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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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256 Das ist der Gewinn jener Erzählungen von dem Raube christlicher Kinder durch Juden, und so traurige Szenen find die Folge der Verbreitung ähnlichen Aberglaubens. Dank dem energischen Dazwischentreten der Regierung ist die Ruhe in Aamboli und Slivno hergestellt, indessen werden die Vorgänge noch lange ihre Spuren zurücklaffen. Die Angst vor Verfolgung hielt zahlreiche Juden davon ab, in die Dörfer zurückzukehren, wo sie ihren Lebensunterhalt fanden. * Die Aussicht, daß ein griechischer Prinz die Regierung von Kreta erhalten soll, bietet für die dortigen Juden wenig Tröstliches. Die Griechen sind den Juden eigentlich nie sehr freundlich gewesen, und schon einmal hat ihre Feindschaft die günstigen Dispositionen der türkischen Regierung für die Juden dieses Eilands illusorisch gemacht. Als 1867 der Insel Kreta Selbstverwaltung zugestanden wurde, hatten alle Konfessionen Vertreter zur Generalversammlung zu wählen. Die Juden wählten Aba baki del Medigo, aber die Christen widersetzten sich seinem Eintritt in die Versammlung und gaben erst einem Spezialferman nach. Aber auch nachher widersetzten sie sich seinen Forderungen, daß die Juden Beamte und Richter sollten werden dürfen, und mit allerlei gesetzlichen Chikanen gelang es ihnen auch, die Ablehnung dieser Forderungen durchzusetzen. Kaum daß die Griechen wieder in Thessalien einrücken, das jetzt von den Türken geräumt wird, so beginnen auch schon wieder Hetzereien gegen die Juden in diesem Lande. Man macht ihnen zum Vorwurf, daß sie nach den Niederlagen der Griechen nicht.mit diesen geflohen sind, sondern die siegreichen Türken erwartet haben. Thatsächlich haben sich die Juden in den Türken nicht getäuscht, denn sie sind von ihnen durchaus gerecht und gut behandelt worden und hatten keinen Grund, unzufrieden zu sein. Die größten griechischen Zeitungen, z. B. „Akropolis", treten übrigens der Judenhetze scharf entgegen. Brief aus Oesterreich. Mai 1898. ie Oede der Sprachendebatte, mit welcher in unserem Abgeordnetenhause die Zeit verzettelt wird, man nennt dies Obstruktion, wurde wieder einmal durch eine glänzende Schimpferei über die Juden unterbrochen. Daß diese vertrödelte Zeit im wörtlichen Sinne eine kostbare ist, weiß der arme Steuerzahler nur zu gut. Denn eine solche Sprachendebatte kostet einige Tausend Gulden. Wir haben es ja und können es uns deshalb gönnen. Freilich, der schwache Unterthanenverstand des vorurtheilslosen steuerzahlenden Staatsbürgers weiß nicht, was für Nutzen ihm aus dieser Sprachendebatte erstehen soll. Vielleicht fragen wir einmal den Herrn Schönerer, diesen Allgewaltigen unseres Parlaments, welchen schöne Seelen das Gewissen des Reichsraths zu nennen belieben; auch gut, aber daun ist es ein schlechtes Gewissen. Da-sitzt nun unser ganz neugebackener Ministerpräsident, der Graf Thun, mit seinen Ministerkollegen und hören es schon zum so und sovielren Male, früher gebe es keine Ruhe für dieses ruhelose Oesterreich, bevor nicht die Sprachenverordnungen, welche an einem äiss nekastus, Baden!, unseligsten Angedenkens, der jetzt in den Anklagezustand,.zu erhebende pollakische Schlachzize, herausgegeben, wieder aufgehoben werden. Der böhmische Graf mit dem Kavaliergesichte und dem unvermeidlichen adeligen Monocle denkt bei allen diesen Zänkereien wohl an sein herrliches Schloß, das er in Tetschen an der Elbe besitzt, und an die gewaltigen Cedern, welche seinen dortigen Park zieren. Wir glauben, er wird bald, procul negotiis, unter jenen Cedern ganz ungestraft wandeln — denn mit Schönerer giebt's kein Paktiren. Dieser grimme Hagen mit dem Bierbaß wird keine Ruhe geben, er nimmt grause Rache dafür, daß er wegen Hausfriedensbruches und anderer Störungen der öffentlichen Ordnung hat einige Monate brummen müssen. Oesterreich krankt an dem Chauvinismus dieses Menschen, dessen arische Gemahlin direkt von Schmul Lei, Cohn aus Pohrlitz in Mähren abstammt. Unsere ganze Linke, diverschämten und unverschämten Antisemiten, von der Fortschritts Partei bis zum Heerbanne Luegers, sie steht im Banne Schönerer«, und auch der Fürst Liechtenstein, „der schwarze Prinz", hat sein deutsches Herz entdeckt, seine „Gemeinbürgschaft" mit Schönere: erklärt und eine Rede zur Sprachendebatte gehalten, in welcher n eine der vielen, jetzt so beliebten politischen Häutungen vollzog. E: ist zwar noch weiter „schwarz", aber dazu kommt jetzt ein wenig „roth-gold". Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und clara pacta - boniamici; so wurde die Liechtenstein'sche deutsche „Gemeinbürgschaft von den strammen Volksgenossen den Christlich-Sozialen damit quittirt, daß ihnen gestattet worden, wieder einmal auf die Jude-, zu schimpfen und zur Abwechselung etwa „3000 Börsenjuden" - natürlich in effigie — hängen zu lassen, dann, ja dann werde da; Getreide, das Mehl billiger werden, wie sich der Wiener Pfaidler und Reichstagsabgeordnete Gregorig auszudrücken beliebte. Als dieser Wiener Bezirkspolitiker das humane Wort vom Aushänge,, der 3000 Juden sprach, unterhielten sich unsere Reichsboten sehr gut, sie lachten zu dieser witzigen Bemerkung. Vielleicht dachte,, einige Historiker unter ihnen an die schönen Zeiten, in welchen Karl der Große 4000 Sachsen zur höheren Ehre Gottes im Namen de, Liebe und Menschlichkeit zu Verden an der Aller köpfen ließ. Ob Hängen oder Köpfen, darauf kommt es nicht an, wenn nur di? Humanität triumphirt; vielleicht dachten auch einige Geschichtskenner unter unseren Abgeordneten — es soll auch solche geben — an die jetzt — ach, geschwundenen — Zeiten, in welchen man einige Tausend Juden in Spanien briet, köpfte, folterte. Freilich, Spanien hat jetzt andere Sorgen, aber! es hat auch keine Juden. Aber da wir vo», spanisch-amerikanischen Kriege sprechen, wie wäre es, Ihr Herre,, Gregorig und Schneider, wenn Ihr eine Interpellation an den Minister des Aeußeren richtetet, ob ihm nicht bekannt sei, da;, die Juden den unseligen Krieg veranlaßt haben, und es endlich hoch an der Zeit wäre, alle Juden, welche heute Spanien bewohnen, auf die Teufelsinsel zu schicken? Was für „lebhafte Heiterkeit" müßte es in unserem Abgeordneten hause erregen, wenn sich dann einer der „Ehrenjuden des Polenklubs erhöbe, wir denken da etwa an die um die Linderung des .Elends unter ihren Brüdern (wer lacht da?) so hochverdiente,, Abgeordneten Dr. X. und Dr. %, Großkaufmann A. und Fabrikant B und dem staunenden Hause verkündete, die beantragte Maßregel sei gan, unmöglich auszuführen, weil die Juden aus jenem Spanien schon vor 406 Jahren vertrieben worden wären und dieses jetzt vollständig judenrein sei! Doch zur Sache! Es hat sich also in unserem Parlament ereignet, daß sich ein Ab geordneter, es war der Sozialdemokrat oder, wie ihn Schmul Leb- Schwiegerenkel, Schönerer, nennt, der Jud, der polnische Jud Dr. Verkauf, erhob und -meinte: So wichtig es auch für Wolf- und Schönerers wie für Brzeznovskys und Podlipnys Geschäft sei daß die Sprachendebatte nicht ruhe, das arme Volk werde davon nicht satt, das Getreide werde infolge des Krieges und der schlechten Ernte immer theurer, man möge daher wenigstens die Getreidezöllc aufheben. Der Gatte von Schmul Lebs Enkelin, der rasende Teutonc

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