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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
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264 „Nathan," flüsterte sie leise. „Welch ein Glück ist uns geworden, welch frohen Tag durfte ich noch erleben. Durch Dich, durch Dich ist uns Freiheit zutheil geworden. Eben ist der Befehl vom neuen Gutsherrn gekommen, daß die harten, unmenschlichen Gesetze aufgehoben und unsere Tobten ihre Ruhe finde» werden. Wie ist mir so leicht und wohl bei dem Gedanken. Ich fühle mich so frei — so glücklich. Nathan, Hab' Dank für Deinen Opfermuth, für Dein treues Denken und Sorgen. Siehe, ich habe immer gewußt, daß Du mehr bist, als Du scheinst. Ich habe Dich verstanden. Ich allein habe Dich verstanden, wenn Du auch oft ein so sonderbares Benehmen gezeigt hast. Gieb mir Deine Hände, mein treuer Freund, der Du um mich so viel gelitten — Dich für mich gesorgt — mir Freude bereitet, soviel als es möglich gewesen in unserem sorgenvollen Leben. Nie konnte ich Dir's lohnen, nie Dir beweisen, wie ich Dir dankbar bin. Ach — wär ich gesund und frisch, gleich den Anderen, dann müßtest Du mich weiter durchs Leben führen, als Freund, als Bruder — als —" „Lea!" schrie Nathan auf. „Lea, was sagst Du. — Ich Dich — führen — ich — ein Narr — ein unglückliches, stumpfsinniges Geschöpf, das Niemand angehört. Ich, der Spaßmacher der Gasse, der Spottvogel! — Nein, Lea, zu tief ist die Kluft zwischen uns. Oder treibst Du Spott jetzt — mit mir?" „Nicht weiter! Fern sei es von mir, in dieser Stunde Spott zu treiben, in der ich Dir alles sage, was mein Herz für Dich empfindet. Siehe, ich stehe vor den Pforten der Ewigkeit — meine Stunden sind gezählt. Bald scheiden wir. Doch ehe ich gehe, will ich Dir sagen, was Du mir in den Jahren des Leids gewesen bist. Mein Gebet wird für Dein Glück zu Gott emporsteigen, und mein letzter Athemzug wird ein Segen für Dich sein." „Lea — nicht so — jetzt nicht! Du wirst leben — für mich — mit mir. Ich werde Dich mit diesen meinen starken Armen schützen und führen, für Dich schaffen und arbeiten Tag und Nacht, früh und spät. Ach, könnte ich Dir die Kraft geben, die übermäßig meinen Körper schwellt, die Gesundheit — alles — mein Leben — den letzten Tropfen Blut. Höre mich, Lea, schließe nicht die Augen, die mir stets so freundlich geblickt, in die ich, ach! so selten zu schauen gewagt. Rede, sage, daß Du auf Genesung hoffst, so fest und stark wie ich. Daß Du dann — ach, Lea — dann mit mir, bei mir bleiben willst, daß Du mich, den Narren, den verachteten Unglücklichen — ach —" „Daß ich Dich lieb habe, ja, Nathan," flüsterte Lea und berührte mit ihren reinen Lippen die Stirn des treuen Freundes. Die leise, innige Berührung dieser keuschen, unentweihten Mädchenlippen machte den starken Mann erbeben. Ein heißer glühender Strom durchrieselte seine Adern. Seine zitternden Hände umfaßten in namenloser Sehnsucht, in lechzendem Verlangen die zarte Gestalt der Kranken und seine dürstenden Lippen tranken von den ihren heiße, süße Küffe. Erwacht war alles, was so lange in dem Herzen, der Seele des armen Heimathlosen geschlummert, was ihn oft so geängstigt, gequält, worüber er sich selbst nie Rechenschaft geben konnte. Aus dem Knaben war ein Mann geworden, der sich voll bewußt ward all seiner Gedanken und Empfindungen, der sein Streben, sein rüstiges Schaffen für ein bestimmtes Ziel vor Augen sah. Als er Lea nach wenig Augenblicken aus den Armen ließ, winkte sie ihm, fortzugehen. In qualvoller Angst sah er das vorher so heißgeröthete Antlitz blaß und fahl werden. Mit bäng klopfendem Herzen wandte er sich zum Gehen. D« grüßte sie nochmals, und ein freundliches Lächeln verklärte ihre Züge. Langsam entfernte er sich, immer wieder und wieder ihre Gestalt mit heißen, verzehrenden Blicken umfassend. (Schluß folgt.) Kpnechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! tohl ist mir die Herbart Ziller'sche Methode, von der Herr Professor Dr. Tachau ganz in dem Sinne, wie ich die Sache auffasse, spricht, maßgebend; wohl weiß ich, daß jeder geschulte Pädagoge die ethische Seite in den Vordergrund des Unterrichts stellen soll. Aber Dr. Tachan wird doch nicht umhin können, in die allgemeine Klage über den Hauptfehler der modernen Schule, wonach meist unterrichtet, abgerichtet, ein- und abgelernt und weniger erzogen wird, einzustimmen. ' Ist dies gar erst im Unterricht der Religion von noch üblerer Folge, warum sollte bei der Festsetzung von Grundzügen eines Religionsschulplanes diese wohl dem tüchtigen Pädagogen, aber nicht der Allgemeinheit geläufige, ja leider oft überhörte Forderung des ethischen Moments in erster Linie betont werden? Das letzte Ziel „Veredlung der Gefühle, Kräftigung des Charakters". kann der religiöse Lehrstoff ckrr in dem Falle erreichen, wenn der Lehrer in der Darstellung des religiösen Fachgegenstandes, ohne in den Stil homiletisch-subjektiver Borträge zu verfallen, unablässig auf dieses letzte Ziel hinwirkt und hinweist. * Das ist es, was ich in meinen Lehrsätzen deshalb hervorheben za müssen glaubte, weil Herr Dr. Tachau seine erste These mit den Worten begann: „Der Religionslehrer ist als solcher Lehrer, nicht Geistlicher. Wohl, aber heißt denn Geistlicher nur Homiletiker dermaßen, daß Professor Tachau es als eine Ergänzung hinzufügen zu müssen glaubt, „Homiletik gehört nicht in die Schule"? Es ist in Deutschland kaum ein jüdischer Geistlicher, der nicht ex officio Religionsunterricht ertheilt, und ist der Lehrer oft kein Geistlicher, der Geistliche ist immer Lehrer, und ich zweifle nicht daran, daß fast alle Geistlichen den Unterschied zwischen Kanzel und Katheder kennen und Predigt vom objektiven Unterricht wohl unterscheiden. Daß der Lehrer, der kein Geistlicher ist, es von selber unterlassen wird, Homiletik von der Schule fern zu halten, ist fraglos. Letzteres war der Grund, warum ich meine erste These wesentlich anders zu formuliren für nöthig erachtete. Was die „ausführlichere Form" weiter betrifft, von der Herr Dr. Tachau redet, so glaube ich, daß es in einem Grundriß eines Lehrplans nicht schadet, wenn, ohne den Rahmen der Bündigkeit und Kürze außer Acht zu lassen, eine genauere Präzision des zu Erstrebenden vorliegt. Ueber den Gegensatz zu These 4: Verlangen des systematisch zu ordnenden Lehrstoffs auch an höheren Schulen, möchte ich nichts weiter sagen, als daß mir einmal von dem seligen Professor Dr. G. Wolf, Schulinspektor in Wien, ein Plan vorlag, der heute noch auf den Gymnasien Oesterreichs maßgebend ist, und der im Sinne meines Leitsatzes abgefaßt war. Zu Satz 6: Verwendung des Gebetbuchs als Lehrmittel, wogegen Herr Professor Tachau den Zeitmangel geltend macht, hebe ich hervor, daß mir keine einzige jüdische Religionsschule bekannt ist, in der das Gebetbuch nicht als ein wichtiges Lehrmittel gilt. Was die „Theilnahme am Kultus" anlangt, so ist diese allerdings nicht ein Lehrmittel im engsten Sinne des Wortes; aber es giebt kaum ein die Religionslehre kräftiger förderndes Mittel als diese Theilnahme, und daher soll in einem generell festzusetzenden Unterrichtsplän auch dieses allerwichtigste Lehrmittel nicht unberücksichtigt bleiben. Hamburg, 29. Mai. Dr. D. Leimdörfer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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