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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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257 nu§ Rosenau, erlaubte es nicht, daß dieser Dringlichkeitsantrag verhandelt werde. Denn das Volk mag weiter hungern, er aber, der dicke Schönerer, der Herrgott von Zwettel, habe früher einen Antrag gestellt, und der müßte verhandelt werden. Schönerer siegte natürlich über den polnischen Juden und Sozialdemokraten, und erst, als der ( „idelsminister eine Interpellation wegen der Getreidezölle beantwortete, kam es zu der glorreichen Debatte, in deren Verlauf Gregorig; n Antrag stellte, 3000 Juden hängen zu lassen, „dann werde das 7wd billiger werden"! (Lebhafte Heiterkeit). Ob wohl die Juden!ü, Parlament mitgelacht haben? Ob wohl der Zuckerfabrikbesitzer 11b Millionär Auspitz auch gelacht hat? — Soviel steht fest, das jüdische Volk, die vielen Tausende von armen, in ihren Rechten verkürzten, um ihr Brod im Schweiße ihres Bigesichtes ringenden Juden haben nicht gelacht. Das also find die : rrungenschaften dieses Jubiläumsjahres! Vor 50 Jahren haben Misere Brüder deshalb für die Freiheit geblutet, sind die Spitzer . w Jellinek erschossen worden, haben Fischhof und Goldmark gekämpft, L;ot L. A. Frankl geschrieben, damit in diesem Jahre des Heiles in Bentlicher Parlamentssitzung ein Wiener Spießbürger solche Worte wreche, ohne daran von einem hochlöblichen Präsidium gehindert zu werden! Das 50. Jahr, das Jubeljahr, war schon dem alten Israeliten ein heiliges. „Rufet Freiheit aus im ganzen Lande", sagt das; eilige Wort, wie jeder Bibelkundige weiß. Wie steht es nun mit unserer vielgepriesenen Freiheit? Besteht sie darin, daß jeder Bube wagen kann, uns zu beschimpfen und zu höhnen? Daß man sich eie Freiheit nehmen kann, uns als reif für den Galgen zu erklären? Und dies geschieht von Leuten, die selbst, oder deren intimste Freunde, er oft in bedenklichen Zusammenstoß mit dem Strafgesetz geuthen sind. Und unsere Großen? Unsere salbungsvollen Redner, die stets;;;-r von Frieden und Loyalität übertriefen, was sagen die dazu? eich, sie kümmert das große Judenelend wenig. Ihnen wird das nibeljahr einen Orden bringen, mit dem werden sie ihr hungerndes Knopfloch schmücken, «nd sie werden überfließen von rühmenden Borten, welche das „erleuchtete" Zeitalter und seine „glorreichen" Vertreter preisen, dann werden sie sich im weichen Pfühle nieder-;4fen, und das jüdische Volk wird weiter seufzen unter der Schmach schändlichen Druckes, unter der Schande bübischer Verhöhnung, enter der Schädigung seiner Ehre und seiner vitalsten materiellen utereffen. Kein Wunder, wenn diese Vertreter, sagen wir bester, Zertreter des Zudenthums längst jeden Einfluß bei ihrem Volke verloren haben. Hcii! Mensch hört auf die schönen, aber verlogenen Worte, die immer und immer wieder verkünden, uns geht es ja doch bester wie unseren Boreltern, denn diese hat man wirklich geköpft und verbrannt; uns aber begnügt man sich, „bildlich" hängen zu lasten; — und dann, »ms können wir thun? Wir sind ja doch in der Minderheit, und war immer der Minderheit verfluchte Pflicht, sich treten zu lasten, o sprechen Diejenigen, die den Tritt nicht verspüren. Das jüdische olk aber ist es müde, sich treten und mit leeren Redensarten abnsen zu lasten. Es hat in den 50 Jahren gelernt, sich selbst zu! treten, und unsere Jugend schreitet da rüstig voran. Darum: oeiliget das 50. Jahr, und verkündet Freiheit im ganzen Lande", ir hören den Ruf des tapferen biblischen Gesetzgebers, und er soll s bereit finden zur frischen, kräftigen That! Iwri. Srrefe aus England. Bon Rev. Dr. Chotzner in Ramsgate. Shakespeare, der Schöpfer des Charakters des Juden Shylock, ein Hasser der Juden oder nichts Dies ist eine alte Frage, die jedoch immer wieder neu auftaucht, so oft wir den „Kaufmann von Venedig" auf der Bühne aufführen sehen. Diese Frage wurde jedoch vor Kurzem von Sir Henry Irving, dem größten englischen Schauspieler der Jetztzeit, der augenblicklich die Rolle des Shylock in seinem eigenen Theater in London spielt, theilweise befriedigend beantwortet. Aus einem jüngst veröffentlichten Privatschreiben des Sir Henry geht nämlich hervor, daß der Schreiber der Ansicht ist, daß Shakespeare keineswegs, wie sein Vorgänger Marlow mit seinem Juden es gethan, den Juden Shylock als eine abstoßende und Lachen erregende Kreatur darstellen wollte, sondern daß es ihm vielmehr darum zu thun gewesen sei, einen Repräsentanten des jüdischen Stammes seinem Auditorium auf der Bühne vorzuführen, der zwar viele Mängel aufzuweisen hat, dennoch aber als Mensch von seiner christlichen Umgebung mit Milbe und Schonung behandelt zu werden verdient. Wer denkt da nicht lebhaft an die herzergreifenden Worte, die Shakespeare dem Shylock in den Mund legt: „Hat denn der Jude keine Augen?... Blutet er nicht, wenn Ihr ihn stecht, oder lacht er nicht, wenn Ihr ihn kitzelt, und wenn Ihr ihm Unrecht thut, soll er sich nicht etwa rächen?" — Der litterarische Fund, den Schechter vor einiger Zeit aus der sogenannten „Geniza" in Kairo nach England gebracht, erregt in den englischen gebildeten Kreisen allgemeines und wohlverdientes Aufsehen. Nicht allein enthält derselbe Manuskripte, die auf Bibel und Talmud Bezug haben, sondern auch solche, die einst vor Hunderten von Jahren Original-Testamente und Privatrechnungen jüdischer Kaufleute gewesen, und die daher auf das einstige jüdische Familien- und Geschäftsleben einiges Licht werfen. Nebstdem befinden sich darunter einige Fragmente der griechischen Uebersetzung des Aquila, desien angenommene Identität mit dem bekannten Onkelos noch immer nicht befriedigend klargestellt worden ist. — Die Jewish Quaterly Review enthält die Rede, womit die gegenwärtige neue Session s(1897—1898) des jüdisch-historischen Vereins vom zeitigen Präsidenten desselben, Mr. Joseph Jacobs, eröffnet wurde. Redner sprach vorzugsweise über den typischen Charakter der englischjüdischen Geschichte und meinte, daß letztere einen nicht zu verachtenden Theil in der gesammten Geschichte des englischen Volkes bilde. Gerade wie die jüdische Geschichte überhaupt mit der gesammten Geschichte der Menschheit innig verknüpft zu sein scheint. Ein eingehendes Studium eines solchen interessanten Gegenstandes von Seiten der Mitglieder sei daher höchst wünschenswerth. Auch der Ex-Präsident des besagten Vereins, Mr. Lucien Wolf, sprach bei fraglicher Gelegenheit, und zwar theilte er den Mitgliedern mit, daß es ihm nach langer Mühe endlich gelungen sei, das Haus aufzufinden, worin Manaffe ben Israel logirte, als er sich in den Jahren 1655—1667 in London aufhielt und für die Erlanbniß der Rückkehr der Juden nach England mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln thätig war. Derselben Autorität zufolge soll Manaffe ben Israel während dieses Aufenthaltes an Geldmangel viel gelitten haben, da Dokumente vorliegen, die besagen, daß er den Protektor Cromwell verschiedene Male um Geldunterstützung ersucht hat. Sicherlich wurden seine Ansuchen erfüllt, da er sonst außer Stande gewesen wäre, zwei Jahre lang in einem zu jener Zeit höchst fashionablen Hause zu wohnen und die großen Kosten eines längeren Aufenthaltes in der englischen Metropole aufzutreiben, ohne gewisse Einkünfte zu haben. —

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