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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-03 · Heft 22 (3.6.1898) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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- 254 -- entspräche, für Sondergesetze gegen die Juden eintreten. Sie alle verlangen schon heute unbedingten Ausschluß der Juden von allen besoldeten und unbesoldeten Aemtern im Staats- und Gemeindedienste, Einschränkung der Schülerzahl an den Gymnasien und Universitäten, Beschränkung der Inden im Handel und Wandel, Sperrung der Grenze für jüdische Einwanderer und Durchwanderer ii. s. w. Wir wissen also, was wir von jener Seite zu erwarten haben. Wir wissen aber auch, was bei den kommenden Wahlen unsere Pflicht ist. Der natürliche politische Takt jedes jüdischen Wählers wird ihm genau sagen, welcher Partei er sich anzuschließen hat. Von den gegenwärtig existirenden sind, wie gesagt, die Konservativen, der Bund der Landwirthe, die deutsch-soziale Partei, leider auch zum großen Theil die Freikonscrvativen, nicht für volle Gleichberechtigung. Das Centrum als Ganzes ist gegen alle Ausnahmegesetze, die nationalliberale Partei ist, wie in allen anderen Fragen, auch in dieser nicht zuverlässig; während dieselbe in verschiedenen Kreisen antisemitische Kandidaten unterstützt, hat sie hier einen Wahlaufruf verbreitet, der fich gegen jeden Kandidaten wendet, welcher deutsche Staatsbürger um ihres Berufes und Glaubens willen angreift. Die freisinnigen Parteien treten selbstverständlich mit aller Entschiedenheit für die Verfassung und gegen jeden Versuch einer Schmälerung bürgerlicher Rechte ein. Aber ihre Lage ist eine sehr schwierige; sie stehen einer Verbindung gegenüber, die einer ungewöhnlichen Ausdehnung sich zu erfreuen hat, und die trotz mancher Spaltung doch geeinigt sich zu einem entschiedenen Kampf gegen die gesammte liberale Weltanschauung anschickt. Auf diesem Wege ist die sogenannte Judenfrage nur eine Etappe. So ist die Situation, und die Lehren, die aus dieser Betrachtung hervorgehen, sind von selbst gegeben. Wir möchten daher alle unsere Glaubensgenossen, die sich an der Wahlbewegung betheiligen, zflr Ruhe und zur Vorsicht, dann aber auch zu Muth und Entschiedenheit und hauptsächlich zu voller Bethätigung eindringlich auffordern. So fern uns die Idee liegt, konfessionelle Politik treiben zu wollen, so wenig wir das Eingreifen der religiösen Konfessionen als solcher in die Wahlbewegung billigen können, ebenso entschieden müssen wir uns aber das Recht wahren, im Wahlkampf gegen diejenigen Parteien aufzutreten, die die Bedingungen unserer Existenz einfach vernichten wollen. Das kann kein objektiv Denkender konfessionelle Politik nennen, das ist vielmehr die natürliche und selbstverständliche Pflicht der Selbsterhaltung und unser gutes staatsbürgerliches Recht, das uns Niemand ungestraft rauben soll. So lange eine „Judenfrage" nicht existirte, so lange brauchten wir von diesem Recht als Juden keinen Gebrauch zu machen, und wir konnten unsere Stimme ruhig solchen Männern geben, die keine anderen Ziele kannten als Recht und Freiheit. Heute ist die Sachlage allerdings eine andere. Aber wie die Lage sich auch verändert hat, wie traurig die gegenwärtige Situation auch sein mag, und wie hoffnungslos sich, etwa die Zukunft gestalten könnte, es ist doch ein Trost für uns, daß nicht unsere Schuld diese Verhältnisse herbeigeführt hat, daß wir für unser gutes menschliches Recht eintreten, indem wir eine Verbesserung anstreben. Wir suchen auch heute nicht das Trennende hervor, wir stellen auch heute nicht unsere Sonderintereffen in den Vordergrund, uns steht auch heute noch und immer nur in erster Reihe: das Wohl des Vaterlandes, der Fortschritt der Kultur, 8ie gedeihliche Entwickelung aller geistigen und materiellen Güter. Daiyit hängt aber auch die völlige Gleichberechtigung aller Religionen und Konfessionen im Staate eng zusammen, und darum müssen wir von unserem Rechte Gebrauch machen, Jeden zu bekämpfen, der dieses heilige, mühsam erkämpfte Gut der Gleichberechtigung mit frevelnder Hand anzutasten wagt. Wir beklagen es gerade deshalb auf. das Lebhafteste, daß wir diesmal keine Aussicht haben, innerhalb der staatserhaltenden Parteien einen jüdischen Abgeordneten zu finden, der mit voller und aufrichtiger Begeisterung für unsere Rechte und gegen die Feinde derselben auftreten könnte. Hätten wir überall zu jeder Zeit die Einigkeit und Entschiedenheit bethätigt, die uns einer Welt von Feinden gegenüber schon das Gesetz der Selbsterhaltung eindringlich predigt, so hätte auch hier manches geschehen können, um unsere Wünsche nach einer sachkundigen Vertretung im deutschen Reichstag zur Erfüllung zu bringen. Aber noch ist es nicht zu spät. Was wir bei diesen Wahlen versäumt, das kann bei den nächsten, also bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus, die in vieler Beziehung nicht minder wichtig für uns sind, nachgeholt werden. Wir wiederholen zum Schluß nochmals kurz und bündig die Prinzipien, die wir allen Glaubensgenossen zu den bevorstehenden Wahlen empfehlen möchten: Wir gehören als Juden keiner bestimmten politischen Partei an. Jeder von uns wählt nach seiner Ueberzeugung. Wir haben nur ein gemeinsames negatives Ziel: Gegen unsere Feinde und ihre Genossen! Dieses Ziel müssen wir aber bei den Wahlen mit ganz besondere»! Eifer und mit voller Entschiedenheit verfolgen, denn unsere Gegner setzen auf die Ent Wickelung der Dinge in der nächsten Zukunft große Hoffnungen. Sorgen wir dafür, daß diese, so viel an uns liegt, vereitelt werden. Zum mindestens aber soll uns nicht der Vorwurf gemacht werden, daß wir unsere Pflicht verabsäumt hatten. Das Ziel ist hoch, der Kampf ist schwer, aber er soll uns gerüstet finden. Thue deshalb Jeder seine Pflicht am Wahltage, denn es gilt für uns das Heiligste und Theuerste, die Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte, die wir nicht antasten und nicht schmälern lassen dürfen. Berlin, 31. Mai. fie Politik hat Ferien — und deshalb läßt man auch die Juden in Ruhe. So können wir uns denn eine Weile mi! den eigenen Angelegenheiten beschäftigen, die wahrlich einer ganz besonderen Pflege bedürften, jedenfalls einer besseren und eindringlicheren, als ihnen bisher zugewendet wurden Während man in den Kreisen, die noch warmes Interesse fürs Judenthum haben, sich über unbedeutende Synagogenreformen streitet, über Assimilation und Zionismus entzweit, macht der Abfall immer weitere Fortschritte, nimmt der Jndifferentisnms in erschreckender Weise zu. Einsichtige haben es allerdings vorhergesehen, daß die nächste Folge des abnehmenden Antisemitismus der Abfall aller Derer sein werde, die es nur als „eine Ehrensache" ansehen, in der Zeit des Kampfes „bei der alten Fahne zu bleiben", die aber die Ruhepause rasch benützen, um ins andere Lager zu laufen. Der Trost von den „welken Blättern, die für den Abfall reif sind", kann uns angesichts dieser Thatsachen wenig frommen. Es sind nicht immer die welken Blätter, die der Sturm abschüttelt, und er verweht leider gerade am meisten die Jugendblüthen, die ihrem Stanime zurZierde und zum Nutzen hätten werden können. Ohne Bild gesprochen: Das Kapitel von den Judentaufen ist das traurigste und peinlichste, aber auch dasjenige, welches vor allen anderen Dingen die unausgesetzte Beachtung aller Derer erfordert, die berufen sind, über Israel zu wachen. Schon lange

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