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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 leicht der fröhlichste Mann, den ich je gesehen. Ueber seine Armuth ließ er sich nie anders als scherzend aus, als wäre sie die Quelle seiner Fröhlichkeit. Vom Reichthum dachte er recht geringschätzig und wegwerfend. Einst war ich zugegen, wie er sich ein großes steinernes Haus mit schönen Möbeln, kostbare Kleider, Schmuck u. s. w. wünschte. „Wenn ich nun Alles hätte," fuhr er fort, „so würde ich Gott bitten, daß er mir Alles durch Schadenfeuer nimmt und mir nur ein Hemd übrig ließe." „Was würde Dir ein solch'vorübergehender Reichthum einbringen?" fragten die Umstehenden. „Was es mir einbringe» würde?" gab er zurück, „dann werde ich doch wenigstens ein Hemd haben!" So lange er. noch nicht seine Hand ausgestreckt hat, so lange er noch nicht von Haus zu Haus betteln geht, sucht der Jude seine Armuth zu verbergen. Er denkt: Armuth ist zwar keine Schande, aber auch keine zu große Ehre. „Kneif dir in die Wange," sagt ein jüdisches Sprichwort, „und zeig' den Leuten ihre Farbe." Der Jude kneift und reißt seine mageren Wangen bis aufs Blut, damit man auf ihnen nicht den Stempel der Armuth erkenne. Besitzt er ein Geräth, das einst schön gewesen ist, nennt er ein Kupfergeräth oder einen Leuchter sein eigen, so stellt er sie als Paradestücke an einen recht auffallenden Ort. Kein Hemd auf dem Leibe, aber in Seide und Sammet muß er am Feiertage einhergchen; das Bett ohne Federn, aber mit einer aus bunten Flicken zusammengesetzten Decke bedeckt. Von außen ist die Armuth nicht sofort zu erkennen, denn sie ist verdeckt, desto furchtbarer sieht sie für den Eingeweihten aus. . Gemeine und häßliche Armuth ist im Judenviertel etwas Seltenes. Der ärmste unter den jüdischen Armen, der nicht das nothwendigste Geräth und kein ganzes Kleid besitzt, der hat noch Bücher. Er hat sie geerbt oder hat sie allmälig vom Munde sich abgespart und auch in der dringendsten Roth nicht verkauft oder versetzt. Die Bücher bilden den schönsten Schmuck des jüdischen Hauses, sie machen ihm die Roth erträglicher und bringen einen Lichtstrahl in sein finsteres Dasein. Der Jude betrachtet die Bücher, wie lebende Wesen, wie liebe Hausgenossen; ja sie sind ihm oft lieber als die anderen Hausgenossen, da sie von ihm nichts verlangen. Fällt ein Buch auf die Erde, so sucht der Jude sie durch einen Kuß zuversöhnen. Die Frau verdeckt die Bücher, wenn sie sich kämmt, damit sie nicht ihr Haar sehen. Die Bücher sind seine schönsten Andenken an eine längst verschwundene bessere Zeit und an sie knüpft sich ein schwacher Hoffnungsstrahl für die Zukunft. Dieses Buch erbte er von seinem Großvater, jenes von seinem Onkel, der ein bekannter jüdischer Gelehrter war. Das Buch, welches beständig als Schmuck auf seinem wankenden Tische ausliegt, ist von einem seiner Verwandten verfaßt, und diese Verwandtschaft ist das einzige Vermögen, welches er seinem künftigen Eidam in Mitgift einschätzen kann. Jene schon stark abgegriffenen Lederbände hat er zum Geschenk für seinen Vortrag an seinem Hochzeitstage erhalten. Auf den Vorderblättern jenes dicken Buches sind die Geburtstage seiner Kinder, sowie die Sterbetage naher Verwandter vermerkt. Diese Bücher sind für seinen Geist und seine Lage abgestimmt, sie bilden gleichsam die Apotheke, in der er für jedes Unglück und jedes Wehe Trost und Linderung sucht und findet. In der heiligen Schrift findet er: „Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind und hilft denen, so da gebeugten Gemüthes sind." „Nicht für immer wird des Elenden vergessen, die Hoffnung der Armen bleibt nicht ewig aus." Der Talmud sagt ihm: „Schön ist die Armuth für Israel," „wer das Gebot in Armuth erfüllet, wird es zuletzt als Reicher üben." Seine Erbauungsbücher predigen ihm: „Nichtig sind die schönsten Freuden, »alle werden sie zu Leiden," „Hunger ist der beste Koch" oder „gehst du hungrig schlafen, so stehst du ohne Schulden auf," „Armuth ist keine Schande," „ein edles Gemüth leidet, wenn es satt ist." Der Uebergang vom Reichthum zur Armuth ist bei einem Angehörigen einer anderen Nation mit heftigen Schmerzen und Seelenqualen verbunden, wie der Uebergang vom Leben zum Tode. Der plötzliche Eintritt einer Katastrophe, die ihn seines Vermögens beraubt, gleicht einem Sturze aus schwindelnder Höhe. Wenn dasselbe Geschick einen Juden trifft, so wirkt es auf ihn nicht mit derselben Wucht. Denn in seinen guten Tagen war ihm die Armuth nicht fremd. Er ist ihr nie geflohen, im Gegentheil, er hat sie oft wie ein kostbares Kleinod gesucht. Wenn es galt, seine schöne hoffnungsvolle Tochter zu verheirathen, suchte er für sie einen Mann, nicht etwa in den Kreisen der Geldmächtigen, sondern in der Jeschiboch, der Stätte der Gelehrsamkeit und der Armuth. Täglich sah er feine armen Verwandten, die ihren Unterhalt oder wenigstens Unterstützungen von ihm erhielten, täglich aß er mit Bettlern und Schnorrern aller Art an einem Tische. Der reiche Jude ist nie seines Reichthums sicher; er weiß, daß das Glück ein gar wetterwendisches Ding ist, daß die Quelle seines Reichthums eines schönen Tages plötzlich versiegen kann. Jede Wandlung in der Geschäftswelt, jedes neue Judengesetz kann ihn seines Reichthums berauben. Ist eine solche Wendung zum Schlimmen eingetreten, so gewöhnt er sich bald an die neuen Verhältnisse und schließt mit der Armuth Frieden. Sehr treffend schildert dies folgende jüdische Volkserzählung, die zum Schluffe hier mitgetheilt zu werden verdient: Ein reicher Mann verlor über Nacht sein ganzes Vermögen und es blieb ihm nichts übrig, als der Bettelstab. An einem Abend erbarmte man sich seiner im Hause eines Reichen und ließ ihn in der Küche übernachten. Indessen fand er, auf der schmalen, harten Bank liegend, keinen Schlaf. Die Vergangenheit mit seiner jetzigen Lage vergleichend, entrang es sich seiner gequälten Brust: „O Gott, wie lange noch werde ich so leiden?" - „Nicht mehr als eine Woche," antwortete ihm aus dem Dunkel eine Stimme. Der einstige Reiche glaubte, eine Stimme vom Himmel zu vernehmen und fragte: „Was wird mein Loos nachher sein?" „Nachher wirst Du Dich an die Armuth gewöhnen und ihre Stachel nicht mehr fühlen." „Wer bist Du," fragte er. „Einer, der einst reich war, wie Du," antwortete ihm ein Bettler hinter dem Ofen. Erinnerungen. Von Louis Lehmann in Homburg. (ALn allen Blättern begegnet man zur Zeit der stehendeu Rubrik: , Ty „Vor 50 Jahren". Auch ich kann mit einigen Erinnerungen CJm aus jenen bewegten Tagen dienen. Am 6. März des Jahres 1848 strömte die hiesige Bevölkerung und die der umliegenden Ortschaften vor das hiesige Schloß. Eine : Deputation verfügte sich zum Landgrafen, um ihm die Forderungen des Volkes zu unterbreiten. Lange harrte die Menge, Murren und ' halblaute Verwünschungen wurden vernehmbar. Da endlich kam , die Antwort, welche ein alter Beamter' des Fürsten baarhäuptig verlas. Alles war zugestanden bis auf die Forderung, die Gleichstellung der Juden betreffend. Begeisterte Rufe und Heller Jubel überall! Nur die Juden zogen enttäuscht und traurigen Herzens

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