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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
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- 263 der Geschichte unseres Volkes und seiner namenlosen Leiden die Ueberzeugung geschöpft, daß wir allen Verfolgungen zum Trotz bestehen werden für unsere Mission, ich wäre verzweifelnd untergegangen!" UILLETON MW Der Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. * (Fortsetzung.) )m nächsten Morgen verbreitete sich das Gerücht, daß der Narr schwer erkrankt sei; nach wenigen Tagen meldete man seinen Tod. An einem sonnigen Frühlingstage versammelte sich, die ganze Gemeinde vor der Thür des alten Gemeindehauses, um dem Scheidenden die letzte Ehre zu erweisen. Schweigend, finsteren Blickes, mit unheimlich entschlossenen Mienen umstanden die Männer den schlichten Leichenwagen, einen elenden Bretterkarren auf schwachen Rädern, der sich auf dem holprigen Straßenpflaster hin- und herbewegte und jeden Monient zur Seite zu fallen drohte. Endlich brachte man den Sarg heraus. Sechs der Stärksten trugen die schwere Last unb setzten sie auf das schwarz behangene Gefährt. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Tiefe Furchen gruben die Räder in das aufgeweichte Erdreich. Als die Thore des Ghettos sich öffneten, um das armselige Gefährt durchzuloffen, das, sich langsam hin- und herwiegend, der Landstraße zu bewegte, da staunten die auf dem Felde arbeitenden Knechte des Grafen über das unerhörte Znwiderhandeln der Juden gegen den Befehl ihres Herrn und liefen eilends dem Gntshofe zu, um diese Mär zu verkünden. Wuthschnaubend empfing der Graf die Nachricht. Was an Waffen im Gutshof vorräthig war, wurde so schnell als möglich herbeigeschafft und unter die Knechte vertheilt, die auf den Befehl des Herrn heranstürmten und sich im Fluge gegen die Ungehorsamen rüsteten. Nun sollten sie alle von seiner Hand fallen, so schwur sich der bis zuni Aeußersten erregte Graf. Diese Uebertretung seines so strengen Befehls forderte Blut. Er gab dem Pferde die Sporen und sprengte in tollen Sätzen an der Spitze seiner Leute dem Leichenzuge entgegen. Er war im Begriff, mit dem schaumbedeckten Roß als Hinderniß den Sarg zu nehmen, als plötzlich das schwarze Tuch sich langsam hob, und die riesengroße Gestalt des Narren, in weiße Sterbegewänder gehüllt, mit einem Male aus dem Sarge emporwuchs. Die Hand des Todteil hob sich langsam, abwehrend. Das Roß scheute, der Graf that einen fürchterlichen Schrei und lag. sich im Staube windend, am Boden. Ein Herzschlag hatte dem Leben des Grausamen in wenig Augenblicken ein Ende gemacht. Entsetzen ergriff die sonst so rohe Schaar seiner Begleiter. In wahnsinniger Hast flohen sie dem Gutshofe zu und ließen den Todten auf der Landstraße liegen. Der Leichenzug wandte sich wieder der Gaffe zu. Erst als die Thore des Ghettos sich wieder hinter dem Zuge geschloffen, sanken die endlich Befreiten einander in die Arme und jubelteil und dankten Gott für ihre Erlösung. Alles drängte sich um Nathan. Jeder wollte ihm danken. Er wehrte ihnen. „Gott hat's so gewollt," sagte er. Er hat mein Flehen erhört. Nun bin ich frei! Frei von der Last, die jahrelang mich fast erdrückt. Nun habe ich helfen können — Euch allen." In seiner kleinen Kammer sank er tief erschöpft auf sein Lager, das oft Zeuge gewesen seiner bangen, schlaflosen Nächte, seines Leids, das er selbst nie sich zu erklären gewußt, das ihn fort und fort verfolgt hatte seit der unglückseligeu Stunde, in der Lea das Opfer einer Laune des Grafen geworden. Ihr, der Einen, um die Tag und Nacht all seine Gedanken kreisten, ihr hatte er nicht beistehen können, ihr vermochte er nicht die Schmerzen zu nehmen, die sie quälten. Ihr Ende, daß er kommen sah, er konnte es nicht aufhalten, aber ihren Brüderir hatte er Helsen können, das war seine Erlösung aus dem Bann, der auf ihm gelastet. Er zog die Sterbegewänder aus und legte seinen Werktagsrock an; dann setzte er sich an das kleine vergitterte Fenster und schaute hinaus in den däminernden Frtthliugsabend. Seine Hände hielt er wie zum Gebet gefaltet, seine Lippen bewegten sich, doch nur unzusammenhängende Laute brachten sie hervor. Seine Seele aber schwang sich befreit empor in jene Höhen, die ewigen Frieden und ewiges Licht bedeuten. Da wurde die Thür leise geöffnet, und Gitel steckte den schwarzen Kopf hinein. „Nathan, komm hinunter, unsere Lea will Dich sehen!" Er sprang auf, und ohne die Alte zu beachten, rannte er zur Thür hinaus. Sie rief ihm nach, sie wollte mit ihm reden, vielleicht zum ersten Male freundlich und herzlich. Er durfte ihr ja zum ersten Male offen und ehrlich ins Auge schauen. Nun hatte er ja gut gemacht, was er damals versäumt. Einmal im Leben hatte er mit seinen sonderbaren Ideen das Rechte getroffen. Allein, er hörte sie nicht. „Zu Lea, zu Lea", tönte es fort in seinem Herzen, und ein Strahl des Glücks leuchtete für Momente in seinen Augen auf und verklärte sein unschönes Antlitz. Gitel sah ihm verdrossen nach. Welch eine Art, sie so bei Seite zu schieben, gerade heute, wo sie sich vorgenommen, ihn ein wenig freundlicher zu behandeln. Er war und blieb trotz allem für sie der Narr, die Last der Gemeinde, von der er jetzt längst nichts mehr forderte. Er blieb ihres armen Lieblings, ihrer Lea, Unglück. Das gute Kind rief ihn nun zu sich. Wie edel und gut sie doch war. Mit solchen Gedanken folgte sie ihm langsam nach, nicht ohne sich vorher in seiner Kammer umgesehen zu haben voller Neugier und Mißtrauen. Dennoch fand sie alles dort rein und sauber unb wußte, daß Niemand Nathan je geholfen oder so um ihn Sorge getragen. Nathan langte athemlos an der Thür des kleinen Hauses an. Leise wollte er öffnen, doch seine bebenden Hände vermochten es nicht. Da wurde die Thür geöffnet, und der Rabbi erschien auf der Schwelle und führte Nathan durch die dunkle Wohnstube in das matt erleuchtete Kämmerchen Leas. Die Kranke saß aufrecht, von Kiffen unterstützt. Ihre blassen Hände streckten sich dem Eintretenden entgegen. Mit weicher, zärtlicher Stimme rief sie seinen Namen. Nathan faßte die heißen, niageren Hände und sank vor dem Lager nieder. Seine Augen blickten starr auf das weiße, von dunklen Locken umrahmte, liebliche Antlitz, das der nahende Tod schon gezeichnet.

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