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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 hatten wir die Vermuthung, daß die Statistik der Judentaufen, namentlich in den Großstädten, keine ganz zuverlässige sei. Diese Vermuthung wird uns fast zur Gewißheit, wenn wir die in den statistischen Berichten angegebenen Zahlen mit denen vergleichen, die uns bekannt find und leider fast alltäglich mitgetheilt werden. Dabei sind es aber hauptsächlich zwei Punkte, die uns ausgefallen, und die sicher einer genauen' Untersuchung bedürfen. Fast in jedem Falle wird darüber berichtet,, wie leicht einzelne protestantische Geistliche — es werden besonders zwei oder drei Namen genannt — den Uebertretenden den Taufakt machen. Darf man diesen Mittheilungen Glauben schenken, so wird nicht einmal immer das vorgeschriebene Glaubensbekenntniß verlangt. Auch sonst wird den Täuflingen jede Erleichterung gewährt. Doch das geht am Ende die Kirchenbehörden mehr an als uns. Viel mehr interessirt uns aber die merkwürdige Erscheinung, daß die Taufe, die man früher so viel wie möglich geheim zu halten gesucht hat, jetzt in vielen Fällen mit einer Publizität betrieben wird, die von jede»! Standpunkte aus — und wir sind überzeugt, daß alle ehrlichen Christen uns zustimmen werden — gleich verwerflich ist. Wir haben in letzter Zeit mehrere solcher Fälle erlebt. Wir haben in einer Zeitung den ausführlichen Bericht über die glänzende Hochzeitsfeier der frischgetauften Tochter eines reichen Mannes gelesen, der mit seiner Gattin dem Zuge in die Kirche voranschritt, während ein nicht unbeträchtlicher Theil seiner früheren Glaubensgenossen ihm folgte. Wir haben ferner in einem Lokalblatte den umständlichen Bericht über die Taufe eines jüdischen Arztes gelesen, die ungefähr so lautete, als handelte es sich um ein Jubiläum oder eine Auszeichnung des „in der Stadt wohlbekannten und hochgeachteten Mannes". Was folgt aber aus diesen Thatsachen? Es erwächst daraus mit Sicherheit eine betrübende Erfahrung: Die Scheu vor einem solchen entscheidenden Schritt hat längst aufgehört. Während man früher sich des Abfalles schämte, sucht man ihn jetzt im Gegentheil bekannt zu machen. Und was das Schlimmste ist: Auch in den Kreisen, die „der alten Lehre noch treu geblieben", ist eine Konivenz gegenüber dieser Abfallswuth üblich geworden, die ein überaus trauriges Zeichen der Zeit ist, lind die unsere Seelsorger vor allem daran erinnern sollte, diesem wichtigsten und traurigsten Zweige ihrer Berufsthätigkeit in der Gegenwart eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Folgen des Antisemitismus sind in Frankreich genau dieselben wie in Deutschland. Nur, daß sie dort rascher eintreten und heftiger sich äußern. So hat eben der Großrabbiner von Frankreich. Zadok Kahn, einen Aufruf zu Gunsten der hungernden Juden in den französischen Tageszeitungen veröffentlicht. Er schreibt darin: „Unsere Glaubensgenossen, selbst die wohlhabenden, stehen vor einer argen Gefährdung ihrer finanziellen Situation. Aber besonders die Kleinen, die armen Arbeiter, find grausam betroffen worden. Die christlichen Arbeitgeber, selbst die wohlwollendsten, haben fich unter dem Druck von Drohungen und unaufhörlichen Denunziationen bei der aufgehetzten Menge fast alle entschließe» müssen, ihre jüdischen Arbeiter und Angestellten zu entlaffen. Bon einem Tage zum anderen find Hunderte von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen brodlos geworden, besonders in den Tabak- und Cigarrenfabriken, den Schneider- und Schuhmacherwerkstätten und die jüdischen Kutscher. Alle diese brodlosen Arbeiter haben mit ihren Familien die Zahl der Nothleidenden vergrößert, welche der jüdischen Wohlthätigkeit zur Last fallen. Leider vermindern fich gleichzeitig mit der steigenden Noth die Hilfsquellen, denn die Geschäfte in Algier stehen fast völlig still." DieZeitungen eröffne»eine Subskription, allen voran die „Aurore", die selbst mit 100 Francs die Sammlung beginnt. * Die Unterrichtsnoth wird für unsere Glaubensgenoffen in Rumänien immer größer, denn es ist heute schon vollkommen klar, daß durch das neue Gesetz mindestens tausend Knaben, die sich auf den 40 rumänischen Gymnasien und Lyceen befinden, gezwungen sein werden, diese Schulen am 1. August zu verlaffen, wobei die große Anzahl von Kindern, welche Ende Juni aus den jüdischen Primärschulen nach Beendigung ihres Kursus abgehen, noch nicht einmal mitgerechnet sind. Und auch bei dieser zweiten Serie handelt es sich nm viele Hunderte, die ihre Studien auf den Gymnasien fortsetzen wollten. Noch weiß kein Mensch, was aus diesen armen Kindern werden soll, denn obwohl hier und da Versuche gemacht werden, jüdische Gymnasien zu gründen, und obwohl man über diese Dinge mit der Alliance, der Jewish Colonisation Association unterhandelt und auch Frau Baronin Hirsch Hoffnungen erweckt hat, so ist doch noch nichts entschieden, und die Zeit, wo alle diese Kinder aus den Schulen vertrieben werden, rückt leider immer näher. Schnelle Hilfe thut noth, wer hilft den hart bedrängten Brüdern? $ Die Zeit um das Osterfest bis zum Wochenfest ist für gewiffe Gegenden des Orients die günstigste, Zeit für die Anklagen des „rituellen Mordes". Die Vorgänge, welche in Aamboli und Slivno in Bulgarien stattgefunden, zeigen, wie zahlreich in jenen Gegenden noch die Anhänger jenes berüchtigten Vorurtheils sind. Der Myr (Friede), welcher als Organ des bulgarischen Ministers des Innern gilt, veröffentlichte in seiner Nummer vom 14. April einen interessanten Artikel darüber, den wir hier wiedergeben wollen: Bei uns wie in anderen Ländern verharrt die unwissende Menge in dem Aberglauben, daß die Israeliten einem barbarischen Religionsgebrauch huldigen, bei Gelegenheit ihres Osterfestes. Es finden sich überall Menschen, die aus Interesse diesen Aberglauben ausbeuten, die Geister aufregen und den fanatischen Pöbel zu allerhand' Ausschreitungen aufreizen, die die beklagenswerthesten Folgen haben. Dem Beispiel einiger Länder folgend, wo der Antisemitismus herrscht, versuchten es in diesem Jahre einige Abenteurer, Verfolgungen der Israeliten ins Werk zu setzen, und drängten die Menge dazu, dieselben anzugreifen. Dank den Maßregeln, welche die Behörden zur Zeit ergriffen, wurden ihre Bemühungen vereitelt. So verbreitete fich denn am 24. März in Uamboli das Gerücht, daß ein Israelit ein heranwachsendes Mädchen habe rauben wollen; dies genügt, um Zusammenrottungen herbeizuführen, die Juden wurden angegriffen und die Scheiben im Judenviertel eingeworfen. Durch das schnelle Eingreifen der Polizei hatte der Vorgang weiter keine Folgen. Es wurden einige Ruhestörer festgenommen und eine Untersuchung eingeleitet. Die Vorgänge in Uamboli fanden ein Echo in dem Oppofitionsblatt „Fraki", das in Slivno erscheint. Dort fiel es einem Kinde ein, das oft wegen seines Ausbleibens aus der Schule bestraft wird, seine Abwesenheit am 86. März damit zu entschuldigen, es sei von Jude» entführt worden, in einen Keller gesperrt und dort in eine Tonne, die mit Eisenspitzen ausgeschlagen, geworfen worden. Es wäre nur durch die Flucht mitten in der Nacht dem entsetzlichen Martyrium, das es erwartete, entgangen. Die Menge benutzte diese Ausrede, um die jüdischen Läden anzufallen, die Fenster einzuwerfen und die Waaren auf die Straße zu schleudern, wo sie wiederum von anderen gute» Christen bei Seite gebracht wurden. Die Polizei, von der Armee -unterstützt, stellte die Ruhe wieder her und beruhigte die Geister. Die .Schuldigen wurden dem Gericht übergeben. Bei der Untersuchung, welche in Gegenwart des Divisionskommandanten, des Präfekten und eines Priesters stattfand, gestand das Kind, in Gegenwart seiner Mutter und seiner Tante, daß es Niemand entführt habe, daß es den Nachmittag des 36. bei seiner Tante zugebracht, und daß die seinen Kameraden erzählte Geschichte nur ein Spaß sei, um seine Abwesenheit von der Schule zu entschuldigen. Mutter und Tante legten das nämliche Zeugniß ab.

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