Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228280--54638-3290791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 260 - umwandeln zu lassen. Die begeisterte und begeisternde Rede, die •' Agrippa II. unter Thränen von einer Erhöhung unweit des Tempels 1 in Anwesenheit seiner schönen Schwester, der Prinzessin Berenice, an das Volk richtet, athmet, man möge vom Redner sonst denken, wie man wolle, tiefernsten, echt jüdischen Geist, und selbst ein Rabbi Jochanan ben Sakkai konnte dieser Rede seine Anerkennung, seine Bewunderung nicht versagen! Wenn Agrippa II. dem Volke zuruft: „Und selbst wenn euere : Gegner schwächer wären als ihr, wie könnt ihr euch einen Erfolg von einem Krieg mit Rom versprechen! Wenn ihr eueren Sabbath heilig haltet, also an diesem Tage nicht kämpfet, dann werdet ihr ' ebenso besiegt werden, wie euere Glaubensgenossen an diesem Tage von Pompejus geschlagen worden sind. Fürchtet ihr aber nicht den Sabbath zu verletzen, warum sagt ihr dann, daß ihr die Waffen^ nur zur Erhaltung des Gesetzes ergreifet! Und wie könnt ihr Hilfe und Beistand von Gott erhoffen zur selben Zeit, wo ihr in Willkür und Ungehorsam euch gegen sein Gesetz auflehnt und den Sabbath entweihet!" (Josephus. Jüdischer Krieg Buch II. Kap. 28.) Wenn Agrippa II. unter Thränen also zu seinem Volk spricht, dann scheint — in dieser tiefernsten Stunde wenigstens — sein besseres Ich in ihm zu erwachen, dann scheint auch er, wie einst sein Vater, seinen Jrrthum zu kennen, seinen Weg bessern und seine Gesinnung läutern zu wollen; aber die Gewalt des Sturmes, der so mächtig braust und tost, reist ihn fort, und er geht in den wildbewegten, tief aufgewühlten Fluthen, er geht in Rom unter! Der Vater, Agrippa I., war das Glück, der Lohn, Agrippa II., das Unglück Israels! Wir citiren zufällig die Rede Agrippas II. aus einer französischen Ausgabe des Josephus^), werden also wieder an Frankreich erinnert und schließen mit dem Wunsche, mit der Hoffnung im Herzen, daß auch die heutigen „Fürsten" Frankreichs ihren Jrrthum einsehen und sühnen und die Ehre Frankreichs wieder in altem Glanze erstrahlen laffen werden. Soziale Bilder aus Nußland. Beiträge zur Psychologie und Ethnographie der Juden. Von R. Brainin. II. Die jüdische Armuth. er Jude und die Armuth gehören unzertrennlich zu einander, wie Leib und Seele. Gleich beim Eintritt ins Leben lernt er sie kennen, in ihr verbringt er seine zarten Kinderjahre, sie umgiebt ihn in der Schulstnbe, wo er sich unter dem Stocke seines Lehrers windet; sie führt ihren Liebling an seinem Ehrentage in die Arme seiner jungen Braut und verläßt ihn nicht während des ganzen Lebens. Sie steht an seinem Sterbebett und begleitet ihn in einem ärmlichen mit einem zerrissenen, schwarzen Tuche bedeckten Todtenwagen zur letzten Ruhe in einem kahlen, schmucklosen Grabe, wobei sie eine verrostete eiserne Büchse schwingt, die mit dumpfer, heiserer Stimme Kupfermünzen verlangt. Die Armuth ist für den richtigen Juden das Element, in dem er lebt und athmet, wie für den Fisch das Waffer. Die Armuth ’) Et si vous ne craignez point de vieler ,1a lei (le Sabath) en combattant aller« comme aux autres jours, pourquoi dites-vous donc que vous ne prenez les armes que pour mainterir vos loix , et commant pouvez-vous esperer du secours de Dieu dans le meine temps que vous l’offenserer volontairement en desobelssant a ses commandeniens?! (Histoire de la guerre des Juifs. Livre II. Chap. XXVIII.) und das Judenthum, wie das Volk es auffaßt, sind siamesische Zwillinge. Der einfache Jude bittet seinen Gott nur um „Brod, zu essen, und ein Kleid, sich zu bekleiden". Hat er beides, so glaubt er. das größte' im finsteren Erdendasein erreichbare Glück gefunden zu haben. Er fürchtet den Reichthum, denn er hat nicht das Vertrauen zu sich, daß er an seinem Glauben und seinen Sitten so Vorhalten wird, wenn Gott über ihn die Fülle seines Segens ausschütten würde. Nur der Arme kann seiner Meinung nach ein wahrer Jude sein; nur Derjenige, der Noth und Unglück am eigenen Leibe erfahren hat, kann wirklich fromm und demüthig sein. Wenn der arme Jude sieht, daß sein reicher Bruder manch wichtiges Gebot nicht beachtet, so sagt er: „Schön ist die Armuth für einen Israeliten", oder: „Und Israel wurde fett und bäumte sich auf", schüttelt mit dem Kopfe und seufzt still in sich hinein. Alle anderen Völker betrachten die Armuth als das größte Unglück, das über sie verhängt werden kann. Sie ist in ihren Augen ein Feind, gegen den es mit aller Kraft anzukämpfen gilt, den niederzuringen und mit Stumpf und Stiel auszurotten ihre nächste Aufgabe ist. Nicht so der sich mit Wenigem begnügende Jude. Ein Jude, der seinen Magen nicht betrügen will oder kann, der da glaubt, daß er essen muß wie andere Menschen, wird geringschätzig als Genußmensch betrachtet. Der Jude ist mit dem Dalles so eng verwachsen, daß er ihn noch bei sich duldet, nachdem er reich geworden ist. Sein Reichthum wächst von Tag zu Tag, aber aus jedem Winkel seines Hauses guckt der Dalles heraus. Der Reichthum ist bei ihm ein flüchtiger Gast, während die Nrmnth seine vertrante Hausgeuossin ist. Die Angehörigen anderer Nationen verlieren beim Niedergang ihrer ökonomischen Existenz in ihrer Verzweiflung auch ihr Menschenthum und werden um ein Stück Brod zu Verbrechern gegen die Gesellschaft, oder suchen im Alkohol ihren Kummer zu ertränken. Gar Mancher endet, wenn er keinen Ausweg mehr sieht, durch eigene Hand. Nicht so der Jude. Wenn der letzte Heller verschwunden ist, wenn er schon seit Tagen nichts oder fast nichts gegessen hat und seine Kinder vor seinen Augen buchstäblich verhungern, so verzweifelt er noch immer nicht. Als Mensch fühlt er sich nicht gesunken, und sein Wille zum Leben ist unverändert stark. In der furchtbarsten Noth bietet ihm die Religion noch ihren Trost. „Wen Gott liebt, züchtigt er", hat der weise König gesagt. Der ärmste Jude sagt sich: „Es giebt noch Aermere als ich und Leiden, die größer sind als meine Armuth." Er ist mitleidig und hat für die Leiden Anderer ein warmes Herz und eine offene Hand. Der Mann aus dem Volk, der sich keine weitgehenden Gedanken macht, beneidet und haßt nicht den Reichen. „Alles hängt vom Glücke ab", oder: „An Gottes Segen ist alles gelegen", sagt sich der einfache Jude, und diese Phrasen bilden für ihn eine ausreichende Antwort auf die uralte Frage: „Warum sind die Frevler glücklich und leben in Frieden die Treulosen?" — „Reize nicht den Frevler, dem die Stunde lacht," denn nur die Stunde ist ihm günstig, und auch für ihn wird die Zeit kommen. Jeder Jude befindet sich im Besitz vieler Gleichnisse, Anekdoten und Beweise, die darauf hinauslaufen, daß der Reichthum für den Menschen kein Glück sei. „Wer in dieser Welt genießt, leidet Noth in der künftigen Welt", „Niemandem werden zwei Tische gedeckt" u. s. w. Der arme Jude ist gewöhnlich gut aufgelegt, und wenn er von seiner Armuth spricht, so geschieht es in einer launigen, humorvollen Weise; er macht sich über sie lustig. So kannte ich einen blutarmen Juden, der in einem kleinen litthauischen Städtchen das Amt eines Nachtwächters versah. Die Frau und die Kinder litten Hunger und hatten keinen ganzen Faden auf dem Leibe. Trotzdem war er viel-