Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 262 von bannen. Der Regierungspräsident H. hatte — wie später verlautete — den Wortführern der obengedachten Deputation entgegnet: „Was wollt Ihr da mit dieser Forderung?! Wollt Ihr veranlassen, daß Eure Söhne überflügelt werden von den Juden?! Diese sollen Lehrer, Beamte und Offiziere werden können und Euch befehlen!?" und so weiter. Die Worte waren auf günstigen Boden gefallen, — die Emanzipation der Juden schien wiederum in unabsehbare Ferne gerückt. Da kam ein Zufall, rascher als man geglaubt, unseren Glaubensgenossen zu Hilfe. Noch am selben Abend war in der Erwartung, daß Skandale, Katzenmusik rc-, wie schon mehrfach geschehen, sich wiederholen würden, die Bürgerwache verstärkt worden. Eine Abtheilung derselbe«, — worunter 3 Juden, — ward zum Schutze des Regierungspräsidenten H. in dessen Halls gelegt. Herr H., welcher bei seiner damaligen Unbeliebtheit in großer Angst war, kam in das zu einer Wachtstube nmgewandelte Geschoß, sprach sehr freundlich mit den Anwesenden, und da bot sich den jüdischen Männern einc-günstige Gelegenheit, ihm sein feindseliges Benehmen vorzuhalten. Herr H. zeigte Reue und versprach, irunmehr dem Flirsten, — welcher den Juden stets wohlwollend gegenübergestanden, — die Emanzipatiori zu empfehlen. Dem Grlliidsatze folgend, daß man das Eisen schmieden soll, so lange es heiß ist, begaben sich „unsere Drei" gleich am nächsten Morgen in das Regierungsgebäude, Herrn H. an sein gegebenes Wort erinnernd. Ob dem Herrn Regierungspräsidenten diese Eile gelegen kam? Thatsache war aber, daß er sich unverzüglich zum Fürsten begab und das Dekret, betreffend die Gleichstellung der Juden, als hochwillkommene Gabe zurückbrachte. Anfangs der 50 er Jahre, als überall die Reaktion eintrat, wurden die Zugeständnifle endweder ganz zurückgenommen oder umgestaltet. Nur die Gleichstellung der Juden, die am anderen Tage nicht ertrotzt, sondern freiwillig gegeben war, blieb bestehen und wurde ehrlich durchgeführt. Auch der Eidschwur mors zuckaieo kam bald darauf in Wegfall. * Eine zweite Erinnerung, veranlaßt durch Ihren intereffanten Artikel in Nr. 12 Ihrer geschätzten Zeitung, gilt Gabriel Rießer. Dieser so verdienstvolle Mann war im Jahre 1848 im hiesigen Wahlbezirk Kandidat zum deutschen Parlament, und dessen Mitbewerber war Jacob Venedey. Letzterer, welcher aus seinem Pariser Exil, wo er zur Zeit eine sehr freisinnig gehaltene Wochen- oder Monatsschrift, „Die Wage", herausgab, zurückgekehrt war, und Rießer sprachen an ein und demselben Tage. Man hatte ihnen hierzu die evangelische Kirche zur Verfügung gestellt, in welcher damals allein für die Menge der Zuhörer genügend Raum war. Auch der damalige Rabbiner Dr. Leop. Stein s. A. aus Frankfurt a. M. trat im Verlaufe der Diskussion eifrig und warm für Rießer ein. Rießers Rede gefiel sehr. Die eingehende, praktische Schilderung der Zeitverhältniffe und ihrer Ziele feffelte allgemein, und dennoch gab man Venedey endgiltig den Vorzug. Grund hierfür war. daß Rießer, ini engeren Kreise um seine eventuelle Stellungnahme zu der für Homburg so hochwichtigen Spielbankfrage interpeüirt, erwiederte, daß es ihm prinzipiell unmöglich sei, im Parlament der Beibehaltung des Spieles das Wort zu reden oder derselben zuzustimmen. Venedey hingegen trug dieser Frage gegenüber eine gewiffe Nonchalance zur Schau, welche auf die Wähler den Eindruck machte, als ob er zum Mindesten nicht ihr Gegner sein ivürde. Dies schlug durch, Venedey zog als Erwählter Homburgs ins deutsche Parlament ein. Ein Jahr spater, als die Spielbanksrage im Parlament thatsächlich zur Sprache gelangte, war V»nedey einer der Ersten, welche für „Aufhebung des Spiels" eintraten! Die Entrüstung ob dieser geradezu als eine Perfidie angesehenen That war hier in Homburg unbeschreiblich. Das hatte Niemand erwartet; Rießers Aufrichtigkeit aber trat hierdurch erst in das rechte Licht! Bekanntlich wurden an dem Sonntag vor Eröffnung des deutschen Parlaments überall kirchliche Feiern veranstaltet. Auch die hiesige israelitische Gemeinde war von dem Wunsche erfüllt, einen Gottesdienst in der Synagoge zu begehen. Man bat den damals sowohl als Redner wie als Schriftsteller hochgeschätzten Rabbiner Dr. Leopold Stein in Frankfurt a. M., die Festrede zu halten, und dieser sagte bereitwilligst zu. Nach Beendigung der betr. Feier in hiesiger Stadtkirche begaben sich die städtischen und sonstigen Behörden, die Vorsteher der Bürgerwache und viele Andere zur Synagoge, wo Herr Dr. Stein von einer improvisirten Kanzel ans alsbald zu sprechen begann. Nie vergeffe ich den Eindruck dieser von glühender Vaterlandsliebe durchwehten Worte. Stein hatte als Text Psalm 85 gewählt. Sein Hinweis auf die Morgenröthe einer messianischen Zeit erweckte einen Grad der Begeisterung, der kaum zu beschreiben ist. Am selben Abend brachte der israelitische Gesangverein vor dem Hause eines Gemeindemitgliedes, — bei welchem Dr. Stein eine Einladung zur Abendmahlzeit angenommen, — dem Patrioten ein Ständchen. Wiederum allgemeine Sympathieäußerungen. Als aber ^der Gefeierte nach Schluß der Gesänge am offenen Fenster seinen Dank aussprach und abermals in zündenden Worten der großen Zeit und des herrlichen deutschen Vaterlandes gedachte, da kannte ibie Begeisterung der ehrfurchtsvoll lauschenden Menge keine Grenzen. Ein großer Kiddusch Haschem in damaliger aufgeregter Zeit! * Und nun noch zum Schluß eine Erinnerung aus viel früherer Zeit. Sie haben kürzlich des berühmten Profeffors Eduard Gans und seiner Taufe gedacht. Ich bin nun in der Lage, darüber eine nicht uninteressante Mittheilung machen zu können. Mein Gewährsmann ist der selige Dr. H. Reckendorf in Heidelberg, der bekannte Verfasser der „Geheimnisse der Juden", welcher mir folgende, ihm seinerzeit von Dr. I. M. Jost in Frankfurt a. M. anvertraute Begebenheit nacherzählte: Die Zustände in Berlin waren in den zwanziger Jahren (und noch viel länger hinaus) für die Juden schier unerträglich geworden, nachdem ihnen ein Jahrzehnt zuvor Aussicht auf volle Emanzipation gemacht worden war. Besonders für die denkenden, nach höheren Zielen strebenden jungen Männer jüdischen Glaubens. So verabredeten sich denn eines Tages Professor Gans, Dr. I. M. Jost und xin Dritter, dessen Name mir entfallen, beim Könige um eine Audienz zu bitten. Diese wurde gewährt, Tag und Stunde (Vormittags 11 Uhr) angegeben. Die Freunde verabredeten, bei Dr. Jost Punkt 10 Uhr zusammenzukommen. Die zehnte Stunde kam, — nicht aber die beiden Herren. Jost, in Frack und weißer Binde, schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Es schlug halb, — dreiviertel elf — die Erwarteten waren noch immer nicht in Sicht. Da litt es Jost nicht mehr in seinen vier Wänden, er begab sich hinunter ans die Straße, und hier erschienen endlich gegen elf Uhr die beiden Freunde. „Hier haben wir die Emanzipation, anders ist sie ja doch nicht zu erlangen!" riefen sie, ein beschriebenes Papier aus der Tasche ziehend, — es war der Taufschein! Jost stand da wie vom Blitz getroffen. Gans, der seitherige energische Vorkämpfer für die Sache des Judenthums, war fahnenflüchtig geworden! Jost sagte mir seinerzeit — so schloß mein Gewährsmann seine Erzählung: „Hätte ich nicht aus dem Studium