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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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I 1 I: 259 wenn es solche Handlungsweise von Seiten des Fürsten vor sich sieht. Wenn der Fürst, der Große und Erhabene, es nicht scheut, seinen Jrrthum zu bekennen, wie sollte der einfache Mann aus dem Zolle es scheuen, den Irrweg zu verlassen und den Weg der Geradheit lind Wahrheit zu betreten! Freilich, es ist nicht leicht für einen Fürsten, zu gestehen und zu bekennen: Ich habe gefehlt, geirrt als Richter, als Herrscher, als Fürst, dem das Heil und Wohl eines ganzen Volkes anvertrant ist, nicht leicht zu sagen und laut zu rufen: Ich bekenne, ich habe Unschuldige schuldig gesprochen, habe Menschen ohne Ursache ins Elend und Unglück gestürzt, deren Existenz vernichtet, deren Namen verunglimpft, deren Ehre geschändet, es kostet nicht wenig Ueberwindung, Selbstbeherrschung, ein solches Bekenntniß offen, im Angesicht des ganzen Volkes abzulegen; aber „Heil der Generation," ruft der unsterbliche, große Lehrer, „deren Fürst so viel Selbstbeherrschung, so viel Bescheidenheit und Muth besitzt, solches Berenntniß abzülegen!" Wenn nur das heutige Frankreich einen Ben Sakkai hätte, der jenes herrliche Wort den Fürsten und Machthabern, den Großen mit» Vornehmen, die an der Spitze des Volkes stehen, mit Donnerstimme ins Ohr, ins Gewissen hineinriefe! Wenn die heutigen Minister und Räthe der französischen Regierung sich nur um einen Thron schaaren möchten, von dessen Stufen es ihnen mächtig entgegentönte: „Du sollst das Recht nicht beugen", „Du sollst kein Ansehen kennen", „Von einem falschen Ausspruch halte dich fern, und den Unschuldigen und Gerechten bringe nicht um, denn ich werde nicht für gerecht gelten lassen den Schuldigen". (2. B. M. 23, 7.) Die Große» und Vornehmen sind nicht nur die Herren und Gebieter, sondern — unbewußt — auch die Erzieher und Bildner des Volkes, und wenn sie, die Großen, die Gerechtigkeit mit Füßen treten, die Wahrheit trüben, das Recht beugen, dann erziehen sie den Menschen zur Bestie. Ob diese Bestie, wenn sie so wohlerzogen und ausgebildet dasteht, sich dann nicht gegen ihre Erzieher selbst kehrt und wendet, das ist eine Frage, die die Zeit später beantwortet. Vorläufig können wir nur das Wort des französischen Ministerpräsidenten bestätigen, der in der Kammer emphatisch ausrief: „Wer Wind säet, wird Sturm ernten." Möchte Frankreich doch noch in letzter Stunde das Wort Ben Sakkais beherzigen: „Heil der Generation, deren Fürst seinen Jrrthum durch Opfer zu sühnen sucht!" Das von jeher edle, ritterliche Volk Frankreichs, das einst von den Höhen der Civilisation die Gesetze der Freiheit der Welt geoffenbart und mit „göttlichem Finger" die Gebote der Gleichheit und Brüderlichkeit in die Bundestafeln der Menschheit geschrieben, das französische Volk wird denr Beispiel der Fürsten gern folgen lind jede Gemeinschaft mit dem rohen, niedrigeil Gesindel, das durch den Ruf „Tod den Juden" die Ehre Frankreichs geschändet, voll Abscheu von sich weisen. Der Fürst, von dem Rabbi Jochanan ben Sakkai spricht, ist aber durchaus keine abstrakte, erdichtete, sondern eine konkrete, historische Persönlichkeit, die da leibt und lebt, herrscht und regiert, zuerst, in der Jugend, allerdings irrt und fehlt, den Weg der Reinheit und Lauterkeit vielfach verläßt, auf der schiefen Ebene der Zügellosigkeit und Leichtfertigkeit immer abwärts sinkt und dem Abgrund des Verderbens entgegeneilt, später aber, durch Erfahrung belehrt, durch Rene bekehrt, sich ermannt und erhebt lind für das jüdische Volk noch einmal, allerdings zum letzten Male, ein Zeitalter herbeiführt, das an Heil und Segen, an Ruhm und Glanz, an Glück und Zufriedenheit alle früheren hundertfach überstrahlt. Dieser gottbegnadete Fürst war Agrippa I. In Bezug auf diesen König, unter dessen Herrschaft am Lebeiishimmel Israels die Sonne des Glückes so mächtig glänzte und strahlte, ruft Rabbi Jochanan ben Sakkai: „Heil der Generation, deren Fürst seinen Jrrthum zu sühnen sucht, denn thut'S der Fürst, um wie viel mehr das Volk!!" Agrippa I. (gestorben 44 n. d. chr. Z.), Sohn des Aristobul und Enkel der Hasmonäerin Mariamue, stammte bekanntlich von Hasmonäischem und Jdumäischem Blute her, und während in der Jugend der Jdumäer über den Hasmonäer in ihm siegte, triumphirte später der Hasmonäer über den Jduniäer, unb er bildete die Zierde und den Stolz des jüdischen Volkes. Agrippa ward in Rom erzogen, im Umgänge mit Tiberius' Sohn, Drusus, aufgewachsen, und er entwickelte da einen Grad von Leichtsinn, von Verschwendung, von bodenloser Zügellosigkeit, daß er schließlich in bittere Noth, ja au den Bettelstab gerathen ist. Er stürzte sich in Schulden, und wenn sich nicht Verwandte, — Herodias, Fürstin von Galiläa, ihr Gemahl Antipas u. s. w. — seiner angenommen, die ihm eine Stelle als Marktaufseher in Liberias verliehen, er hätte sich sein Brod buchstäblich erbetteln müssen. Aber auch diese Marktaufseherstelle behält er nicht lauge, er wird in den Schuldthurm geworfen, reist später nach Rom, da wird er wieder von Tiberius einer Majestätsbeleidigung wegen in den Kerker geworfen, in Ketten geschlagen, bis endlich Tiberius stirbt und sein Sohn Caligula zur Regierung gelangt, von dem Agrippa zu den höchsten Höhen des Glückes emporgetragen wird. Der verarmte und verschuldete Agrippa wird mit einem Male Fürst und nach dem Tode Caligulas wieder durch die besondere Gunst seines Nachfolgers Claudius König eines jüdischen Reiches, das an Umfang und Macht größer, als es früher je gewesen. Mit diesem Augenblick aber wird Agrippa wie umgewandelt, ein anderer Mensch. Er wird ein ernster, würdiger, sich seiner hohen Aufgabe vollkommen bewußter Mann. Er verabscheut im Herzen Rom mit seiner Sittenlosigkeit und Zügellosigkeit und wendet sich mit ganzen! Herzen zu dem Judenthum mit seiner Lauterkeit und Heiligkeit. Er wird ein glühender Verehrer des Judenthums, ein begeisterter Hüter und Beschützer des jüdischen Volkes. Er erwirbt sich die Liebe und Verehrung des ganzen Volkes, und selbst die gelehrten Mitglieder des Synhedrion rufen ihm voll Anerkennung und freudiger Begeisterung zu: „Du bist uuser Bruder, und wir anerkennen dich mit Stolz als unseren König!" (Sotah 41.) Freilich gab es auch eine unversöhnliche Partei, die Agrippa seine Jdumäische Abkunft einerseits, seine nicht ganz makellose Vergangenheit andererseits nicht vergessen konnte und sich gegen ihn und sein Haus auflehnen wollte. Zu diesen Unversöhnlichen und Intoleranten gehörte aber der Schüler Hillels, Rabbi Jochanan ben Sakkai, nicht. Er anerkannte das unsterbliche Verdienst Agrippas um Israel und das Judenthum, und je leichtsinniger und leichtfertiger er in der Jugend gewesen, desto größer ist dessen Verdienst, im reiferen Alter den Jrrthum erkannt, den Irrweg verlassen und den Weg der Geradheit und Heiligkeit betreten zu haben. In Bezug auf diesen reuigen, seinen Jrrthum erkennenden und sich zur Wahrheit hindurch ringenden großen König ruft Ben Sakkai: „Heil der Generatioil, deren Fürst seinen Jrrthum zu sühnen sucht!" Auch mit dem Sohn Agrippas I.. mit Agrippa II.. sehen wir Rabbi Jochanan Ben Sakkai sympathisiren und nach einer Richtung hin Harmoniken, so sehr, sehr weit ihre Wege sonst aus einander gehen. Beide stehen sie an der Spitze der Friedenspartei, Agrippa II. als König, Rabbi Jochanan bm Sakkai als Oberhaupt des Synhedrion. Beide richten ihr warnendes Wort an die Zeloten, die Stadt Jerusalem nicht durch ihren Starrsinn zerstören, das Heiligthum des Herrn nicht durch ihre Hartnäckigkeit in einen Aschenhaufen

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