eine Durchsuchung vornehmen und sogar im Keller nach Menschenknochen nachgraben. Man fand jedoch dort keine, wohl aber in einem Zimmer; und zwar waren es wohlpräparirte Menschenknochen mit lateinischer Bezeichnung, wie sie von jungen Medizinern auf den Anatomien selbst präparirt werden. Diese Aufklärung war um so sicherer, als der Sohn des Herrn Pollak sich kürzlich als Arzt in einer sächsischen Stadt niederließ und dort noch lebt. Außerdem tragen die aufgefundenen Knochen den Namen des damaligen Stud. med. Pollak nebst Bezeichnung der Universität und Angabe des Semesters. Dieses Resultat hatte man in der Bevölkerung kaum erwartet, und man war begreiflicherweise darüber sehr enttäuscht, da damit dem Irrglauben jede Unterlage entzogen war." x. Bielefeld, 29. Mai. Der Bericht über die Thätigkeit des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens während seines 7. Geschäftsjahres ist soeben erschienen als Vorlage für den achtey ordentlichen Gemeindetag, der zu Herford am 12. Juni stattfindet, und zu dem alle westfälischen Gemeinden, auch die nicht Mitglieder sind, eingeladen wurden, weil auf demselben die Frage des Asyls zur Sprache kommen soll. Die Tagesordnung lautet: 1. Bericht über unsere Thätigkeit im 7. Geschäftsjahr, 2. Kassenbericht des Rendanten und Ertheilung der Decharge, 3. Konstituirung der Beamten-Penfionskasse des Verbandes; Wahl des Vorstandes auf Grund des § 24 des Statuts, 4. Bericht über den Stand der Lesebuchfrage, 5. Antrag des Ausschusses betreffs der Zugehörigkeit der seitens des D.-J. G-B. in Berlin subventionirten Gemeinden einer Provinz zu dem betreffenden Provinzialverbänd, 6. Wahl eines Delegirten zu dem im Herbste dieses Jahres in Berlin stattfindenden Gemeindetage des D.-J. G.-B., 7. Wahl des Ortes für den nächsten Verbandstag, 8. Freie Besprechungen. Das 7. Geschäftsjahr kann in mehrfacher Beziehung als ein für die Entwickelung der Vereinigung bedeutsames bezeichnet werden. Erfreulich ist vor allem das stete Wachsen der Mitgliederzahl; vierzig westfälische Gemeinden gehören nunmehr dem Verbände an. Dieser tritt dadurch den größten preußischen Gemeindeverbänden an die Seite. Der Ausschuß besteht für die nächsten drei Jahre aus folgenden Herren: M. Katzenstein-Bielefeld als Vorsitzenden, I. Steinberg-Münster als stellvertretendem Vorsitzenden, Dr. Coblenz-Bielefeld als Schriftführer, ferner: S. Freund-Dortmund, I. Goldschmidt-Dortmund, H. Laubheim-Bochum, N. Levy-Hagen, M. Liebenfeld-Bochum, S. Löwenstein-Rietberg, S. Neukamp-Soest, I. Ostwald-Witten und W. Schönbeck-Nieheim. Bon besonderer Bedeutung für die gesammte westfälische Judenheit ist die geplante Errichtung eines Asyls für jüdische Kranke und Altersschwache in unserer Provinz. Bereits ist ein Fonds von ungefähr 50 000 Mark gezeichnet, gewiß ein vielversprechender Anfang. Die am 12. Juni in Herford tagende Versammlung wird nunmehr das eigentliche Aktionskomitee zu wählen haben, welches die weiteren Schritte behufs Errichtung des Asyls unternehmen soll. Auch auf dem Gebiete des Schulwesens hat das verflossene Geschäftsjahr für den Verband wichtige Entscheidungen gebracht. In erster Linie steht hier die geplante Beamtenpensionskasse, die nunmehr ihrer Verwirklichung entgegengeht. Die Beiträge für diese sollen nicht von den Beamten, sondern von den betheiligten Gemeinden selbst aufzubringen sein, weil dadurch allein die moralische Verpflichtung der Gemeinden, die Zukunft ihrer Beamten sicher zu stellen, klar und bestimmt zum Ausdruck gebracht werde. Auch die Lesebuchfrage hat in dem verflossenen Geschäftsjahre wenigstens insoweit eine befriedigende Erledigung gefunden, als das Manuskript nunmehr vollständig vorliegt, und die Einführung des Buches aller Voraussicht nach im Herbste d. I. erfolgen kann. Die Zahl der leistungsunfähigen Gemeinden, welchen die Vereinigung zur Ermöglichung eines geordneten Religionsunterrichts eine materielle Unterstützung gewährt, hat üch im verflossenen Geschäftsjahre um zwei vermehrt, so daß heute insgesammt 6 Gemeinden unterstützt werden. Was nun die Inspektion des Religionsunterrichtes betrifft, so fand dieselbe im verflossenen Jahre in Uebereinstimmung mit den beteiligten Vorständen und Lehrern in 16 Gemeinden statt. Weniger wichtig als auf dem Gebiet des Schulwesens war die Thätigkeit im verflossenen Geschäftsjahr auf dem Gebiet der Kultusangelegenheiten. Es ist das durch den ganzen Entwickelungsgang des Verbandes bedingt. Auf dem Gebiet des Kultuswesens hat derselbe durch die erfolgte Einführung einheitlicher Gebetbücher für das Gotteshaus und die Schule vorläufig wenigstens den wichtigsten Theil seiner Aufgabe erfüllt. Es kann jetzt nur noch obliegen, für die weitere Verbreitung der genannten Bücher thatkräftig einzutreten Die Drucklegung der Agende hat sich auch in dem verflossenen Jahre verzögert, weil einerseits Herr Dr. Bogelstein mit Arbeiten überbürdet war, andererseits aber der Umfang des Buches ein größerer wurde, als Anfangs vermuthet wurde. Ein Rück-