Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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62. Lahrgang. Ar. 22. Berlin. 3. Zuni 1898. Notlage zur ,,Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, l. Juni. Heute Vormittag 10 Uhr ist die erste Generalversammlung des deutschen Rabbinerverbandes im Festsaale der Gesellschaft der Freunde eröffnet worden. Am Vorstandstische saßen die Herren Rabbiner Dr. Maybaum, Horowitz, Auerbach, Werner. Zu Schriftführern wurden die Herren Rabbiner Dr. Kohn (Ansbach), Blumenthal (Danzig) und Hochfeld (Frankfurt a. O.) gewählt. Nachdem Herr Dr. Maybaum die Versammlung eröffnet hatte, ertheilte er das Wort dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlin zur Begrüßung des Verbandes. Herr Justizrath Meyer sprach in warmen und herzlichen Worten seine Anerkennung für das „große Werk und die kühne That" aus, die durch die Begründung des Verbandes geschaffen wurden, und knüpfte hieran die Hoffnung, daß die Verhandlungen namentlich auf dem Gebiete des Religionsunterrichts, des Gottesdienstes und der Stellung der Rabbiner zu gedeihlichen Resultaten führen würden. Die Sympathien der hiesigen wie aller jüdischen Gemeinden Deutschlands seien mit dem Verbände und für seine Bestrebungen. Hierauf hielt Herr Dr. Maybaum die Eröffnungsrede, mit der er den Bericht über die bisherige Thätigkeit des Vorstandes verknüpfte. Daran schloß sich eine Erklärung des Herrn Rabbiners Dr. Auerbach (Halberstadt), der von streng orthodoxem Standpunkte das Werk der Einigung der verschiedenen Parteien im Rabbinerverbande mit inniger Freude begrüßt. An den Bericht des Vorstandes wurde keine Debatte geknüpft. Den Jahresbericht über die Verhältnisse des Rabbinerverbandes erstattete Herr Rabbiner Dr. Werner (München). Es gehören demselben gegenwärtig 146 Mitglieder, von denen ca. 130 in der Versammlung anwesend sind, an. Zu Revisoren der Vereinskasse wurden die Herren Rabbiner Dr. Prager (Kassel) und Goldschmidt (Königshütte) gewählt. Nun konnte man erst in die Erledigung der Tagesordnung eintreten, deren erster Punkt die Stellung des Verbandes zum Zionismus betraf. Das Referat erstattete Herr Rabbiner Dr. Horowitz (Frankfurt a. M.) in längerer und wahrhaft gediegener Rede, in der er die vom Vorstand des Verbandes ausgearbeitete Resolution, die wir anläßlich -es ersten Zionistenkongresses im Sommer vorigen Jahres veröffentlicht haben, vom religiösen, historischen und praktischen Standpunkte aus besprach. Als Korreferent sprach Herr Rabbiner Dr. Vogelstein (Stettin) in sehr wirkungsvoller Weise über den Zionismus zur sachlichen Begründung der Resolution. Hierauf forderte Herr Rabbiner Dr. David (Düsseldorf) die Versammlung auf, der Resolution des Vorstandes ihre volle Zustimmung zu geben. Dies wurde fast einstimmig angenommen. Dagegen beantragte Herr Rabbiner Dr. Gronemann, eine Kommission zu ernennen, die angesichts der veränderten Verhältnisse eine neue Resolution über den Zionismus abzufassen habe. Der Antrag wurde auf den Schluß der Tagesordnung gesetzt. Ein Antrag des Herrn Rabbiners Dr. Rahmer (Magdeburg), ein Ergebenheitstelegramm an den deutschen Kaiser zu schicken, wurde mit freudiger Einstimmigkeit angenommen. Hierauf trat eine längere Frühstückspause ein. Den ausführlichen Bericht über die Generalversammlung, die schon nach dem bisherigen Eindruck eine glänzende zu werden verspricht, werden wir in der nächsten Nummer zum Abdruck bringen. e/a Berlin, 30. Mai. Die eben ausgegebene Nr. 48 der „Mittheilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebuude" bringt an der Spitze die Mittheilung, daß das Preisausschreiben, betreffend eine Schulbearbeitung der Grundsätze der jüdischen Sittenlehre^ erneuert wurde. Ferner enthält die Nummer Nekrologe auf Emil Lehmann und Alex Werthauer, eine Erinnerung an Jeremias Rothfels, den Bericht über die Kassenrevision, den Rechnungsbericht, Mittheilungen über die kürzlich veranstaltete Propaganda, deren materielles Ergebniß leider ein wenig zufriedenstellendes war, den Kassenbericht der deutsch-israelitischen Darlehnskasse für Frauen und Jungfrauen, den Bericht über das Mendelssohn-Stift in Dessau, das Verzeichniß der Bundesgemeinden, der Mitglieder und Spender sowie der Beamten und Delegirten des Gemeindebundes. Aus all diesen Mittheilungen geht hervor, in welch ausgezeichneter Weise der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seit Jahren wirkt. Wir werden demnächst Gelegenheit nehmen, einen, vielleicht den wichtigsten, Theil des Wirkens, nämlich den für die Entwickelung des jüdischen Religionsunterrichts, ausführlicher zu schildern. Es ergeht daher noch einmal an alle unsere deutschen Glaubensgenossen und an alle Gemeinden, die noch nicht angeschlossen sind, die eindringliche Bitte, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde, dieser einzigen und würdigen Vertretung der deutschen Judenheit, ihre volle Theilnahme zuzuwenden, damit dieser in die Lage komme, seine großen Aufgaben in ihrem vollen Umfange zu erfüllen. §£g Berlin, 30. Mai. Der eben erschienene 65. Jahresbericht der unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten enthält im ersten Theil eine durch Abbildungen veranschaulichte Beschreibung ihres stattlichen Neubaues an der Schönhauser Allee. Die bei der Einweihung desselben am 3. Oktober v. I. von dem Direktor Dr. Strelitz gehaltene, jetzt gedruckt vorliegende Festrede stellt die segensreiche Entwickelung der im Jahre 1833 mit 4 Zöglingen begründeten Anstalt, ihre Leistungen und ihre Aufgabe dar. So manchen Baustein auch die Nächstenliebe zu dem neuen schönen Heim beigetragen hat, so ist doch noch ein beträchtlicher Theil der Baukosten zu decken, und eine Vermehrung der Zöglingsstellen ist nicht ohne Erhöhung der jährlichen Einnahmen möglich. Im Berichtsjahre erzogen die Anstalten 51 Knaben und 27 Mädchen, welche den Unterricht größtentheils in höheren Schulen genossen. Besonders begabte Knaben bleiben bis zur Abgangsprüfung, die Mädchen in der Regel bis zur erlangten Erwerbsfähigkeit im Hause. Der weitreichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, welche besonders wirksam bei ihrer Selbständigmachung oder Verheirathung eintritt, dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen. Für die Bestreitung ihrer Bedürfnisse, welche einschließlich Gottesdienst, Büreau, Renten, Stipendien und anderen Zuschüssen 71616,79 Mark betragen haben, davon zur Verpflegung 17 524,32 Mark, d. h. für den Kopf und Tag 51V, Pf., sind die Anstalten auf die Zinsen ihres Vermögens im Betrage von cirka 47 000 Mark, auf 9075 Mark Jahresbeiträge und auf sonstige Zuwendungen ihrer Freunde und Gönner angewiesen. Den Vorstand bilden neben dem Direktor die Herren Berthold Marckwald, Kommerzienrath E. Lohnslein, Generalkonsul Eugen Landau, Professor Dr. Felix Liebermann, Hermann N. Israel und Kommerzienrath Isidor Loewe. Ehrenmütter sind Frau Recha Marckwald und Frau Dr. Cäeilie Liebermann. §2 Berlin, 29. Mai. Gestern starb hier nach kurzer Krankheit Dr. med. Alexander Fürst, einer der bekannteren hiesigen Aerzte, nach kurzem Leiden im 55. Lebensjahre. Dr. Fürst wirkte seit 1885 in Berlin. Zuvor war er viele Jahre lang in Memel als praktischer Arzt und Augenarzt thätig. In den siebziger Jahren war er dort bei der Ausmittelung der ersten Leprafälle im Landkreise Memel betheiligt. Hier lenkte er wiederholt gelegentlich die Aufmerksamkeit auf die Verbreitung der Granulöse in Ostpreußen. Er verwies dabei insbesondere auf die schweren Formen der Körnerkrankheit, die sich dort finden. Nach der Ablegung der ärztlichen Staatsprüfung im Jahre 1867 war Dr. Fürst eine Zeit lang Assistent an der Raison de sante unter Dr. Levinstein. Er ist auch mehrfach litterarisch hervorgetreten. Unter anderem schrieb er über die Basedowsche Krankheit. tm. Jnowrazlaw, 29. Mai. Am 26. d. Mts. beging Herr Rabbiner Dr. Kohn das Jubiläum seiner 25jährigen hiesigen Wirksamkeit unter allgemeiner Betheiligung der Gemeinde. Am Vormittag begab sich der Vorstand und das Repräsentanten-Kollegium in die Wohnung des Jubilars. Hier hielt der Vorsitzende, Herr Stadtrath