Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228280--54636-3290789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«WM« 258 Die neueste Theorie hinsichtlich der verlorenen jüdischen zehn Stämme geht dahin, daß letztere die Vorfahren der jetzt in und um Afghanistan wohnenden Völkerschaften seien, wovon Manche so viel Ausdauer und Tapferkeit in dem gegenwärtigen Kampfe mit den Engländern an der indischen Grenze an den Tag gelegt haben. Beweise hierfür sollen gewisie Inschriften liefern, die ein moderner englischer Reisender in jenen Gegenden aufgefunden hat, und die an den hebräischen Dialekt einigermaßen erinnern. Ebenso sollen manche der besagten Stämme biblische Namen führen und gewisse Gebräuche beobachten, die mit den jüdischen eine gewisse Aehnlichkeit haben. — Auf biblischem Gebiete habe ich ein beachtenswerthes litterarisches Unternehmen zu verzeichnen, das ganz originell ist. Dies ist eine in einzelnen Theilen zu erscheinende Bibel mit englischer UebersetzmiH, welche die polychromische oder vielfarbige Bibel geheißen wird. Die Idee, welche dabei zu Grunde liegt, hat Prof. Paul Haupt in New-Jork zum Urheber, und zwar wird der Text auf einer Grundlage von verschiedenen Farben gedruckt, die dem Leser gleich beim ersten Anblick ««zeigen, was Original und was die nach und nach entstandenen Zusätze dazu sind. Was die fragliche Ausgabe besonders vortheilhaft charakterisirt, ist der Umstand, daß die bedeutendsten Fachmänner der Gegenwart daran Mitarbeiten, worunter sich auch Prof. Jastrow in Philadelphia und Meffrs. Claude Montefiore und Jsr. Abrahams in London befinden. Leider wird diese Bibel so kostspielig sein, daß nur recht wohlhabende Leute im Stande sein werden, sich dieselbe käuflich anzuschaffen. Einige Theile derselben sind bereits vor einigen Tagen bei James Clarke in London erschienen. -MM Aer Epilog;mn Fall Areyfus. Bon Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw. (Mun hat in Versailles der Prozeß Dreyfus seinen Epilog er- CgA, lebt. Oder sollte dies noch nicht das Ende sein? Nach (2^ den letzten politischen Vorgängen in Frankreich erscheint es uns von besonderem Interesse, die charakteristischen Unterschiede unserer und der modernen französischen Weltanschauung gerade in diesem Fall in allen Einzelheiten nachzuweisen. „Und wenn sich der Fürst versündigt und thut eines von den Verboten des Ewigen, seines Gottes, die nicht gethan werden sollen, im Irrt hum und geräth in Schuld, so bringe er sein Opfer, und es wird ihm vergeben sein." (3. B. M. 4, 22—23.) „Heil der Generation," ruft Rabbi Jochanan ben Sakkai in Bezug auf diesen Vers, „deren Fürst seinen Jrrthum zu sühnen sucht, denn thut es der Fürst, um wieviel mehr der einfache Mann aus dem Volke, bereut er schon den Jrrthum, geschweige daß er den Muthwillen bereut und sühnt." Dieses herrliche, scheinbar harmlos-agadische, in Wahrheit aber streng historische, von beit Zeitverhältniffen eingegebene Wort finden wir in der hebräischen Litteratur viermal wiederholt, und zwar im Babylonischen Talmud, Horijoth 10 d., im Jerusalemischen Talmud, Horijoth P. 3, H. 2, im Sifra, Thorath Cohanim zum Abschnitt Wajikra und endlich Thosiftha Baba Kama. P. 7. Die Stelle ist nicht nur ihres allgemein idealen ethischen, sondern auch ihres realen historisch-politischen Inhaltes wegen von höchstem Interesse, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Rabbi Jochanan ben Sakkai war nicht nur der große Lehrer, der in sturmbewegter Zeit die Fahne der Religion hoch hielt und in gefahrvollen Tagen das kostbarste Kleinod, die heilige Lehre, zu retten suchte, sondern er war als Schüler Hillels auch das Oberhaupt der Friedenspartei, der den Zeloten, die den Krieg mit Rom um jeden Preis wollten, dringend zum Frieden rieth und denselben flehentlich zurief: „Warum wollt ihr, o Kinder, diese schöne Stadt, Jerusalem, zerstören, warum dieses herrliche Gotteshaus in Schult und Asche umwandeln lassen." (Aboth de Rabbi Nathan. P. 4.) Und Beide, der Lehrer der Religion, der Ethik des Jndenthums wie der Friedenspolitiker vereinigen sich in den begeisterten, durch die politische Lage und Verhältnisse doppelt bedeutsamen Ruf: Heil der Generation, deren Fürst seinen Jrrthum durch Opfer zu sühnen sucht, denn thut es der Fürst, geschweige das Volk, bereut er den Jrrthum, geschweige den Muthwillen. Betrachten wir zuerst die rein ethische Seite des Wortes. Vergessen wir einen Augenblick der Zeit, in der Jochanan ben Sakkai gelebt, vergessen wir der jüdischen Republik unter dem Titülar-König Agrippa II., des Kaisers Claudius in Rom, der Kriegspartei, der Zeloten, an deren Spitze der Fürst und Vorsitzende im Synhedrion Rabban Simon ben Gamliel, der Friedenspartei, an deren Spitze der stellvertretende Präsident Rabbi Jochanan ben Sakkai gestanden, vergessen wir des grausamen, blutdürstigen römischen Landpflegers Gessius-Florus (64—68), des Bürgerkrieges, der furchtbaren Greuelszenen, die alle nothwendig zum Verderben des jüdischen Volkes, zum Untergang, zur Vernichtung und Auflösung des jüdischen Staates führen mußten, vergessen wir all der schweren, beklagenswerthen Jrrthümer, begangen von den Fürsten und Priestern, die das Volk in den Abgrund des Unglücks und Elends stürzten, betrachten wir die rein ethische, allgemein religiöse Seite des Wortes, welch reicher Schatz an Moral und Sittenlehre ist in demselben enthalten! Der Fürst ist nach den Begriffen des Judenthums allerdings der erste Diener des Volkes; aber vor allem anderen der erste Diener und Knecht Gottes. Es ist ein ehrenvoller, stolzer Titel, den das Judenthum dem Fürsten verleiht, wenn es ihn als Denjenigen bezeichnet, „der Niemanden über sich hat als den Ewigen, seinen Gott". (Horijoth 9a) Nassi — Fürst bedeutet in der hebräischen Sprache der Erhabene, der von der Gottheit zur höchsten Höhe der Würde Emvorgetragene. Dieser hohen Würde gemäß muß der Fürst auch erhaben über alles Niedrige, an Reinheit und Lauterkeit alle Anderen überragen. Der Fürst, der an der Spitze des Volkes steht, muß mit dem Beispiel der Wahrheit und Aufrichtigkeit, der Geradheit und Gerechtigkeit dem Volke vorangehen und als Muster und Vorbild menschlicher Vollkommenheit demselben voranleuchten. Die erste Bedingung menschlicher Vollkommenheit ist aber Bescheidenheit, Selbsterkenntniß, d. h. die Erkenntniß, daß auch der Fürst nur ein schwacher, sterblicher Mensch, der wie jeder Andere irren und sündigen kann und, wenn er geirrt und gesündigt, den Jrrthum bereuen und die Sünde sühnen muß. „Daß sich nicht erhebe sein Herz über seine Brüder," sagt die Schrift vom Fürsten, „und daß er nicht weiche von den Geboten rechts noch links" (5. B. M. 17, 20) . . Wie wunderbar sinnig und lehrreich ist die Sage vom sechsstufigen Thron des weisen Salomo! Wenn der König die erste Stufe des Thrones bestieg, da tönte ihm das Gebot „Du sollst das Recht nicht beugen" entgegen (5. B. M. 16, 19), beini Betreten der zweiten Stufe vernahm er den Gottesruf: „Du sollst kein Ansehen kennen", auf der dritten Stufe: „Du sollst keine Bestechung nehmen", u. s. w. Auf der sechsten Stufe aber, da hörte er den Warnungsruf: „Du sollst dem Ewigen, deinem Gotte, kein Opfer bringen, daran ein Gebrechen ist. denn ein Greuel des Ewigen ist es" (Jalkut. 5. B. M. 16, 17). Welch mächtigen, heilsamen Einfluß muß nicht ein solches Beispiel des Fürsten aufs Volk üben! Mit welchem Eifer wird das, Volk seinen Jrrthum zu beseitigen, seine Sünde zu sühnen suchen